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Konstanz Alexis Zorbas oder der griechische Doppelsieg

08.07.2004
Konstanz - 
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Heraus aus den Geistesbehältnissen - hin auf den himmelsüberwölbten Innen- und Freiplatz der Alma Mater! Das wäre dem Werk angemessen gewesen, das einen Roman über den uralten Zwiespalt zwischen Geist und Leben nachmusiziert. Aber der Himmel weinte, die klangmächtige Vitalitätspartie wurde im Hörsaal gespielt. Der war bis auf den letzten Platz gefüllt: Sänger auf der Empore und an der Seite, Orchester in Wagner-Besetzung in der Mitte, Publikum bis auf die olympischen Höhenränge. Es war, als sollte ein griechischer Doppelsieg gefeiert werden: Nach dem sportlichen Jubel der ästhetische Populär-Zauber. Der Erfolg war mächtig, die Aufführung kompakt, die Seele kam auf ihre Kosten.

Das etwa eineinhalbstündige Ballett-Oratorium von Mikis Theodorakis erlebte seine südwestdeutsche Erstaufführung.

Uni-Musikdirektor Peter Bauer verstand es, dem Bühnenwerk auch ohne Bild und Tanz theatralische Spannung und dionysischen Effekt zu erteilen. Denn davon handelt bekanntlich der inhaltbestimmende Roman von Kazantzakis. Der Schriftsteller, begeistert von griechischer Antike, gebildet beim "élan-vital"-Philosophen Bergson, Übersetzer von Nietzsche-Werken ins Griechische, hat den lebensprallen Alexis Zorbas erfunden, einen Alltags-Dionysos, der sich nie den zweigestreiften Moralkittel von Gut und Böse überziehen ließ. Er lebt in Daseinsmomenten - und davon handelt das Tanz-Oratorium.

So wurde auch musiziert. Ekstase und Melancholie, Liebe, Tod und Tanz, Natur und Ritual - alles war da, nicht mit kunstvollen Übergängen in einen kompositorisch ausgleichenden Reigen verwandelt. Jede Szene hatte ihre eigene Energie, die freilich sich aus einer mächtigen, zweistrahligen Quelle speiste: Kunstpopuläres oder Populärkünstliches.

Fast möchte man sagen, bei aller Tüchtigkeit und Fülle des Spielens und Singens hatte die Kunst des riesigen Gießberg-Ensembles (Universitätschor und -orchester, dazu der Oberstufenchor des Humboldt-Gymnasiums und Schlagzeuger der Friedrichshafener Musikschule) genau den richtigen Ton - und zwar im Sinne des Volkstümlich-Artistischen auch dann, wenn er mal nicht ganz richtig war (selten, doch auch hörbar). Es wirkte nichts geschleckt, dafür schwingungsintensiv und mit allem Einsatz zu emotionaler Musikverführung. Der Orchestersound konnte sich von schwirrenden Figuren bis zum stampfenden Hm-Ta-Hm-Ta-Rhythmus steigern (mehr Orff als Orpheus), aber auch liebliche Terzen-Duos in den Holzbläsern genüsslich tönen lassen. Wenn ein wenig Durchgangs-Chromatik in den Satz sich schlich, duftete es nach Gemüts-Heilkräutern aus dem Herbarium des 19. Jahrhunderts, das auch sonst - bis zum Beinahe-Zitat aus Verdis "Nabucco" - ins Gegenwärtige hineintönte. Am stärksten dort wo Hortense, die lieblich-traurige Französin des Romans, sich der mitteleuropäischen Salon-Sentimentalität erinnert: Rührend schön sangen die Celli, die Bratschen folgten ihnen. Doch Maestro Bauer setzt gegen Tanz und Tränen auch das Dramatische, zuweilen mit unheimlicher Klanginszenierung. Der "Tagesanbruch" stieg wie aus einem düsteren Nacht-Ritual auf, der Chor - meist einstimming, zuweilen in wohllautenden Parallelen - intonierte mit fast priesterlicher Strenge. Der Bacchus-Tanz erreichte motorische Ekstatik, das "Ritual der Witwenmörder" mischte schrille Trompeten-Fanfaren mit langgezogenen Chortönen - eine erregende Beschwörungsszene. Aber bald danach das Tröstliche: Das Lied von "Minze, Melisse und Basilikum" sang von der Seitenbalustrade Eleni Mistridis mit voller Herrlichkeit ihrer samtdunklen, melosweiten Stimme, die genau die wunderbare Mitte zwischen Volkston und Kunstgesang traf - mehr Expression als Effekt. Nach wirbelnden Zorbas-Tänzen, chorischen Bacchus-Rufen und akkordischen Fortissimo-Repetitionen folgte das Fortissimo des Publikums, das einmal von den Fragen, ob modern oder nicht, ob E oder U, ob links oder rechts, ob Nietzsche oder Lenin (den Preis mit diesem Namen erhielt einst der Komponist), ob uriges Seelenbad oder griechisch-touristische Erinnerungsschwelgerei, mit aller Klangdynamik entlastet wurde.

Helmut Weidhase

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