Inklusion in Perfektion: Eine blinde Schülerin von der Wekrrealschule Engen wird von und einer FSJlerin unterstützt
Franziska Engesser (17) verfügt über einen richtig guten, zuweilen sogar sarkastischen Humor. Kostprobe gefällig? „Wieso sollte ich bemitleidet werden?“, sagt die junge Frau, die seit der Geburt vollblind ist, „ich bemitleide Sehende doch auch nicht.“ Neben ihr sitzt Laura Uhler (19) und lacht herzlich mit. Sie absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Caritas in Singen – und ist seit September 2010 als Schulassistentin treue Begleiterin von Franziska Engesser, die in diesem Sommer ihren Abschluss an der Werkealschule Engen anstrebt. Zusammen sitzen sie im Unterricht, zusammen arbeiten sie hinterher am speziellen Blindenlaptop den Stoff auf und zusammen bereiten sie sich auf die nächste Stunde vor. „Wir sind ein perfekt harmonisierendes Team“, bestätigt Franziska. Sie verstehen sich im wahrsten Sinne des Wortes blind.
Franziska Engesser und Laura Uhler füllen somit die UN-Konventionen und einen Passus des Koalitionsvertrages der neuen Landesregierung mit Leben: Dort nämlich ist verankert, dass Menschen mit Behinderung in Sachen Schule ein Wunsch- und Wahlrecht haben – Inklusion in Perfektion. „Ich bezeichne Franziska als eine Pionierin“, erzählt Jörg Hönle, Fachbereichsleiter Behindertenhilfe der Caritas, „sie weiß exakt, was sie will und hat die normale Spur verlassen.
“ Die junge Frau aus Anselfingen wollte partout nicht verstehen und einsehen, dass blinde Menschen in der Regel irgendeinen kaufmännischen Beruf lernen und dann quasi in ein hinteres Büro abgeschoben werden sollen. „Ich bin sehr musisch verlangt“, erzählt sie, „und möchte mein Fachabitur machen, um danach Klavier und Gesang zu studieren.“ Sie bezeichnet die Musik als „mein ein und alles“. Im Sommer, wenn sie den Abschluss der Werkrealschule in der Tasche hat, wird sie nach Marburg ziehen, um dort auf der Fachoberschule für Sozialwesen das Fachabitur anzustreben. „Der Abschied von meiner Familie wird mir schwerfallen – und auch der von Laura“, sagt sie wehmütig. Doch sie will die Sache konzentriert durchziehen, „um mir den Traum von der Musik zu verwirklichen“.
Franziska und Laura trafen sich im vergangenen Sommer das erste Mal. Dem voraus gingen Anträge bei der Eingliederungsstelle, dem Landkreis als Kostenträger, der Gemeinde sowie der Caritas und Krankenkassen. Die Lehrer sowie Laura Uhler mussten vorbereitende Kurse belegen. Die FSJlerin machte sogar einen Selbstversuch, setzte sich Augenklappen auf und ging so zum Mittagessen. „Dadurch habe ich viel gelernt und kann mich besser in Franziskas Situation hineinversetzen.“
Der Schultag ist beendet, die jungen Frauen verabschieden sich. „Wir sehen uns morgen, Laura“, sagt Franziska Engesser zu ihrer Freundin. Wie gesagt: Sie hat einen richtig guten, zuweilen sogar sarkastischen Humor.
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