Er soll das Wir-Gefühl in Konstanz fördern, die Wahrnehmung der Stadt nach außen verbessern, einen Flohmarkt ohne Stress und eine GEWA mit positivem Abschluss auf die Beine stellen. Im SÜDKURIER-Interview erzählt Hilmar Wörnle, was das von ihm geführte Stadtmarketing noch alles machen soll. Und warum er die hämisch belachte „Konstanz am HO“-Kampagne immer noch gut findet.
Er soll das Wir-Gefühl in Konstanz fördern, die Wahrnehmung der Stadt nach außen verbessern, einen Flohmarkt ohne Stress und eine GEWA mit positivem Abschluss auf die Beine stellen. Im SÜDKURIER-Interview erzählt Hilmar Wörnle, was das von ihm geführte Stadtmarketing noch alles machen soll. Und warum er die hämisch belachte „Konstanz am HO“-Kampagne immer noch gut findet.
Herr Wörnle, zehn Jahre gibt es das Stadtmarketing jetzt. Aber was macht es eigentlich?
Kurz gesagt, das Stadtmarketing Konstanz versucht, die Lebensverhältnisse und die Lebensqualität in Konstanz zugunsten der Bürger und Unternehmen zu optimieren, zu verbessern und zu fördern. Dabei sehen wir uns als „Think Tank“ und Möglichmacher.
Geht das konkreter?
Das geht insofern konkreter, als dass wir keine Marketingabteilung im ausschließlichen Sinne eines Strategieteams sind, die sagen: „Das und das finden wir gut und da wollen wir hin.“ Zugleich aber gehen wir bis konkret in die Lebenshilfe einzelner Personen. Das fängt an – ganz banal, aber beliebt – beim großen grenzüberschreitenden Flohmarkt in Konstanz. Dieser ist auf der einen Seite ein Bürgerfest: Da kommen Leute hin, verkaufen ihre Sachen und essen ihre Wurst. Auf der anderen Seite ist es auch ein Ereignis zur Steigerung der Identifikation der Bürger und Bürgerinnen mit ihrer Stadt. Ein solch großes Fest muss aber in den Organismus einer Stadt eingebunden sein, damit die Randerscheinungen, die auch belastend sein können – ich denke da beispielsweise an die Bewohner im Paradies –, sich minimieren, oder auch dass ein solches Fest friedlich ist.
Aber so ein Flohmarkt ist ja nicht nur eine Veranstaltung, damit wir etwas zu feiern haben, sondern er ist auch eine Botschaft in den Umkreis, in die Bundesrepublik und bis in die angrenzenden Länder hinein. Wenn man ihn beispielsweise vergleicht mit dem Christkindlesmarkt in Nürnberg oder mit dem Oktoberfest in München, so haben wir hier einen Flohmarkt, der Wertschöpfung nach Konstanz bringt, für viele Konstanzer Vereine eine Vereinsförderung darstellt und zugleich den Bürgern die Möglichkeit gibt, sich einen Zuverdienst beispielsweise für den kommenden Urlaub zu verdienen.
Sie haben gerade gesagt, Sie wollen gleichzeitig das Wir-Gefühl in Konstanz stärken und die Außenwirkung der Stadt verbessern. Sind das nicht Ziele, die sich fast gegenseitig ausschließen?
Nein. Aber ich gebe zu, es ist manches Mal ein Spagat. Das beginnt aber schon mit dem Begriff „Marketing“. Wenn man drei Leute fragt: „Was ist Marketing?“, bekommt man sieben Antworten. Für die einen ist es Strategie, die anderen sagen: „Die machen Werbung“. Wir haben das Dilemma, aber auch sozusagen die spannende Aufgabe, dass wir ein ganzheitliches Stadtmarketing betreiben für den Gesamtorganismus Stadt. Dies ist in anderen Städten anders und somit nicht vergleich- und bewertbar. Eine Stadt hat so viele Facetten, und – und das unterscheidet uns von einem Produkt-Marketing – wir haben so viele Zielgruppen, wir haben so viele Formate, wir haben so viele Angebote, die auch von verschiedenen Institutionen bedient werden. In Konstanz haben wir noch eine Tourist-Information, wir haben noch eine Wirtschaftsförderung, wir haben eine Kernverwaltung, wir haben einen Gemeinderat, wir haben eine Verwaltungsspitze, die alle ihre Vorstellungen im Sinne einer positiven Vermarktung der Stadt haben. Unsere Aufgabe ist es, diese Anforderungen zu bündeln und – sozusagen als Projektmanagement-Dienstleister der Stadt – in konkrete Maßnahmen umzusetzen. Denn wir können niemandem in der Stadt sagen: „Wir finden das gut und darum bitte tu du das.“ Das wird sich keiner sagen lassen, keine Kultureinrichtung, keine Wirtschaftsförderung, keine Partei, kein Unternehmen. Wir sind da sozusagen Überzeugungstäter insofern, als dass wir überzeugen müssen.
Nennen Sie mir weitere wichtige Projekte, die es ohne das Stadtmarketing nicht gäbe und die Ihre Erfolgsgaranten sind.
Der Flohmarkt macht gewiss eben am meisten Spaß. Das zweite Projekt ist sicherlich die GEWA. Jedes Gemeinwesen hat eine Leistungsschau, stellt sich dar. Solch eine Leistungsschau haben wir – obwohl Konstanz keine Messestadt ist – gemeinsam mit unseren Kreuzlinger Nachbarn grenzüberschreitend entwickelt. Ein Projekt, das uns sehr am Herzen liegt, aber vielleicht nicht so sichtbar ist, ist das Neubürger-Paket. Wir versuchen, Bürgern, die nach Konstanz ziehen, einen optimalen Einstieg in unser Gemeinwesen zu ermöglichen. Als Hineingeschmeckter kann ich da aus eigener Erfahrung schöpfen, zukünftig wollen wir dieser Zielgruppe noch vermehrt Angebote machen, beispielsweise in Form eines neuen Projektes, welches wir „Heimat in der Heimat“ nennen. Ein weiterer Baustein ist sicherlich unsere Initiative im Bereich „Oldtimer“. Was man mir immer nicht glaubt: Es ist eine strategische Entscheidung, dass wir uns in diesem Themenfeld engagieren, einem Wachstumsgebiet übrigens wie kaum ein zweites. So sind wir weltweit die einzige Region, die Oldtimer bewusst willkommen heißt und entsprechende Angebote bereithält. Und natürlich das grenzüberschreitende Kinderfest – inzwischen ja zum Kinder- und Jugendfest erweitert. Das Kinderfest ist seit den Anfängen des Stadtmarketing eines unserer ganze wichtigen Projekte und Anliegen. Das sind jetzt mal die ersten fünf unserer öffentlichwirksamen Projekte, ich könnte jetzt weitermachen.
Stichwort Neubürger: Sie sind selbst kein Konstanzer. Gelegentlich wird Konstanz wahrgenommen als Stadt derer, die keine Veränderungen wollen, derer, die alles besser wissen und derer, die lieber nörgeln, als irgendwo selber anzupacken. Teilen Sie den Eindruck?
Ich teile die Wahrnehmung. Die Frage ist, ob es nicht in anderen Städten ähnlich ist. Was spürbar war und auch bis heute noch ist: Das Rheinland und das Ruhrgebiet, die Gegenden meiner Herkunft, hatten im Zweiten Weltkrieg sehr gelitten, das bedeutet, mit ganz vielen Umbrüchen zurechtzukommen. Hier allerdings hat die Gegend seit 700 Jahren Frieden oder sagen wir mal: nicht die extreme Not erlitten, die andere Teile in Deutschland erdulden mussten. Doch in den letzten 20 Jahren hat sich die Stadt gut entwickelt, ist offener, attraktiver, geselliger geworden – vielleicht auch ein kleiner Verdienst unserer Arbeit des Stadtmarketing. Aber das, was Sie eben beschrieben haben: kritische, nörgelnde, zurückhaltende oder ähnliche Haltungen – wenn man es so bezeichnen will – finde ich in anderen Städten auch. Es ist vielleicht einfach auch ein Ausdruck unseres Wohlstandes.
Sie haben jetzt ganz viel über erfolgreiche Projekte gesprochen, über Dinge, die das Stadtmarketing macht. Was waren die Misserfolge? Womit sind Sie nicht zufrieden?
Wo ich mir in der Einschätzung nach wie vor unsicher bin – das wird allen noch in Erinnerung sein – ist die Geschichte mit HO. Ich erachte diese Plakatkampagne nicht als einen Fehler oder Lapsus, allerdings sehe ich auch nicht mit ungeteiltem Stolz auf das Projekt zurück. Es ist eine sehr differenzierte Geschichte, welche wir, so glaube ich, ganz gut gemeistert haben. Die Eislaufbahn, welche wir von Seiten des Stadtmarketing im Winter 2007 begleiteten, war sicherlich – ohne dabei die Ursachen bewerten zu wollen – kein Erfolg. Was mir noch stärker fehlt und wo ich sage: „Mensch, da müsste mehr drin sein“, das ist eine noch stärkere Vernetzung einzelner Institutionen der Stadt Konstanz, in der Verwaltung, in den Eigenbetrieben, aber auch mit Unternehmen, Händlern, Vereinen und Verbänden. Wir reden nach wie vor zu wenig miteinander und wir machen zu wenig miteinander. Zugleich bin ich auch mit der Entwicklung im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements unzufrieden, die Aufbruchstimmung der Gründungsjahre des Stadtmarketing ist leider nicht mehr präsent.
Sie haben soeben Konstanz und HO erwähnt, Sie sind damals sofort öffentlich in die Bresche gesprungen, haben sich verteidigt. Waren Sie da zu dünnhäutig?
Statt von Dünnhäutigkeit würde ich von erhöhter Sensibilität sprechen. Im konkreten Fall war dies eine bewusste Entscheidung. Es ging darum, dass in der Öffentlichkeit – und zwar außerhalb von Konstanz –, versucht wurde, Konstanzer Institutionen zu beschädigen. Das musste verhindert werden, mit allen Mitteln. Unsere Strategie – und da behaupte ich, die ist aufgegangen – war, die Diskussion abzulenken und zu personifizieren, dafür mussten wir jemanden ins Feuer stellen. Das war in diesem Fall ich, und es war auch richtig so, weil ich in letzter Konsequenz dieses Projekt zu verantworten hatte. Insofern kann man nicht auf der einen Seite die Lorbeeren für sich in Anspruch nehmen und auf der anderen Seite sagen: „Nein, ich war's nicht! Das war ein Gremium oder das war irgendjemand anders.“ oder: „Wir haben es vergessen.“ oder: „Es war ein Student.“ oder was weiß ich was. Im Hinblick auf die mediale Aufmerksamkeit, welche uns die Kampagne gebracht hat, hätte ich mir gewünscht, dass ich sie ganz gezielt so geplant hätte. Dann hätten wir ein paar Sachen anders gemacht. Aber im Prinzip bin ich nicht ganz unglücklich mit dem Ausgang der Aktion.
Fragen: Jörg-Peter Rau