Konstanz Auf einen Kaffee mit Wolfgang Mettler: „Hochkultur ist für alle da“

Auf einen Kaffee mit Wolfgang Mettler, der im Café des Rosgartenmuseums über seine Leidenschaft für die Musik spricht.

Herr Mettler, was wären Sie ohne Musik?
 
Das weiß ich nicht, ich habe nie ein musikloses Leben gehabt. Auch als Jugendlicher schon war ich anscheinend ständig am Singen. Meine Eltern behaupten, ich hätte eher gesungen als einen Ton g’schwätzt. Ich habe dann mit Klavierunterricht angefangen. Die Musik zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben und hat sicherlich eine Schlüsselwendung in zwei Personen gehabt. Die eine war Bertl Wittmann, meine Klavierlehrerin und eine hervorragende Pädagogin. Die andere war mein langjähriger Musiklehrer Hermann Müller am Suso-Gymnasium, dessen Stephans-Chor ich übernehmen durfte. Dazu kam noch der Zufall, dass meine Eltern mit dem ersten Oboisten der Philharmonie befreundet waren. Der hat damals gesagt, ich solle mal in ein Konzert kommen. Das war im Konzil, noch vor dem Umbau 1962. Ich sollte mich durch den Bühnenvorhang schmuggeln und mir einen freien Platz suchen. Da saß Oberbürgermeister Bruno Helmle in der ersten Reihe und winkte mit dem Finger, dass ich zu ihm kommen solle. Ich bin natürlich mit einem roten Kopf zu Helmle gegangen. Er sagte: ‚Wolfgang, du hast mich als Elfjähriger gerade an Fasnacht beim Schunkellied auf dem Klavier begleitet, das hat ohne Probe gut geklappt. Dafür darfst du heute neben mir sitzen, denn meine Frau ist krank. Ab jetzt wirst du immer da sitzen, wenn sie nicht im Konzert ist‘. Und so habe ich die ersten zwei, drei Konzertsaisons in der ersten Reihe neben dem Oberbürgermeister mitbekommen und habe mir die ganze Literatur schon als Junge reingezogen. Das hat mich schon sehr stark geprägt.

 
So wuchs die Begeisterung für die Musik noch weiter.
 
Ja, das war überwältigend. Wenn man solche Musik zum ersten Mal hört und zudem in einem Alter, in dem das Kindliche schon fast Vergangenheit ist und das Hirn zu funktionieren beginnt, kann das ein Schlüsselreiz sein. Von sinfonischer Orchestermusik bin ich seither jedenfalls fasziniert.
 
Diese Begeisterung haben Sie auch als Lehrer weitergegeben. Wie haben Sie es geschafft, dass sich sogar pubertierende Jungs freiwillig eine Klassik-CD gekauft haben?
 
Ich glaube schon, dass man durchaus die Hochkultur – ich sage diesen Begriff bewusst – an den Mann bringen kann, wenn man selbst dahintersteht. Ich habe ja auf Einladung der Philharmonie mit dem Schulchor der Geschwister-Scholl-Schule die „Schöpfung“ aufgeführt, zusammen mit Concerto Constanz große Messen, sogar das Mozart-Requiem, das geht alles. Ich finde es schade, dass viele Menschen glauben, sie seien für diese Art von Kultur nicht geschaffen und sie sei für die oberen 10 000 gemacht. Dabei ist Kultur für alle da, sie macht unser Leben aus. Man darf nicht einfach sagen, wir bleiben auf der Höhe des Rockfestivals stehen. Das hat auch seinen Sinn. Jeder Schlager hat seinen Sinn. Kürzlich ist James Last gestorben. Das ist auch nicht jedermanns Musik, aber er hat Millionen begeistert. Es ist wichtig, zwischen den verschiedenen Musikrichtungen Brücken zu bauen und jedem klarzumachen, dass auch die große Kunst für jeden nutzbar ist.
 
Wie berührt denn die große Kultur das Leben eines Schülers?
 
Zunächst ist sie auch aus der Geschichte dieses Schülers beziehungsweise aus der Genese unseres Landes entstanden. Insofern könnte man auch fragen, was ein Navigationssystem mit einem Schüler zu tun hat. Künstlerische Äußerungen sind für jeden erlernbar, auch für einen Schüler, wenn er seinen Empfänger richtig einstellt und versteht, was der Sender sagt. Leider werden heute anspruchsvolle Dinge, die Hirn fordern, also nicht nur geistiges Fastfood, als elitär in eine Ecke geschoben. Das wollte ich als Sender bei den Schülern immer vermeiden.
 
An wie vielen Tagen in der Woche haben Sie zu den anstrengendsten Zeiten einen Taktstock in der Hand gehabt?
 
Am Montag hatte ich keinen Taktstock in der Hand. Am Dienstag war der Sinfonische Chor dran, am Mittwoch der Schulchor, am Donnerstag Concerto Constanz und am Freitag habe ich mich um Projekte gekümmert. Ich habe das Glück gehabt, mit der Philharmonie immer wieder mal Jugend- und Familienkonzerte zu geben, das ist alles auch noch in den Plan reingewurschtelt worden. Ich arbeite seit 1977 mit der Philharmonie zusammen und bin wohl jetzt einer ihrer dienstältesten Gastdirigenten.
 
1971 haben Sie das Jugend-Kammer-Orchester Konstanz (heute Concerto Constanz) mitbegründet. Wie kam es dazu?

 
‚Schuld‘ daran war die Schweizer Damenstrumpffirma Helanca. Die hatte in Konstanz eine deutsche Vertriebsagentur und wollte im Inselhotel das ‚Goldene Helanca-Zertifikat‘ für besondere Leistungen vergeben. Zu diesem Anlass rief mich mein ehemaliger Klassenkamerad Hans Jaskulsky an und sagte, er würde gerne ein Klavierkonzert von Mozart spielen. Er habe ein paar Streicher zusammen und fragte, ob ich das dirigieren könne. Ich habe auch noch ein paar Streicher gesucht, so dass wir knapp 20 Musiker beisammen hatten. Für die Aufführung haben wir 1000 Mark gekriegt und ein Riesenbild in der Zeitschrift Lady (lacht). Ich stand im schwarzen Hochzeitsanzug meines Bruders da, weil ich damals keinen eigenen hatte. Es war eine unheimlich lustige Sache. Dann hieß es, wir bleiben zusammen, so lange es geht. Wir waren alle zwischen 18 und 20 Jahre alt und wollten in die Welt hinaus. Das war vor 44 Jahren: Es gibt uns immer noch.
 
Was ist das Geheimnis des Orchesters, dass es immer noch zusammen ist?
 
Es ist die Verbissenheit einer semiprofessionellen Gruppe.
 
Wer ist verbissener? Sie oder die Musiker?
 
Alle. Jeder, der beim Concerto Constanz mitmachen möchte, muss ein Probespiel ablegen. Wir lehnen auch Bewerber ab. Und dann geht es ans Werk. Das sind zum Teil sehr schwierige Kompositionen. Die Böhmische Suite und die Serenade von Dvorak sind heikel. Wenn Sie nur mit Streichern arbeiten, haben Sie aber zwei Vorteile. Erstens haben Sie kein Schutzblech. Das heißt, es knallt Ihnen niemand hinten die Fehler zu. Die Streicher müssen also optimal spielen, sonst geht das wirkungslos am Zuhörer vorbei. Und zweitens haben Sie die optimalen Tonsätze. Denn mancher Komponist, dessen Einfall nicht so besonders ideenreich ist, übertüncht das gerne mit Pauken und Trompeten.
 
Das klingt so, als wären die Bläser minderwertig gegenüber den Streichern.
 
Nein, das hat nichts mit den Bläsern zu tun. Aber bei klangballenden Salven diverser zweitrangiger Werke merkt man einfach, dass der Satz nicht gut ist. Die Essenz von allem ist natürlich das Streichquartett. Das ist reine Essenz und muss perfekt gespielt und direkt erlebt sein. Ich kann im Radio kein Streichquartett anhören, das schaffe ich nicht. Aber im Konzert sehe ich, wie die Musiker miteinander arbeiten, das ist fantastisch.
 
Warum suchen Sie sich immer so schwere Stücke? Ist das der Ehrgeiz?
 
Das suche ich eigentlich nicht. Wir schlagen sie uns gegenseitig vor. Bereits vor 40 Jahren habe ich gemeint, man müsste mal die Dvorak-Serenade spielen. Ich habe die Noten vor 30 Jahren gekauft. Dann haben wir es probiert: Hoffnungslos, abgesetzt. Wir haben es noch zweimal probiert, wieder abgesetzt. Und jetzt spielen wir die Serenade am 1. Advent auf der Insel Mainau. Dieses Mal ziehen wir es durch.
 
Aber die Proben machen schon auch Spaß?
 
Natürlich, aber sie sind schweißtreibend. Das ist irgendwie Masochismus. Ich glaube nach wie vor, dass eine künstlerische Leistung ohne diese selbstquälerische Komponente nicht fruchtbar ist.
 
Woher nehmen die Mitglieder des Concerto Constanz die Zeit zum Proben? Sie sind ja auch noch berufstätig und haben Familien.
 
Sie tun es einfach. Dabei kommen manche Mitglieder sogar aus Überlingen, von der Höri, sogar aus Gaienhofen und aus der Schweiz. Meine langjährige Konzertmeisterin ist Schweizerin. Wir haben immer versucht, mit dem Orchester die Grenze aufzuweichen. Schwyzerdütsch ist die zweite Amtssprache. Es ist immer ganz lustig, wenn die Konzertmeisterin zum mir sagt: ‚Etz hät‘s gschtumme‘. Dann muss ich meinem Bremer Cellisten übersetzen: ‚Es hat gestimmt‘.
 
Aber das Proben mit ständig wechselnder Besetzung ist schon anstrengend, oder?

 
Ja, wobei ein großer Teil hier sesshaft ist. Die Fluktuation hat also etwas abgenommen, Gott sei Dank. Wir sind froh, dass ein fester Stamm da ist. Dazu kommen von den beiden Hochschulen immer wieder tolle Studenten und Doktoranden. Die sind natürlich irgendwann wieder weg.
 
Haben Sie vor, das Concerto Constanz noch länger zu leiten?
 
Die Frage stelle ich mir schon seit 15 Jahren. Jetzt haben wir 44 Jahre erreicht. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass der Mettler mit 75 Jahren noch vorne dran gehört. Ich weiß es nicht. Die Streicher sagen alle, ich soll unbedingt die 50 Jahre vollmachen. Das ist eine Frage der Kraft. Im Moment fühle ich mich pudelwohl, habe keinerlei gesundheitliche Probleme.
 
Warum ist gerade ein Streichorchester so beliebt?
 
Ein spezielles Streichorchester stößt in heutiger Zeit durchaus auf Interesse. Erstens wegen der schönen Werke und zweitens auch aus finanziellen Gründen. Ich habe gerade wieder meinen Kurs ‚Orchesterpraxis für Chorleiter‘ in Ochsenhausen gehalten. Das ist eine sehr teure Veranstaltung, denn die Teilnehmer müssen nach dem zweiten Wochenende Chor und Orchester dirigieren. Das geht beispielsweise bis zu Mozarts Krönungsmesse. Die Verantwortlichen in Ochsenhausen haben mir gesagt, sie könnten dafür nur noch ein Streichquintett finanzieren. Das heißt also, diese Messen und die ganze Kirchenmusik auf Orchesterbasis sind heute immer schlechter finanzierbar. Insofern ist ein mittelgroßes Streichorchester, ohne die Bläser, schon interessant.
 
Ihnen gehen auch die Ideen nicht aus, was Sie spielen können?
 
Bis jetzt nicht. Wir haben das Glück, seit über 20 Jahren den ersten Advent auf der Mainau zu spielen. Wir geben drei Konzerte an einem Wochenende, die ab dem zweiten Tag des Vorverkaufs ausverkauft sind. Das ist unser großes Plus. Im Sommer tun wir uns schwerer. Aber jetzt spielen wir am Samstag, 4. Juli, in der altkatholischen Christuskirche neben dem Stadttheater ein großes Konzert.
 
Was erwartet die Zuhörer bei diesem Sommerkonzert?
 
Das sind zwei echte Knaller. Das eine Stück ist die Wassermusik von Händel, das kennt sicher jeder. Das andere ist die unwahrscheinlich sprühende Böhmische Suite von Dvorak. Beides ist groß, also symphonisch besetzt. Das wird eine sehr temperamentvolle Sache. Wir wollten bewusst nichts Tragisches, Lamentierendes im Sommer. Und der böhmische Komponist Dvorak passt auch gut während der Konzilfeierlichkeiten. Wir sind ja im Hus-Jahr.
 
Was fühlen Sie vor einem Konzert?
 
Das hat sich natürlich geändert. Bei den ersten Konzerten habe ich meine Fontanelle gespürt, ich war total aufgelöst. Jetzt setze ich mich immer eine halbe Stunde vor dem Konzert, wenn die Kasse aufmacht, irgendwo in den Raum und schaue, wer reinkommt. Dann steigt das Lampenfieber, aber danach gehe ich ganz ruhig und konzentriert raus. Auch deswegen, weil ich mittlerweile zwei Klangkörper habe, denen ich vertrauen kann. Meine Angst, dass bei Amateuren in jedem Takt irgendwas passieren kann, ist bei beiden Ensembles weg.
 
Wie viele Kalorien sind Sie am Ende so eines Konzertes leichter?

 
Das sind zwei Kilo, und die sind nach drei Bier wieder drin (lacht). Natürlich schwitzt man immer, weil die Konzentration das erfordert. Aber wenn ein Fehler passiert, dann stehen Sie innerhalb von Sekunden im Saft. Das ist unangenehm. Deshalb muss man vorher überlegen, welche Einsätze und Angaben jeder Musiker vom Dirigentischen her braucht. Dann klappt es meistens.
 
 

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