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Konstanz Auf den Spuren einer Industrie des Tötens

Acht Konstanzer Gymnasiasten haben sich auf eine beschwerliche Reise begeben. Sie sind nach Auschwitz aufgebrochen. Was sie auf ihrer Gedenkstättenfahrt gefühlt haben, hat eine Gruppe selbst in Worte gefasst.

Bild: Bilder: Privat

Gemeinsam mit knapp 100 Jugendlichen aus ganz Deutschland sind wir, acht Konstanzer Gymnasiasten, mit unserer Betreuerin Petra Quintini nach Auschwitz gefahren. Organisiert hat diese Gedenkstättenfahrt der Verein „Zug der Erinnerung“. Zu Beginn unserer Reise hatten wir alle ein wenig Angst und stellten uns viele Fragen: Was erwartet uns? Wird es sehr schlimm sein, an den Ort zu gehen, an dem Millionen Menschen ermordet wurden? Zunächst fuhren wir nach Berlin, dem Treffpunkt und Anfang der Gedenkstättenfahrt. Die anschließende zehnstündige Zugfahrt von Berlin nach Oswiecim (Auschwitz) erlebten wir sehr bewusst, sie erschien uns lange und anstrengend. Was mochten aber erst die Menschen empfunden haben, die für diese Strecke tagelang unterwegs waren, in Güterwaggons gepfercht und unter unvorstellbaren Zuständen?

Am Tag nach unserer Ankunft in Polen besichtigten wir das Stammlager Auschwitz I. Auch wenn wir bereits viel darüber gelesen und gehört hatten, waren wir fassungslos und erschüttert über das, was wir sahen und hörten. Bilder von fast verhungerten Häftlingen; Bilder, auf denen sich kleine Kinder verzweifelt an die Beine ihrer Mütter klammerten; Bilder, auf denen Häftlinge erschossen wurden, weil sie keine Kraft mehr für die harte Arbeit hatten. Berge von Koffern von einer Reise ohne Wiederkehr, Berge von Schuhen, Unmengen von Brillen, Bürsten, Prothesen, Kleidung, Spielzeug und ein großer Haufen abgeschorener Haare. Nun wurde uns die Menge der Menschen, die hier leiden musste, bildlich klar. Zum ersten Mal waren die Opfer uns so nah. Und uns wurde auf einmal bewusst, wie die Menschen, die hierher deportiert wurden, von einem Tag auf den anderen zum Nichts wurden.

Ihr ganzer Besitz war ihnen geraubt worden, sie hatten keinen Namen mehr, sondern nur noch Nummern und trotzdem mussten sie arbeiten, bis sie tot umfielen. Diese Führung hat uns alle sehr mitgenommen. Abends tauschten wir uns über die Erfahrungen, Gefühle, Eindrücke und Ängste von diesem Tag aus. Das half allen, das Erlebte zu verarbeiten und die Kraft zu finden, am nächsten Tag Birkenau zu besuchen, den Ort, an dem Millionen von Menschen in den Gaskammern ermordet und in Krematorien verbrannt wurden.

In Birkenau waren wir überwältigt von den Ausmaßen des Lagers. Die Zustände hier waren sogar noch schlimmer als im Stammlager. Wohin wir schauten, überall Stacheldraht und eine Unmenge verwitterter Schornsteine der Baracken, nur mehr Gerippe der Gebäude, schrecklichen Denkmälern gleich. Endlose Flächen, auch viele Teiche, dort wurde die Asche der Ermordeten verstreut. Im Lager Birkenau wurde uns allen bewusst, wie genau die Nazis alles geplant hatten und mit welcher Präzision sie das durchgeführt hatten. Eine Industrie des Tötens. Zum Glück hatten wir auch die Gelegenheit, mit Zeitzeugen zu sprechen. Besonders betroffen machte uns der sehr persönliche Bericht von Josef A., der als Kind ins Konzentrationslager Bergen-Belsen gekommen war und unter grausamsten Bedingungen und Erfahrungen dort überlebt hatte. Es berührte uns auch sehr, dass Josef sich mit uns Jugendlichen zum ersten Mal nach Auschwitz traute, an den Ort, wo fast seine ganze Familie ermordet worden war.

Wir haben auf dieser Reise sehr viel gelernt. Es wird dauern, bis wir alles verarbeitet haben und wieder ganz im Alltag ankommen. Noch auf der langen Heimfahrt haben wir uns Gedanken darüber gemacht, mit welchen Projekten wir hier in Konstanz die Erinnerung wach halten können und uns gegen die Zunahme von Rassismus und Intoleranz wehren können. Als ersten Schritt planen wir Schüler des Suso-Gymnasiums die Gestaltung einer Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Judendeportation am 22. Oktober 1940 ins französische Internierungslager Gurs.

Lara Anslik, Julia Bigerl, Helena Friedrich, Julia Groß, Niklas Quintini, Anne-Sophie Sabel (alle Suso-Gymnasium) und Caterina Quintini (Humboldt)

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