Auf einen Kaffee mit Cornelia Lurz, die bei einem Milchkaffee vom nachhaltigen Bauen und dem Alter erzählt.
Frau Lurz, das Thema Nachhaltigkeit ist immer wieder in aller Munde. Was verstehen Sie darunter?
Ich beschäftige mich mit nachhaltigem Bauen. Ein nachhaltiges Gebäude ist für mich ein Gebäude, das den momentanen Bedürfnissen der Bewohner entspricht, das aber die zukünftigen Generationen nicht einschränkt und oder gefährdet.
Was gehört zu solch einem Gebäude?
Zum nachhaltigen Bauen gehört das Berücksichtigen energetischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Aspekte. Man muss heute zum Beispiel schon an alters- und behindertengerechte Wohnungen denken und darauf achten, dass ein Gebäude und Wohnraum flexibel nutzbar sind. Nicht die Bewohner sollen sich dem Wohnraum anpassen, sondern der Wohnraum sollte sich den Bewohnern anpassen, weil die Wohnbedürfnisse sich im Laufe des Lebens ändern.
Wie kann man sich das vorstellen? Bauen Sie verschiebbare Wände ein?
Nein, das nicht. Als typisches Beispiel wird immer die bodenlose Dusche genannt, die für einen Rollstuhlfahrer zugänglich ist, aber auch für eine Frau mit Rollator und eine Familie mit Kindern praktisch ist. Was Älteren nützt, schadet Jüngeren ja nicht, sondern es gibt eine Nutzungserleichterung für alle Generationen. Im altersgerechten Wohnen brauche ich mehr Bewegungsfläche, was aber auch den Alltag mit Kindern erleichtert. Es hilft mir auch, wenn ich kurzfristig verletzt und auf Gehhilfen angewiesen bin. Dann kann ich mich viel einfacher in meiner Wohnung selbständig bewegen.
Heißt das, dass man eigentlich keine außergewöhnlichen, verwinkelten Häuser mehr bauen sollte?
Nein, das auch nicht (lacht). Sehr gut ist aber, gleich beim Neubau zu berücksichtigen, dass man vielleicht irgendwann mal einen Aufzug nachrüsten könnte. Der Architekt sollte eine Fläche dafür bereithalten, wenn jetzt das Geld fehlt, um gleich beim Neubau einen Aufzug einzubauen. Außerdem ist es sinnvoll, wenn ich gleich an rutschfeste Bodenbeläge denke oder an eine gute Ausleuchtung, die ich später noch ein bisschen nachrüsten kann. Gerade im Alter, wenn die Sehkraft nachlässt, ist es ganz gut, wenn die Bewohner zum Beispiel gut ausgeleuchtete Treppenauf- und -abgänge haben.
Sehen die Kunden ein, dass sie auch in jüngeren Jahren schon an altersgerechtes Wohnen denken sollen?
Ja, auf jeden Fall. Wobei ich sie immer noch darauf hinweisen muss. Gerade junge Familien mit Kindern, die neu bauen oder eine neue Wohnung kaufen, denken zunächst: Wir brauchen neben den anderen Wohnräumen zumindest für jedes Kind ein Zimmer. Aber ganz viele denken nicht daran, was sie mit dem übrigen Wohnraum machen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Ich habe beim Planen
oft immer schon im Hinterkopf, dass man für die Zeit nach den Kindern und vor der Rente den Wohnraum wieder umnutzen kann. Man könnte eine Einliegerwohnung abtrennen oder aus einem Einfamilienhaus eine Doppelhaushälfte mit zwei kleinen Einheiten machen. Oder ich mache geschossweises Wohnen möglich und nehme später die abgetrennten Räume wieder dazu, wenn ich eine Pflegekraft brauche. Die Idee ist, dass man das mit ganz einfachen Mitteln macht, ohne große Folgekosten. Große Kosten entstehen, wenn ich eine Treppenanlage habe und nachher eine Rampe oder einen außenliegenden Aufzug nachrüsten muss.
Wie sieht denn die Altersstruktur in unserer Region künftig aus?
In 15 Jahren braucht der Kreis Konstanz 6300 altersgerechte Wohnungen. Die sind jetzt noch nicht da, also wird man nachrüsten müssen, weil die Bevölkerung immer älter wird.
Viele Menschen wollen ja lieber zu Hause alt werden als im Pflegeheim.
Das ist ja auch im Sinne der Gesellschaft. Ich denke, es ist schöner, wenn die Leute sich noch selbst versorgen können und zu Hause alt werden. Für diese Menschen ist es ganz wichtig, dass sie selbständig kochen und die Körperpflege verrichten können. Da kann man baulich sehr viel machen. Wenn ich als Architektin in einer Küche auf unterfahrbare Arbeitsflächen achte, kann der Bewohner gewisse Tätigkeiten in der Küche im Sitzen erledigen. Geräte wie den Backofen kann ich ebenfalls auf Sitzhöhe anbringen. Wichtig ist auch das altersgerechte Bad. Es ist doch viel schöner, wenn ältere Menschen sich selbst duschen können als wenn eine Pflegeperson nach Hause kommt. Altersgerecht heißt nicht nur schwellenlos, sondern dazu gehören eben zum Beispiel auch die Ausleuchtung und eine gute Raumakustik für die Schwerhörigkeit sowie breitere Türen. Eine Tür mit 90 Zentimetern Durchgangsmaß kostet nicht mehr als eine Tür mit nur 80 Zentimetern.
Sehen altersgerechte Wohnungen nicht altmodisch aus?
Nein, denn die Industrie hat den Markt erkannt. Man kennt ja das rollstuhlgerechte Bad mit diesen ganzen Stützgriffen, das wirklich nach Krankenhaus aussieht. Inzwischen gibt es aber auch Firmen, die Klappsitze oder Stützgriffe in die Wand integrieren. Die sieht man nur, wenn sie in Gebrauch sind. Wichtig ist, dass Architekten gleich Vorrichtungen für diese Elemente hinter der Vormauerung vorsehen, wenn sie eine Wohnung sanieren oder neu bauen. Wenn ich das nachträglich einbaue, muss ich wieder die ganze Wand öffnen. Das ist viel teurer. Grundsätzlich gilt für das Wohnen: So viel Selbstständigkeit wie möglich und so viel Sicherheit wie nötig. Das gilt für Kinder und ältere Menschen gleichermaßen.
Was macht die ältere Generation heute aus?
Ich finde die Generation der älteren Menschen, die jetzt kommt, hochinteressant. Das sind ganz aktive Leute. Sie stehen mitten im Leben, sie wissen, was sie wollen und haben tolle Ideen. Ich finde es sehr spannend, mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten. Manche Kollegen meinen etwas negativ, nachhaltiges Bauen sei etwas für die Alten und somit altmodisch. Aber die ältere Generation heute ist sehr selbstbestimmt und modebewusst. Sie legt Wert auf Qualität und lässt sich nicht mehr mit einem Krankenhausstil abspeisen.
Wo fängt für Sie das Alter an?
Das ist so eine Frage. Mein Vater ist 74, für mich ist der noch nicht alt, weil er eben total aktiv ist und fit. Er macht viel mit dem Computer und ist noch ganz wissbegierig. Dann kenne ich aber auch 60-Jährige, die schon negativ über das Älterwerden nachdenken. Das kalendarische Alter hat nichts mit dem gefühlten Alter zu tun.
Wohnen Sie selbst in einem flexibel nutzbaren Haus?
Nein, leider nicht. Wir leben jedoch in einer Mietwohnung, die unseren jetzigen Bedürfnissen voll entspricht. Aber bei unserem Haus lässt sich eine Rampe im Innenhof sehr gut planen. Darauf habe ich schon geachtet. Und wir haben einen Aufzug. Das macht es leichter. Unser Bad und die Küche sind aber noch nicht alters- oder behindertengerecht.
Was wäre für Sie zusammengefasst das ideale Haus der Zukunft?
Das ideale Haus der Zukunft wäre für mich das Haus, das sich mit meinen Wohnbedürfnissen ändert wie ein Chamäleon. Für eine Zeit lang muss es auch möglich sein, sich sechs oder acht Wochen nur auf einem Stockwerk zu bewegen und später wieder das ganze Haus zu nutzen, zum Beispiel nach einem schweren Unfall. Außerdem wäre es natürlich wünschenswert, ein Nullenergiehaus zu haben, also ein Haus, das die benötigte Energie für Heizung, Warmwasser und so weiter selbst erzeugt. Meist wird dazu Solarenergie verwendet, die das Warmwasser und den Strom liefert. So ist man nicht nur unabhänigig von den Stromanbietern, sondern auch von allen übrigen Energielieferanten für Gas, Öl und Holz. Ich muss beim Planen den vorgeschriebenen Energiestandard der EnEV einhalten, empfehle aber meistens einen noch höheren Standard. Vom Preis her macht das keinen allzu großen Unterschied. Je besser ein Haus energetisch dasteht, umso bessere Förderprogramme gibt es. Ich finde, an regenerativen Energien kommt man nicht vorbei. Von Öl und Gas muss man sich langfristig verabschieden, weil das endliche Ressourcen sind. Irgendwann gehen sie verloren, während die Sonne voraussichtlich noch in 1000 Jahren scheint.
Gibt es schon Wettbewerbe in der Sparte nachhaltiges Bauen?
Ja, teilweise schon. Ich war schon Preisrichterin bei so einem Wettbewerb. Es ging um die Dorfentwicklung in meinem Heimatort Mühlheim und die Frage, wie der denkmalgeschützte Ortskern in 30 Jahren aussehen soll. Mühlheim hat auch das Problem, dass im denkmalgeschützten Kern die Jüngeren abwandern und die Älteren langsam wegsterben. Ich saß beim städtebaulichen Ideenwettbewerb in der Jury. Ich sehe mich nicht als Sachverständige für Menschen, die erst eingeschaltet werden, wenn schon ein Mangel vorliegt. Ich sehe mich eigentlich eher als diejenige, die schon ganz früh in der Planungsphase dabei ist, damit solche Mängel erst gar nicht entstehen.
Fragen: Kirsten Schlüter
Zur Person
Cornelia Lurz ist 36 Jahre alt und stammt aus Mühlheim an der Donau. 1996 kam sie zum Architekturstudium an die Fachhochschule (heute HTWG) nach Konstanz. Die 36-Jährige hat nach dem Studium in Australien, den USA und der Schweiz gearbeitet. Seit 2004 ist sie mit einem Architekturbüro im Techologiezentrum Konstanz selbstständig. Vor vier Wochen hat Cornelia Lurz als erste Konstanzerin die Ausbildung als Sachverständige für barrierefreies Planen und Bauen an der HTWG abgeschlossen. In ihrer Freizeit liest sie viel und ist mit ihrem Mann und den beiden Söhnen (drei und fünf Jahre) gern draußen und am Wasser.