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Konstanz „Ich quatsche wie mir's Maul gewachsen ist“

18.01.2010
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Die Fernsehfasnacht aus dem Konzil erhält ein neues Gesicht: Am 2. Februar tritt zum ersten Mal Rainer Vollmer als Moderator auf. Bei einer Latte Macchiato im Café Heppeler’s spricht er mit dem SÜDKURIER über die Narretei und seine neue Aufgabe.
Herr Vollmer, was ist eigentlich ein Narr?

Ich denke, das ist eine Mischung aus Spaß an der Tradition, am Brauchtum, und eine gute Portion Sich-selbst-auf-den-Arm-nehmen-Können. Das sind die wichtigsten Sachen dabei.

Sind Sie denn ein Narr?


Ja, auf jeden Fall. Ich kann über mich selbst lachen und sehe das auch auf der Bühne so. Das kommt irgendwie besser als wenn man andere durch den Kakao zieht. Man darf das Ganze nicht so bierernst nehmen.

Warum gibt es dann oft nichts Ernsteres als die Fasnacht?

Ich denke, das ist bei jedem Verein so. Ob das jetzt ein Fußballverein ist oder ein Narrenverein – wenn die Damen und Herren sich in die Thematik ein bisschen reinsteigern, dann wird es halt doch sehr, sehr verhackstückelt. Und so geht es mit der Fasnacht auch. Das Vereinsleben wird halt sehr, sehr ernst betrieben. Ich denke, da wird oftmals die Vereinsfasnacht über das eigentliche Brauchtum gestellt. Wenn man das Ganze ein bisschen entspannter angeht, wird das auch alles viel närrischer, glaube ich.

Man hat schon das Gefühl, dass viele Narren überhaupt nicht über sich lachen können.

Ich denke, das ist einfach ein Problem unserer Zeit, diese Erwartungshaltung der Leute. Das heißt, für viele ist Fasnacht einfach noch: Ich gehe raus, mach Party, trink etwas, und möchte unterhalten werden, dieses Konsumdenken. Die schönsten Fasnachtstage für mich sind die, wenn man sich zum Beispiel am Fasnachtssamstag in Stockach, wo das traditionelle Schnurren ist, wirklich irgendetwas überlegt, sich verkleidet und dann loszieht und einen Scheiß an die Leute hinschwätzt, also aktiv Fasnacht macht.

Wenn ich irgendwo bloß zu einem Narrentreffen mitgehe, ist das auch lustig, macht auch Spaß, aber da geht man halt hin, konsumiert, macht Party und läuft seinen Umzug. Das war's. Aber diese Straßenfasnacht und Wirtschaftsfasnacht, einfach losrennen, mit den Leuten einen Scheißdreck sprechen, einfach lustig sein, den Alltag mal Alltag sein lassen – das ist wirklich Fasnacht. Und das können viele Leute einfach nicht, denke ich mal.

Ist die Konzil-Fasnacht richtige Fasnacht?

Ich denke, es ist auf der einen Seite natürlich extremer Fasnachtskonsum, dass die Leute einfach im Saal oder am Fernseher sitzen und passiv konsumieren. Als Akteur finde ich es schon spannend. Ich finde es halt unheimlich gut, wenn ich auf der Bühne stehe und Leute zum Lachen bringen kann.

Manche lachen aber überhaupt nicht. Das Publikum ist vielleicht manchmal das falsche für diese Fasnacht, oder?


Wie es halt immer so ist bei solchen PR-trächtigen Geschichten. Es werden vorne mit Sicherheit auch Leute sein, die vielleicht hingehen, weil man hingehen muss oder weil man sich sehen lassen muss, obwohl man nicht im öffentlichen Leben steht. Die gehen halt hin, weil es eine Fernsehsendung ist. Aber ich habe das die letzten zwei Mal, als ich im Konzil aufgetreten bin, eigentlich auch mitbekommen, dass extrem viel Leute drin waren, die einen Höllenspaß hatten. Man darf es nicht so brutal sehen, dass oftmals gesagt wird: Die gehen da rein, damit sie „ihren Öpfel mal in de Fernseh hebe könnet“ und zum Lachen daheim gehen sie in den Keller. Das sehe ich nicht so.

Zur Fasnacht gehört ja auch ein bisschen Verrücktsein. Muss man verrückt sein, um als Stockacher die Konstanzer Konzilfasnacht zu moderieren?

Ich sehe die Dramatik eigentlich gar nicht. Ich sehe mich als Kind der Region. Ich habe Freunde in Konstanz, ich habe in Konstanz studiert, ich habe viele Geschäftsbeziehungen nach Konstanz. Ein Teil meiner Freizeit findet auch in Konstanz statt. Ich habe keinerlei Berührungsängste. Fasnacht nur daheim in den eigenen vier Wänden zu machen, finde ich blöd.

Es war auch im Stockacher Narrengericht jahrelang Trend, dass es immer geheißen hat: Oh, das Hohe Grobgünstige Narrengericht, wir sind der Käs' und andere sind Löcher. Der Trend ist bei uns absolut vorbei. Wir freuen uns, wenn wir auch auf die Dörfer ringsum gehen, also nicht nur schwäbisch-alemannisch, wo wir in der Vereinigung sind, sondern auch wenn in Eigeltingen, Nenzingen oder Wahlwies ein Narrentreffen ist. Ich pfeife auf dieses Regionale – wir sind die Konstanzer, wir sind die Stockacher, wir sind die Ich-weiß-nicht-was. Entweder wir machen Fasnacht miteinander oder wir lassen es bleiben.

Bedeutet die Entscheidung für Sie als Moderator also nicht, dass Konstanz keine eigenen Talente hat?

Überhaupt nicht! Die Sendung wird in ganz Baden-Württemberg gezeigt. Und wenn ich sie in Villingen-Schwenningen anschaue, dann juckt das die einen Feuchten, ob der Moderator aus Stockach ist, aus Gottmadingen, Singen, Radolfzell oder von der Höri. Das ist Landkreis Konstanz. Wenn man in der Fremde ist und einer fragt, wo kommst du denn her, dann sage ich auch als Stockacher: Ich komme vom Bodensee. Ich sehe das total entspannt. Die ganze Welt ist globalisiert und nur hier auf den Dörfern meinen wir, wir müssen uns da abgrenzen. Ich hoffe auch, dass ich nicht irgendwie ein Feindbild aufbaue, sondern dass ich auch Sympathie entgegengeworfen bekomme aus Konstanz so wie ich Konstanz gerne habe.

Was wollen Sie anders machen als der Herr Jehle?

Ich bin ich auf der Bühne. Ich kenne Hans-Peter Jehle mittlerweile recht gut. Er ist eine sensationell spontane Socke, er ist so derartig schlagfertig. Es wird ihm oft angelastet, dass das im Fernsehen nicht rübergekommen ist, dass er zu ruhig war. Aber mir persönlich hat er im Fernsehen auch schon gut gefallen. Ich mag diese pupstrockene Art und finde das eigentlich cool, aber das bin nicht ich.

Ich bin auf der Bühne anders. Ich jucke mehr rum, ich versuche so zu quatschen wie mirs Maul gewachsen ist. Der SWR hat im ersten Gespräch auch gesagt: Sei du so, wie wir dich kennen. Ich bekomme meine Stichworte, ich werde den Teufel tun, irgendeine Moderation abzulesen. Ich werde mir ein paar Stichworte für jede Moderation schnappen, werde dann rausgehen und werde was quasseln. Und wenn mir während der Sendung vor laufender Kamera ein anderer Furz einfällt, dann sage ich einen anderen Furz.

Das ist ja vielleicht genau das, was jetzt gewollt ist.

Das vermute ich mal. Es ist ja einfach auch dieses Umdenken beim SWR, der Veränderungen bringen muss. Sie haben ja neue Kulissen und wie ich mitgekriegt habe, wird von der Bildführung her einiges anders gemacht. Das ist einfach Trend der Zeit. Da kann auch ein öffentlich-rechtlicher Sender nicht sagen, wir machen das so wie es immer war. Und da passe ich vielleicht einfach ins Konzept. Die haben sich jemanden eingekauft, der spontan ist, und da müssen sie jetzt damit leben.

Sind Sie nervös, wenn Sie an den 2. Februar denken?

Ja! Ich stehe wirklich viel auf der Bühne, und es macht mir eigentlich auch nichts aus. Aber immer, wenn ein neuer Schritt kommt, werde ich nervös. Das war wie beim Oktoberfest Konstanz, wo wir mit den Pumpels aufgetreten sind. Wenn man das erste Mal in einer Hütte spielt, wo 5000 Leute da unten stehen, ist das einfach eine Hausnummer. Klar, ich weiß, das ist mein Programm, die Jungs hinter dir funktionieren, aber trotzdem geht man anders raus als wenn man in Stockach ein Heimspiel vor 1500 Leuten hat.

So war das auch die letzten Male im Konzil. Es ist einfach dieses Wissen, dass eine Kamera läuft, dass nichts geschnitten werden kann. Und wenn du einen Bock baust, dann ist der draußen. Wenn man daran denkt, dass das fast eineinhalb Millionen Leute sehen, überlegt man: Okay, die passen nicht alle in Stockach auf den Dorfplatz. Klar, da geht einem schon die Muffe. Und dann fängt man an rumzublödeln und wenn die unten anfangen mitzulachen, ist die Welt in Ordnung.

Was ist närrischer: Ein Auftritt von den Pumpels oder die Konzilfasnacht?


Für mich ist es ein Gesamtpaket. Ein Auftritt von den Pumpels ist mit Sicherheit auch ein Riesenklamauk. Wir machen zwar Schlager, aber wir nehmen unsere Band super-super ernst. Die Leute sollen drei Stunden lachen. Die sollen uns nicht als ernste Musiker wahrnehmen, sondern reinkommen, sollen einen lustigen Abend haben und dann sagen, es war geil heute Abend, da gehen wir das nächste Mal auch wieder hin.

Wenn Sie Till Eulenspiegel wären, wem würden Sie mal gerne den Spiegel vorhalten?


Wahrscheinlich erst mir selber. In die Politik möchte ich mich gar nicht einmischen, das ist nicht meins. Politische Fasnacht sollen die im Rheinland machen. Ich sehe uns hier unten in unserer Region eher bodenständiger. Und den Leuten, die Fasnacht zu ernst nehmen, sollte man auch den Spiegel vorhalten und sagen: Besinnt euch mal darauf, wo die Fasnacht herkommt. Auf die Zeit nach dem Krieg, wo es den Leuten richtig dreckig gegangen ist und sie gesagt haben, wir haben eine Woche im Jahr, wo wir die Sorgen über Bord schmeißen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen können. Und uns alle freuen, nicht uns gegenseitig ans Bein pinkeln, dieses blöde Ehrenkäsige mal ablegen. Denen könnte man einen Spiegel vorhalten.

Wer mit der Fasnacht nichts anfangen kann, verreist lieber…


Der soll meinetwegen zum Skifahren gehen. Der andere, der es noch nie erlebt hat, soll es sich mal anschauen, und zwar auch mit offenem Herzen. Und vielleicht auch sagen: Klasse, das ist was für mich. Also wieder zurück zu dem Thema: Liebe Leute, geht das Ganze entspannt an.

Können Sie denn unseren Lesern zum Schluss noch einen kleinen närrischen Gruß entgegenbringen?


Ich wünsche mir für alle, dass sie die Fasnacht 2010 genießen, dass sie auf die Straße rausgehen, das Herz aufmachen und den Geist der Fasnacht reinlassen. Egal, ob ihr aus Konstanz kommt, aus Stockach, Radolfzell, aus Gottmadingen, Singen oder aus der Schweiz – genießt es. Ho Narro!

Fragen: Kirsten Schlüter

Rainer Vollmer, 40 Jahre, wurde in Pfullendorf geboren und ist in Stockach aufgewachsen. Nach dem Abitur am Stockacher Nellenburg-Gymnasium hat er in Konstanz Kommunikationsdesign studiert und bald danach in Stockach seine eigene Werbeagentur eröffnet. Inzwischen beschäftigt Rainer Vollmer acht Mitarbeiter. In seiner Freizeit tritt er mit seiner Schlagerband „Papis Pumpels“ auf und verbringt Zeit mit seiner Familie. Vollmer hat drei Kinder im Alter von acht, sechs und vier Jahren. (kis)
Konstanz
seit wann sagt
ein stockacher "Ho Narro"????
Danke lieber OpaSchloenzke!
Das ist wirklich lustig! Ihnen stell' ich gerne auch einen Nachttopf vor die Haustür.
Fasnet
Von unbekannt
da muss ich gringo völlig recht geben...

und ich freu mich jetzt schon auf die ...
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