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Konstanz Auf dem Weg in die Übermorgenstadt

26.02.2008
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In Oldenburg regieren gleich zwei Mächte: Oberbürgermeister Gerd Schwandner (CDU) und die Radfahrer. Wer es wagt, einen Fuß auf einen der vielen Radwege zu setzen, wird sofort weggeklingelt und erntet obendrein böse Blicke. "Ja, die Radfahrer sind hier oft sehr militant", bestätigt Marco Sagurna, Leiter des Pressebüros der Stadt. Vielleicht ist es die Ausführung ihres Drahtesels, die den Radlern solche Macht verleiht: Geschwungene Form, schwerer Rahmen und ein Lenker auf Brusthöhe. Die Radfahrer thronen darauf wie auf einer Harley Davidson. Süddeutschen Augen fällt sofort auf: Ob jung oder alt, in Oldenburg fährt fast jeder ein Hollandrad. Die Stadt ist also heute schon international ausgerichtet. Mit ihrer Bewerbung um den Titel Stadt der Wissenschaft soll diese Entwicklung vor allem in der Forschung noch verstärkt werden.

Oldenburg geht mit dem Leitwort "Übermorgenstadt" ins Rennen. Was bedeutet das? Oberbürgermeister Gerd Schwandner erklärt: "Dahinter verbirgt sich eine langfristige Konzeption, dass wir eben nicht nur bis morgen, sondern in einer langfristigen Perspektive versuchen, die Stadt als Wissenschaftsstadt neu aufzustellen." Schwandner hat auch eine Vorstellung davon, wie seine Stadt übermorgen aussehen soll: Unter anderem soll das Bahnhofsviertel saniert sein. "Wir werden dann mehr Leute als Gastforscher oder auch als Restaurantbetreiber aus dem Ausland hier haben", fügt der Oberbürgermeister hinzu. "Da haben wir noch Nachholbedarf und sind deutlich schlechter als Konstanz", sagt Gerd Schwandner.

Davon abgesehen, ist Oldenburg eine schmucke Stadt mit einem Schloss, einem Staatstheater, einem alten Rathaus, einer Universität, einer Fachhochschule (zusammen etwa 14000Studierende) und mit für Süddeutsche so ungewöhnlichen Läden wie einer Kekserei. Oldenburg ist eine Reise wert, keine Frage. Aber Achtung: Gleich zwei Städte tragen diesen Namen. Einmal gibt es Oldenburg in Holstein und einmal 50Kilometer westlich von Bremen. Letzteres heißt korrekt Oldenburg in Oldenburg, hat etwa 160000 Einwohner und liegt nur eine knappe Stunde von den Niederlanden entfernt. Täglich fährt mehrfach ein Pendelbus nach Groningen, in die Partnerstadt. Während die Konstanzer oft Schwitzerdütsche Satzfetzen hören, erklingen in Oldenburg die kehligen Laute der Holländer. Aber am häufigsten ist ein ganz bestimmtes Wort zu hören: Moin. Egal, ob die Sonne gerade aufgegangen ist oder ob sie schon längst wieder schläft: Moin passt immer zur Begrüßung.

Wer zum ersten Mal nach Oldenburg kommt, fühlt sich gleich heimisch. Die Innenstadt lädt mit ihren Gassen und herausgeputzten Fassaden zum Bummeln ein. Anfangs erscheint der Stadtkern wie ein kleines Labyrinth. Doch selbst wer einfach nur der eigenen Nase hinterherläuft, trifft unweigerlich nach ein paar Ecken wieder auf einen Platz, den er schon kennt. Schade nur, dass der Straßenbelag dem heimeligen Gesamteindruck nicht standhalten kann: In einigen Gassen stolpert der Fußgänger über einen recht groben Flickenteppich aus Teer.

Auch die Bewerbung für die Stadt der Wissenschaft hat sich wie ein Flickenteppich zusammengesetzt: In 13Ideenschmieden haben Kampagnenleiter Rainer Lisowski und viele Experten aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft 16 Leitprojekte erarbeitet. Sie alle stehen unter dem Motto der drei Ts: Talente, Toleranz, Technologie. Eines der Projekte nennt sich "Smart Home - die intelligente Kühltruhe". Architekturstudenten der Fachhochschule wollen ein Haus bauen, an dem Themen wie Klimawandel oder die Überalterung der Gesellschaft demonstriert werden können. Die Studenten zeigen, wie viele Abläufe im Haus automatisiert werden oder wie Bewohner übermorgen mit ihrer Kühltruhe sprechen können.

Auch eine Wissenschaftsgeisterbahn zählt zu den Projekten. Schauspieler und Dramaturgen stellen in einer leer stehenden, unterirdischen Krankenhausanlage Szenen dar, die in die Abgründe der Forscherseele führen. Projektleiter Rainer Lisowski findet dieses Projekt besonders spannend, "weil wir an dieser Stelle den Mut haben, ein bisschen gegen den Strich zu bürsten und Wissenschaftsgeschichte kritisch zu betrachten", sagt er. "Wir suchen uns wissenschaftliche Streitthemen, gerne auch aus der Geschichte - Stichwort Frankenstein - und beleuchten, wo man in der Wissenschaftsgeschichte mit Pauken und Trompeten aufs falsche Pferd gesetzt hat." Dass es dabei auch gruselig zugeht, ist für Lisowski selbstverständlich: "Ohne Grusel geht's ja nicht, sonst wäre es keine Geisterbahn", sagt der Projektleiter.

Besonderer Schwerpunkt der Oldenburger Wissenschaft ist die Hörforschung. Die Fraunhofer-Gesellschaft siedelt eigens für dieses Gebiet eine Projektgruppe in der Stadt an. Universitätspräsident Uwe Schneidewind hält die Hörforschung für den Wettbewerb für besonders wichtig, "weil das so greifbar ist. Mit Hören kann jeder was anfangen. Sonst wacht man morgens auf und denkt: Ist ja klar, dass ich höre." Durch den Hörgarten mache man sich das erst wieder bewusst. "Wir haben im Hörzentrum so einen tollen Akustikraum, in dem man verschiedene Schallsituationen einstellen kann", sagt der Professor. "Das ist klasse, da stellt sich jeder rein und denkt: Jetzt klingt das hier wie in einer Bahnhofshalle. Die Menschen wollen natürlich wissen, woher das kommt. Schon ist man mitten drin in der Wissenschaft", sagt Schneidewind.

Und Wissenschaft sei heute schon sehr angesagt bei der Bevölkerung, besonders bei den Kleinen. Der Andrang zu den Vorlesungen der Kinderuni reiße nicht ab: "Wir vergeben die Karten dafür zum symbolischen Preis über einen Ticketservice", sagt Uwe Schneidewind. "Der Ticketverkäufer sagt uns immer, der Absatz sei noch besser als wenn ein Champions league-Spiel mit Werder Bremen stattfindet."

Dieter Bohlen Sohn der Stadt

Aber nicht nur die Wissenschaft, sondern auch viel profanere Gewächse Oldenburgs haben Erfolg, wenn auch mitunter zweifelhaften: Dieter Bohlen ist ein Sohn der Stadt. "Der fährt hier ab und zu in so einem amerikanischen Jeep mit Hamburger Kennzeichen durch die Gegend. Seine Eltern wohnen immer noch hier", erzählt die Lokalredakteurin Sabine Schicke. Viel netter sei der andere bekannte Oldenburger, "der Dickere von Klaus & Klaus", sagt sie. Die wurden unter anderem mit Liedern berühmt wie "An der Nordseeküste".

Am Meer liegt Oldenburg zwar nicht, aber stürmisch geht es dort trotzdem zu: Der Wind zerrt den ganzen Tag an den Haaren, macht jeden Schaumfestiger überflüssig. Trotzdem lassen es sich einige Verkäufer nicht nehmen, schon bei wenigen Graden über Null auf der Straße Softeis anzubieten. Das Temperaturempfinden der Oldenburger ist wohl eine Wissenschaft für sich. Ach ja, à propos: Was macht der Kampagnenleiter eigentlich, wenn am Donnerstag der Titel Stadt der Wissenschaft nicht nach Oldenburg geht? Rainer Lisowski überlegt nicht lange und sagt dann: "Ich werde als erstes Frau Herold-Schmidt gratulieren."

Ein Porträt des zweiten Konkurrenten Lübeck lesen Sie morgen.

Bildergalerie im Internet:

www.suedkurier.de/grenzenlos-denken

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