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Konstanz „Jugendliche haben keine Zeit mehr“

31.05.2010


Auf einen Kaffee mit Pfadfinder Markus Gärtner. Bei einem Milchkaffee im Kaffeehaus Krone spricht er über die Nachwuchssorgen durch den großen Schulstress von Jugendlichen

Der Pfadfinderstamm St. Gebhard hat sich jüngst aufgelöst. Welche Gruppen gibt es noch in Konstanz?

Es bestehen noch der katholische Stamm Bruder Klaus und ein sehr aktiver Stamm in Dingelsdorf. Es gibt in Deutschland insgesamt drei Verbände. Wir empfinden andere Pfadfinder-Gruppen aber nicht als Konkurrenz, es ist eine große Bewegung. Ich gehöre zum Stamm Jan Hus bei der Luthergemeinde. Meine Frau und ich haben ihn gemeinsam mit einem anderen Ehepaar und einem weiteren erwachsenen Pfadfinder aufgebaut. Wir sind jetzt mit Mann und Maus knapp 40 Mitglieder.

Offensichtlich ist es schwieriger geworden, junge Menschen für soziale Belange zu begeistern. Machen Sie diese Erfahrung auch?

Begeistern kann man die jungen Menschen schon. Aber das Einstiegsalter ist mittlerweile ganz anders: Früher hatten wir noch Einsteiger, die 13, 14 Jahre alt waren – das gibt es kaum noch. Wenn man die Kinder nicht in der Grundschule begeistern kann, dann kommen sie auch nicht mehr zu uns. Im Grundschulalter stehen auch noch die Eltern dahinter.

Woher kommt das geringere Interesse?

Ich sehe die Entwicklung schon bei den Jüngsten: Der Terminkalender ist vollgeknallt bis zum Anschlag. Als junge Menschen hatten wir in der Mittelstufe ab 15 Uhr, spätestens 16 Uhr Zeit, unseren Hobbys nachzugehen. Das ist einfach nicht mehr so. Unser ältester Sohn ist in der sechsten Klasse und hat schon dreimal Nachmittags-Unterricht. So fangen auch unsere Gruppenstunden immer später an. Um 16.30 Uhr brauchen Sie heute keine Gruppenstunde mehr anbieten – das können Sie vergessen.

Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die verkürzte Gymnasialzeit G 8?

Kinder und Jugendliche müssen sich in ihrer Freizeitgestaltung dadurch noch mehr einschränken. Ich fürchte, dass so unser klassisches Modell der Gruppenleiter nicht mehr durchzusetzen ist. Bisher haben wir die Jugendlichen mit 15 auf Kurse geschickt, danach bekamen sie eine kleine Gruppe mit fünf, sechs Leuten, die sie aufs Lager begleitet haben. Ich fürchte, das wird auf lange Sicht nicht mehr gehen. Die Jugendlichen haben einfach keine Zeit mehr, unter der Woche so etwas vorzubereiten.

Bekommt unsere Gesellschaft durch G 8 langfristig Probleme mit dem Ehrenamt?

Ja, das befürchte ich. Wer sich im Alter zwischen 14 und Mitte 20 ehrenamtlich einbringt, wird sich in späteren Jahren ebenfalls in der Gesellschaft engagieren. Wenn dieser Erfahrungshorizont in jungen Jahren aber fehlt, wird die breite Basis für das Ehrenamt verloren gehen. Das wird alle betreffen, auch Feuerwehren, Sport- und Musikvereine. Wir verändern dadurch unsere Gesellschaft ganz massiv – und die Politik macht sich keine Gedanken darüber. Man starrt wie das Kaninchen auf die Pisa-Studie, aber über diese Auswirkungen von G 8 hat man nicht diskutiert.

Wie können Kirchen, Verbände und Vereine dem entgegenwirken?

Es ist eine Frage des gesellschaftlichen Dialogs: Welche Rolle soll die Schule spielen, welche das ehrenamtliche Engagement? Wir müssen das auch in den Vereinen diskutieren. Aber es ist in erster Linie eine Frage der Bildungspolitik. Man hat G 8 einfach eingeführt, ohne an diese Folgen zu denken.

Der Druck auf die Kinder wäre aus Ihrer Sicht nicht nötig?

In der Klassengemeinschaft geht es rund in der dritten und vierten Klasse, wenn es um den Übergang in die weiterführenden Schulen geht. Dabei hat die deutsche Ausbildung eigentlich schon ein breites Fundament, wie ich aus meinem Berufsumfeld weiß. Der unheimliche Druck, der aufgebaut wird, wäre also gar nicht nötig.

Was wünschen Sie der Pfadfinder-Bewegung?

Dass wir weiterhin jüngere Leute begeistern können. Die Idee, für andere Verantwortung zu übernehmen, finde ich nach wie vor gut. Die Pfadfinder sind ein Erfolgsmodell für den Umgang miteinander. Ich wünsche mir, dass wir das an die nächste Generation weitergeben können.

Fragen: Josef Siebler

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