Am 2. September 2004 sind Lina und Andreas Killat in Markdorf zu einer ungewöhnlichen Tour aufgebrochen. Mit dem Fahrrad wollen sie bis nach China und jetzt sogar noch weiter. Hier ihr Bericht Nummer 25:
Mit seinen neu vermessenen 8844,43 Metern ist der Mount Everest der höchste Berg auf dem Planeten und damit unwiderstehlicher Anziehungspunkt für alle Sorten von Menschen. Seit der Erstbesteigung 1953 standen etwa 2000 Menschen auf dem Gipfel, darunter ein 70-Jähriger, ein Blinder und ein Beinamputierter. Rund 200 Menschen kamen bei dem Versuch einer Besteigung ums Leben. Als wir am 22. November das Basislager des Everest erreichten, hatten wir schwer zu atmen. Nur die Hälfte des Sauerstoffs auf Meereshöhe steht einem hier zur Verfügung und mit 5400 Metern liegt es bereits 600 Meter höher als der Mt. Blanc. Im Frühjahr entsteht hier vorübergehend eine lebendige Zeltstadt mit bis zu 300 Zelten von Expeditionen aus aller Herren Länder. Im November versucht niemand, den Berg zu besteigen, und der Platz ist verwaist. Zwei Hubschrauberwracks markieren den Platz und bezeugen die Schwierigkeiten der Piloten, in diesen Höhen zu manövrieren. Vom letzten Straßenanschluss im Ort Jiri bis ins Basislager und zurück benötigten wir 29 Tage und mussten über 32000 Höhenmeter überwinden. Wie eine Achterbahn schlängelt sich der Trek über die Berge, endet am Basislager und man muss denselben Weg wieder zurücklaufen. Die meisten Trekker und Expeditionen ersparen sich dies und fliegen nach Lukla, um die Strecke zu halbieren.
Das ist aber nicht der einzige Grund. Von Lukla bis zum Everest kontrolliert das nepalesische Militär das Gebiet. In der ersten Hälfte des Treks von Jiri bis Lukla treiben Maoisten ihr Unwesen und terrorisieren Touristen und Einheimische. 1996 gaben die Maoisten die parlamentarische Mitwirkung auf und traten in den bewaffneten Befreiungskampf. Sie verlangen die Abschaffung der Monarchie und nehmen Mord und Gewalt für ihre Sache in Anspruch. Dabei kamen bisher mehr als 9000 Menschen ums Leben.
Nach einem hohen Pass trafen wir die kommunistischen Rebellen am dritten Tag unseres Treks in einem kleinen Dorf namens Bandhar. Sie standen morgens am Wegesrand und verlangten eine Gebühr von 5000 Rupien (etwa 57 Euro) pro Nase, damit wir unseren Trek fortsetzen könnten. Wir handelten sie auf die Hälfte herunter und sie händigten uns ein Ticket aus. Wir fühlten uns hundsmiserabel, die gewalttätige Revolution mit unserem Geld unterstützt zu haben. Wir sahen die Aggressivität in den Augen der Rebellen, sie hatten Schusswaffen und wir wussten, dass sie nicht zögern würden, diese einzusetzen.
In der Ortschaft vor Bandhar trafen wir einen Tag vorher zwei Schweizer Polizistinnen, die sich tagelang weigerten zu zahlen. Sie wurden von den Maoisten verfolgt, mit Waffen bedroht und eingeschüchtert. Nach drei Tagen, in denen diese Leute sogar mehrmals in das Hotelzimmer eindrangen, verloren die Frauen den Mut und gingen den ganzen Weg wieder zurück. Nicht nur reiche Touristen, sondern auch arme Leute, Hoteliers und Träger, die wegen der ausbleibenden Touristen kaum noch Einnahmen haben, werden zur Kasse gebeten, das nennt sich dann Revolutionssteuer. Von diesen Geldern werden auch Waffen gekauft. Der Tourismus in Nepal ist seit 1996 stark zurückgegangen und ein Ende des Konflikts ist nicht absehbar.
