Mein

Konstanz Als Winzer wie Karl Huber den Reichenauer Weinbau wiederbelebten

39 Jahre lang war er Winzervereinsvorsitzender: Karl Huber gehört zu den Weinbau-Pionieren auf der Reichenau. Ohne mutige Winzer wie ihn gäbe es dort heute vielleicht keine Weinberge mehr. Und ohne die Wein-Vorliebe der französischen Besatzungstruppen vielleicht auch nicht.

Mitte der 1970er Jahre kam für den Winzerverein der erfolgreiche Umschwung. Das lag zum einen an der kurz zuvor beendeten Flurbereinigung. Und zum anderen an einem Häuflein Landwirten, die dem Weinbau auf der Insel eine neue Chance einräumten. Sie wurden vor allem von der älteren Generation verspottet, die den endgültigen Niedergang des Rebenanbaus während des Zweiten Weltkriegs miterlebt hatte. Doch dann hatten die jungen Winzer durchaus Erfolg. Nicht zuletzt hatte der aufstrebende Tourismus erheblichen Anteil daran.

Entscheidend mitgewirkt an diesem Aufschwung hatte Karl Huber, der 1976 in den Vereinsvorstand gewählt wurde, und nur ein Jahr später das Amt des Vorsitzenden übernahm. "Ich habe keine Ahnung", war seine erste Reaktion, als er dazu gedrängt wurde. Als junges Küken habe er sich gesehen. Mit 27 Jahren war er mit Abstand der Jüngste. "Keiner der anderen war jünger als 50", erzählte er. Schließlich habe er sich selbst Mut zugesprochen: "Probiere es einfach." Er wurde belohnt: "Und es hat funktioniert."

Im vergangenen Dezember trat er nach 39 Jahren von seinem Amt zurück. Mit ihm hörten auch Vorstandsmitglied Aniceta Wehrle und Aufsichtsrat Friedbert Beck auf. Bereits ein Jahr zuvor hatte Gerhard Deggelmann als Geschäftsführer (seit 1993) aufgehört. Dessen Nachfolger agierte glücklos, sodass Karl Huber die Reißleine zog.

Als 1949 Geborener sei er einer der letzten waschechten Reichenauer, erklärt Huber. Seine Mutter habe ihn im Elternhaus mit Hilfe einer Hebamme geboren. Den Beruf des Landwirts lernte er auf dem Hof des Vaters. Nach dem Hauptschulabschluss in der 8. Klasse besuchte er von 1963 bis 1966 immer freitags die heute nicht mehr bestehende Landwirtschaftsschule in Allensbach. Weinbau hatte in seiner Familie eine große Tradition, waren doch Großvater und Vater Kellermeister gewesen. "Nach dem Krieg hat der Verein nur deshalb überlebt, weil er für die französischen Besatzungskräfte den Wein in Flaschen abfüllte", berichtet Huber. Eigenen Wein gab es nicht, und so war im erhalten gebliebenen Weinkeller genug Platz. Von der Reichenau aus wurden die Garnisonen in Konstanz, Radolfzell und Immendingen versorgt, erzählt Gerhard Deggelmann. Auf der Hochwart erwarb Deggelmann 1972 drei Grundstücke, obwohl sie für den Gemüseanbau nicht geeignet waren. Die damaligen Maschinen konnten dort nicht eingesetzt werden. Obwohl Deggelmann damals noch keine Ahnung vom Weinbau hatte, entschloss er sich, es zu versuchen. Karl Huber machte mit, waren doch durch Umlegung aus zwölf seiner Grundstücke vier geworden.

Zum Jahreswechsel 1974/75 wurde es ernst. "Die alten Reben wurden herausgerissen", erinnert sich Huber. Dann seien die Felder planiert worden. Im Frühjahr 1975 pflanzten die Winzer die neuen Reben. Heute umfasst das Weinbaugebiet Hochwart rund 22 Hektar, was der Größe von etwa 30 Fußballfeldern entspricht. "Missernten gab es nie", berichtet Huber. "Aber wenn sie verhagelt war, haben wir weniger geerntet." Die Qualität sei indes immer zufriedenstellend gewesen. Während seiner Zeit als Vorsitzender sei zwei Mal die Traubenannahme umgebaut und eine neue Presse beschafft worden. "Als ich anfing, haben wir noch mit Holz und Kohlen geheizt", erzählt er. Längst ist auf Ölfeuerung umgestellt. Der Glykolwein-Skandal von 1985 hat uns nicht betroffen", erinnert er sich. Die Rebflächen sind begrünt, sodass auch ein Gewitter den Boden nicht wegschwemmt. Ein Mähmulcher wird regelmäßig eingesetzt. "Ich fahre jeden Tag eine Runde an den Reben vorbei", erzählt Huber. "Wenn der Weinbau gestorben wäre, tät' uns was fehlen."

Winzerverein Reichenau

Auf der Insel Reichenau wurde der erste Rebstock im Jahre 818 unter Abt Hatto I. gepflanzt. Der Winzerverein ist eine eingetragene Genossenschaft. Gegründet wurde er 1896 von Pfarrer Meinrad Meier mit 62 Rebleuten. Im Jahr 1913 hatte der Winzerverein 194 Mitglieder, die rund 140 Hektar bewirtschafteten. In den folgenden Jahren verringerten sich die Weinanbauflächen. Im Winter 1928/29 erfroren die meisten Reben. In der Folgezeit wich der Weinbau immer mehr dem ertragreicheren Gemüseanbau. (nea)

Sichern Sie sich jetzt SÜDKURIER Digital und erhalten Sie dazu das iPad Air 2. Sie erhalten damit die Digitale Zeitung und Zugang zu allen Inhalten bei SÜDKURIER Online.
Exklusive Bodenseeweine
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017