Gailingen – „Shalom“ – Frieden – hieß das Lied, mit dem der Solisten-Chor der Jugendmusikschule westlicher Hegau die Gedenkstunde auf dem Platz, auf dem früher die Synagoge stand, abschloss. Und mit einem herzlichen „Shalom“ hatten viele Nachkommen ehemaliger Gailinger Juden die Menschen aus dem Hegau begrüßt.
Die Feierlichkeiten erinnern an die Deportation von 184 Juden aus Gailingen nach Gurs. Sie begannen mit einer Gedenkstunde auf dem Jüdischen Friedhof.
Dieses Mal waren besonders viele jüdische Gäste angereist, aus Israel, der Schweiz, aus den USA und anderen Ländern. Sie kennen sich alle, umarmten sich, man hörte Hebräisch, Englisch, Deutsch. Es schien ein Wiedersehen wie bei einem Familientreffen. Alain Gut, vom „Verein zur Erhaltung des Jüdischen Friedhofes Gailingen“, der die Feierstunde veranstaltet, sprach über die Zukunft der Erinnerung und damit von einem „notwendigen Wandel in der Erinnerungskultur.“ Er hob die Bedeutung von Gedenkstätten hervor, wie dem Jüdischen Friedhof oder dem Museum im Bürgerhaus und forderte einen kritischen Umgang mit der Überlieferung nach dem „Abschied von den letzten Zeitzeugen.“
Rabbiner Aric Speaker betonte, wie wichtig es sei, die Vorfahren auf dem Friedhof zu besuchen und den Ort kennen zu lernen, in dem sie lebten. Bürgermeister Heinz Brennenstuhl mahnte, die Vergangenheit anzunehmen und nicht in der Versenkung verschwinden zu lassen. Besonders eindrucksvoll war es, als der 84-jährige Dov Bohrer, Sohn des letzten Gailinger Rabbiners Mordechai Bohrer, vortrat und das Kaddisch, das Totengebet, sprach. In zu Herzen gehenden Worten schilderte Detlev Girres, Vorsitzender des „Vereins für Jüdische Geschichte Gailingen“, wie die jüdischen Mitbürger vor 70 Jahren am Tag des Laubhüttenfestes aus den Häusern geholt wurden. Sie hätten eine Stunde Zeit gehabt, das Nötigste zusammen zu packen. In der Judenkartei sei dann vermerkt worden: „Durch Aktion nach Frankreich ausgewandert.“ Ausstellungsstücke der Geschichte sind in einem neuen Raum im kleinen Museum zu sehen.
Sowohl im Vortrag von Detlev Girres wie auch in den Ausführungen der nachfolgenden Redner hatte die Rolle der Täter eine große Bedeutung. Vertreter der evangelischen und katholischen Kirchen oder auch Professor Rainer Wirtz von der Universität Konstanz sprachen damit ein Thema an, das in Gedenkstätten bisher nicht berücksichtigt wurde: „Was ein Verbrechen war, muss auch als Verbrechen benannt werden“, sagte Girres.
Eindrucksvoll waren die Gespräche mit den jüdischen Gästen beim Rundgang durch das Museum und hinterher bei einer Tasse Kaffee und Berches, dem jüdischen Sabbat-Brot. Dov Bohrer zeigte, welches früher das Wohnzimmer, das Elternschlafzimmer und das Kinderzimmer war. In den Wohnräumen der Familie Bohrer ist jetzt das Museum eingerichtet.
Bohrererzählte, wie er als Zwölfjähriger die Sprengung der Synagoge am 10. November 1938 miterlebt hatte: „Als wäre es gestern gewesen.“