Konstanz Neue Therapie bei Schlaganfall im Test
08.10.2008
Konstanz – Mit einem Tuch wischt Muhamet Fetai über den Tisch. Seine linke Hand hält den Lappen verkrampft fest. Der 33-Jährige ist konzentriert. Seine Bewegungen sind ruckartig – seit drei Monaten etwa. „Es war wie ein Blitzschlag im Kopf“, erinnert sich Fetai. Er stand im Bad, kippte plötzlich um. Seine Frau rief die Rettung. Einige Tage später ist Muhamet Fetai aus dem Koma erwacht. Diagnose: Schlaganfall. Folge: Lähmung des linken Arms. Diesen kann er heute zwar wieder bewegen. Doch das von früher gewohnte Gefühl in der Hand fehlt. Für Muhamet Fetai wird das Öffnen einer Flasche zur schier unüberwindbaren Herausforderung.
Spiegelnervenzellen, Spiegelneuronen – das sind die Schlagworte bei der neuen Videotherapie an den Kliniken Schmieder in Konstanz. Es ist ein Pilotprojekt, erläutert Christian Dettmers. Der Ärztliche Leiter Neurorehabilitation verdeutlicht plastisch, was sich hinter den Worten verbirgt. Vor etwa zehn Jahren habe die Forschung herausgefunden, dass ein Baby die Mimik seines Gegenübers kopiert – wie ein Spiegel also. Die Schlussfolgerung daraus: Es erkennt Bewegungsmuster und ahmt diese reflexartig nach, wie etwa ein Lächeln der Eltern. Das zieht sich laut den Wissenschaftlern in den folgenden Jahren fort. Kinder schauen sich Verhaltensmuster der Erwachsenen ab und übernehmen diese. Wieso soll das nicht bei bereits Erwachsehen möglich sein? Das Forschungsprojekt an den Kliniken Schmieder begann und läuft noch ein Jahr.
Elfriede Holz guckt auf einen Monitor. Eine Person macht ihr in dem Video vor, wie sie ein Glas greifen soll. „Bei mir klappt das schon wieder ganz gut“, freut sich die 63-Jährige. Im August hatte sie ihren dritten Schlaganfall erlitten. Wieder war der rechte Arm gelähmt. „Ich weiß nicht warum“, sagt die Elsässerin. Sie habe vor über fünf Jahren das Rauchen aufgegeben. Vielleicht lag es am Nikotin, das ihre Gefäße verengt hatte und zum Schlaganfall führte. Vielleicht lag es an der Veranlagung. Alles Rätseln hilft nichts. Elfriede Holz übt fleißig. Lange genug hatte sie die Lähmung ihrer Hand psychisch belastet. Ob das Videoprojekt tatsächlich das Wiedererlernen der motorischen Fähigkeiten unterstützt, weiß sie nicht. Aber: „Es hat mich ermuntert, jeden Tag eine Stunde zu üben“, schildert sie.
Üben – das ist das A und O nicht nur bei dieser Videotherapie, sondern generell nach einem Schlaganfall. Nachdem die Patienten ihre Rehabilitation in den Kliniken Schmieder abgeschlossen hatten, sind sie in das Forschungsprojekt aufgenommen worden – alle sind in drei Gruppen eingeteilt. Einer Gruppe macht eine Person via Video im bewegten Bild etwa das Greifen eines Glases vor. Zuschauen, nachmachen. Bei einer zweiten Gruppe stehen die Anleitungen nur auf dem Bildschirm geschrieben. Lesen, nachmachen. „Wir lassen beide Gruppen beobachten und imitieren“, fasst Professor Christian Dettmers zusammen – also wie es die Babys und Kinder tun. 45 Übungen sind es insgesamt, sie dauern jeweils vier Minuten. Die dritte Gruppe nimmt nur die bisher gewohnten Therapien nach Schlaganfällen wahr, wie sie im Übrigen auch die anderen Testpersonen erhalten.
Es ist Muhamet Fetais erste Sitzung, er ist in der zweiten Gruppe. Claudia Rothmeier unterstützt ihn. Die Ergotherapeutin führt ihn in das Forschungsprojekt ein, beantwortet Fragen, hilft dem 33-Jährigen bei Problemen während der Übungen. Diese soll er anschließend sechs Wochen lang zu Hause machen. Christian Dettmers ist überzeugt: Auch bei Muhamet Fetai werde das Schmieder-Projekt unterstützend zur eigentlichen Ergotherapie helfen, seine Hand so gut wie möglich bewegen zu können. Das im Menschen unterbewusste „Nachahmungszentrum“ im Gehirn soll angeregt werden. Den Erfolg werden der Professor und seine Mitarbeiter messen – nicht nur durch den Vergleich sichtbarer motorischer Verbesserungen, sondern auch über Veränderungen im Gehirn. Mit einer Auswertung der Forschung rechnet der Professor in zwei bis drei Jahren.
Im November will Elfriede Holz wieder arbeiten – „aber spätestens“. Dann kehrt ein weiteres Stück Normalität in ihr Leben zurück. Muhamet Fetai wird noch etwas Zeit benötigen; Zeit, wie sie die Elsässerin schon mehrfach aufbringen musste. Sie kann ihre Hand mittlerweile gut bewegen. Muhamet Fetai übt noch. Er hofft, ebenfalls so weit zu kommen. Dazu braucht er nicht nur Zeit. Auch Geduld.
