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Konstanz Alles riskieren! HTWG-Theater wartet mit viel Mut auf

Das Hochschultheater zeigt mit „Bedingungslos“ ein bewundernswert mutiges Ensemble-Stück. Es gibt herrlich rohen Spaß zu genießen.

Kunst, das zeigt die Geschichte, verlangt bedingungslose Leidenschaft und den Mut, alles zu riskieren. Man denke an Francis Ford Coppola, der im Dreharbeiten-Dschungel zu „Apocalypse Now“ sein persönliches Vietnam erfuhr. Oder an Heath Ledger, der sich dem Joker solange annäherte, bis ihn der Wahnsinn dieser Rolle unter sich begrub. Oder an den Jahrhundertkomiker Andy Kaufmann, der sich vollends in den verschiedenen Formen seines Alter Egos verlor. Natürlich kann und will sich das Stück „Bedingungslos“ des Konstanzer Hochschultheaters nicht mit solchen Meilensteinen messen. Und doch vibriert die Komödie, die am Montag Premiere feierte, vor absoluter Hingabe, vor jenen Momenten, in denen die Fiktion die Realität vollends übermalt und die finale künstlerische Auflösung unter den Parametern des Theaters in Erscheinung tritt.

Zu Beginn versammelt sich ein chaotisches Figuren-Konglomerat auf der Bühne. Da ist Jim Knopf, da sind Yedi-Ritter, da sind Kometen und Astronauten, da ist der Weihnachtsmann. Nur über eines sind sie sich alle einig: Neue Stoffe braucht das Land! Was dann folgt, ist eine hyperaktive Ode an die Postmoderne und die Imagination, ein Alles-Gleichzeitig, ein Mythos Musical, basierend auf dem historischen Stoff des Ramayana.

„Bedingungslos“ ist ein ungewöhnliches Ensemble-Stück, das radikale Entscheidungen trifft: Nach der Auftaktsequenz gibt es keine klassischen Rollen und keine wirkliche Bühne mehr – diese Zuschreibungen werden dem Zuschauer und dessen Vorstellungskraft überlassen. Das Darstellerkollektiv funktioniert wie ein Schwarm, synchron und vital, ohne Angst vor Overacting, Klamauk und den ganz großen Gesten. Die Truppe wird gleichermaßen zum Bühnenbild, zum Erzähler, zur inszenierten Geschichte. Natürlich läuft ein solches Potpourri Gefahr, dass manche Ideen verpuffen oder ein Gag mal nicht zündet – angesichts des immensen Tempos der Inszenierung werden etwaige Zweifel aber stetig verwischt. Es bleibt eben gar keine Zeit zum (Ver-)Zweifeln.

Die große Stärke der 65 Minuten langen Inszenierung liegt indes in ihrer Leichtigkeit und in der Integration zweier intermedialer Momente. Am linken Bühnenrand platziert sich eine Deutschpopband, die 2016er-Version des klassischen Chores, die die Handlung immer wieder durch Songs unterbricht und aufschäumt. Zudem durchkreuzen drei wirklich fantastische Videosequenzen das Stück, das sich speziell in diesen Momenten der Überlagerungen zum kunterbunten, kaum fassbaren, herrlich rohen Spaß aufschwingt. Und hier offenbaren sich der Mut, die Lust und die Liebe zum Detail, mit denen sich Regisseur Felix Strasser, der einzige echte Profi der gesamten Produktion, und sein studentisches Team am Diskurs Theater abarbeitet. Der Spielort selbst wird abermals Teil des großen Ganzen und damit zur Meta-Ebene: Einmal mehr hat Strasser einen öffentlichen Raum zum Theaterraum umfunktioniert und das Gebäude G der HTWG Konstanz zur Schaubühne transformiert.

„Großartig, dass wir Theater an einen Ort bringen, an dem tagsüber ein Kaffeeautomat die größte Attraktion für Studis ist“, erklärte Strasser nach der gelungenen Premiere. Das ist Zwischennutzung par excellence, und für 65 Minuten wird der Zuschauer zu Alice, die vom Kaninchenbau verschluckt wird. Und erst ganz am Ende erscheint uns die bittere Realität in Form des nie zu Ende geträumten Traumes – und „Bedingungslos“ endet auf einer bittersüßen Note.


Stück und Aufführungen

„Bedingungslos“ ist eine Inszenierung des Theaters der Hochschule Konstanz. Das Stück ist ein kurzweiliger Komödien-Remix des indischen Nationalepos Ramayana. Ein Großteil der Schauspieler feierte am Montag seine erste Theaterpremiere überhaupt – abseits der Bühne sind die Darsteller, Techniker, Grafiker und Musiker des Ensembles ganz normale Studenten an der Hochschule. Das nächste Großprojekt des Theaters der HTWG steht bereits fest: Zusammen mit der Südwestdeutschen Philharmonie wird die Bodensee-Therme bespielt. Dann wird allerdings Shakespeare geremixt. Weitere Vorstellungen von „Bedingungslos“ gibt es vom 13. bis 15. Januar, jeweils 20 Uhr, in Gebäude G der Hochschule. Kartenreservierung: felix.strasser@htwg-konstanz.de (hep)

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