käuflich Wohnen im Erdloch: Wie Thomas allein im Wald lebt

Thomas ist 41 Jahre alt. Er lebt das ganze Jahr im Wald, ohne Fernseher, Radio oder Kühlschrank. Sein Lebensstil ist für den Aussteiger ganz normal und die Freiheit sein wichtigstes Gut.

„Möchtest du auch etwas?“, fragt mich Thomas (Name geändert), als er mit rußschwarzen Fingern kleine Holzscheite auf das Feuer legt. Er trägt eine abgewetzte Jeanshose, Turnschuhe und eine karierte Flanelljacke. Der 41-Jährige öffnet eine Metallkiste, darin hat er frisches Sauerkraut gelagert. „Davon kann ich zwei bis drei Tage essen“, erklärt er und pustet in das Feuer. Asche, Rauch und Funken stieben durch die Luft. Das Lagerfeuer lodert mitten in seinem Wohnzimmer. Thomas lebt im Schwarzwald – im wahrsten Sinne des Wortes. In einem kleinen Waldstück hat er sich zwischen Erde, Steinen und Bäumen einen Unterschlupf errichtet. Gehäufte Steinblöcke bilden eine Mauer entlang seiner Schlafstätte, die über matschige Stufen in der Erde zu erreichen ist. An einem Baum lehnt eine Sackkarre. Seit zwei Jahren nennt er diesen Platz im Dickicht sein Zuhause.
 
Thomas im Forst anzutreffen gestaltete sich äußerst schwierig. Ein Video über die Suche nach dem Waldbewohner: 


Ein Lager mitten im Wald


Es riecht nach Erde und Rauch. Auf der einen Seite türmen sich Holzteile, Zweige und Bretter entlang einer Lastwagen-Plane, die als Dach über einem Giebel aus dicken Ästen liegt. Gegenüber befindet sich ein Brett aus mehreren Planken, darunter sind Kisten verstaut. In der Ecke steht ein selbst konstruierter Rucksack aus Holz und Leder. 


Bild: Guy Simon
 Handgemalte Skizze der einzelnen Lagerelemente von Thomas.


Thomas ist im Schwarzwald aufgewachsen, hat dort in einem Dorf gelebt, im örtlichen Verein Fußball gespielt, ist zur Schule gegangen. Nach dem Abitur zog es ihn fort. Er ging nach Berlin zum Studieren. Verschiedenes hat er angefangen, beendet jedoch nichts: „Ich habe es nicht ernsthaft betrieben und sah irgendwann keine Möglichkeit mehr, etwas damit zu erreichen.“ Also reiste er umher: Spanien, Mexiko, Südamerika. „Mit der Hängematte zwischen Palmen am Strand“, berichtet er von der Zeit. Ein standardisiertes Leben, vorgezeichnet und verplant, das kann er sich nicht vorstellen. Sechs Monate verbringt er in Mexiko, lebt mal hier, mal dort, schläft in einer Höhle und kehrt schließlich nach Deutschland zurück. In Frankfurt lebt er auf der Straße. „Geschlafen habe ich unter einer Brücke im Park. Im Vergleich dazu ist es hier viel besser“, sagt er und schmunzelt.

Zwischen seinen Beinen zieht er eine Holzkiste hervor, kramt ein Messer und ein Brett heraus und zerschneidet einen Apfel in kleine Stücke. Im Topf köchelt das Sauerkraut auf dem Feuer. Dazwischen Kartoffeln, Blut- und Leberwurst. Draußen vor der Unterkunft pfeift der Wind über die Lastwagenplane. „Nasskalte Tage sind die schlimmsten. Mit dem Schnee ist das weniger ein Problem“, sagt der Waldbewohner und ergänzt: „Ich mag es wenn frischer Schnee liegt. Es ist eine ruhige Stimmung und alles sieht schön aus. Da bekomme ich gute Laune.“ Die Apfelstücke wirft Thomas in das Sauerkraut. Aus dem Topf dampft und zischt es. Er nimmt einen großen Löffel, probiert das Kraut, nickt und hustet. Mit zwei Ästen hebt er die Henkel des Kochtopfs an und stellt seine Mahlzeit neben sich auf das große Holzbrett. Auf diesem schläft er auch: „Karton, Isomatte und Schlafsack – das reicht.“ 


So wirklich kalt wird ihm dabei nicht: „Es hat eine angenehme Temperatur hier drin. Nur wenn es draußen Minusgrade hat, dann wird es ungemütlich. Da bleibe ich dann oft lange am Feuer sitzen, obwohl etwas Bewegung wichtig wäre. Aber am Feuer ist es eben schöner und gemütlicher. Das würde jeder so machen, denke ich.“ Sich bewegen muss er jedoch zwangsläufig früher oder später, um Holz zu sammeln oder frisches Wasser zu holen. Der Lebensstil erfordert eine gewisse Vorbereitung und Planung: Will er trockenes Holz, dann ist es notwendig, ein Lager anzulegen bevor es regnet oder schneit. Das macht Thomas während der warmen Monate. „Leider bin ich oft ziemlich eingefahren in meinem Tagesablauf und werde bei der Umstellung auf das Winterwetter etwas träge“, sagt er und kaut einen großen Löffel Sauerkraut.

Ein normales Leben


Sein Tag beginnt wie bei den meisten Menschen – mit Kaffee und Frühstück. Dann erledigt er, was zu tun ist: Wasser am nahen Bach holen, Holz sammeln, Reparaturen, alles was eben so ansteht. Langweilig wird ihm dabei nie. Manchmal sorgt auch das Wetter für Aufregung. „Wenn der Wind durch die Äste pfeift und die Bäume hin- und herwanken, das ist schon übel. Das macht ganz schön Atmosphäre hier drin.“ Doch der Wind kann auch ein Vorteil sein: Durch den Sturm ist ein großer Ast abgebrochen, der hat ihn fast den ganzen Winter mit Feuerholz versorgt.

Ab und zu hilft Thomas einem Landwirt bei der Ernte. Als Gegenleistung erhält er dafür Eier, Milch oder Gemüse. Pro Tag bekommt er zudem 13 Euro von der Obdachlosenhilfe, die rund 13 Kilometer entfernt ist. Wenn er sich dort das Geld abholt, bringt er manchmal auch seine Wäsche hin oder geht duschen. Im Sommer wäscht er sich in einem Bach. In die Obdachlosenunterkunft möchte er nicht ziehen: „Ich habe keine Lust darauf. Das ist wohl Geschmackssache, aber hier gefällt es mir viel besser. Es ist schön, hier draußen zu sein und seine Freiheit zu haben.“ Und, so sagt der 41-Jährige, das Leben im Wald sei nicht kompliziert: „Es ist eigentlich nicht schwierig, draußen zu leben. Wenn du Kaffee trinken oder es warm haben willst, dann musst du eben Holz holen und ein Feuer machen.“ 

Thomas kam zurück in den Schwarzwald, um wieder einen Einstieg in ein normales Leben zu finden: „In Frankfurt zu bleiben, hatte keinen Sinn mehr. Ich habe keine Papiere und wusste nicht, wo ich noch hin sollte.“ Da fiel dann der Entschluss, wieder in die Heimat zurückzukehren. Hier kennt er sich aus, hier leben noch Freunde. Familie hat er keine mehr. Hier, so dachte er sich, funktioniert es am leichtesten: „Momentan bin ich zufrieden. Was ich habe, reicht mir. Ich bin erst mal gut aufgehoben. Wenn ich jetzt woanders hin wollte, müsste ich mir erst wieder einen Platz suchen.“ Vom Waldbesitzer wird Thomas geduldet - er verhält sich ruhig, verursacht im Forst keine Probleme und stellt daher auch kein Problem dar.

Bild: Guy Simon
Mitten im Dickicht des Waldes: Thomas hat sein Lager mit einer Lastwagenplane vor Kälte und Nässe geschützt.


Ein Sofa fehlt am meisten


Ein Protest ist seine Lebensweise für ihn nicht: „Das hat nichts mit der Konsumgesellschaft zu tun. Ich mache ja auch nichts anderes: Ich arbeite, esse, trinke und lebe mein Leben.“ Alles jedoch fernab der üblichen Gesellschaft. Alles in eigenem Stil und mit der Freiheit, nur auf sich selbst angewiesen zu sein. Ab und zu wenn er nachts wach ist und am Feuer einen Kaffee trinkt, denkt er an das andere Leben in der Vergangenheit. Das vor seiner Zeit in der Wildnis. „Ein Sofa fehlt mir am meisten. Gemütlich abends aufs Sofa liegen, das wäre eine nette Abwechslung“, sagt er und beginnt zu lächeln. 

Die Nacht im Wald gefällt ihm besser als der Tag. Die Luft sei klar und alles irgendwie schöner. Gut schlafen kann er nicht und ist deshalb auch zu solchen Zeiten oft wach. Diese Momente genießt Thomas. Am liebsten hat er jedoch die Frühstückszeit: „Das ist für mich Luxus. Das Frühstück alleine und in Ruhe genießen zu können. Das ist der beste Teil des Tages.“ 

In seiner Waldunterkunft stehen zahlreiche Werkzeuge. Eine Säge, ein Beil, ein Hammer. Die Geräte sind wichtig für ihn, ebenso wie sein Sackkarren. „Das Material hab ich alles geschenkt bekommen. Die Leute lassen ab und zu mal was da. Insgesamt sind die Menschen wirklich nett. Das Hass offen zu Tage tritt, das habe ich noch nie erlebt.“ Als er ganz neu im Wald war, haben Wanderer oft bei ihm vorbeigeschaut und gefragt, was er hier eigentlich mache.

Jetzt komme nur noch selten Besuch. In einer nahen Ortschaft wohnt ein Freund von Thomas der von Zeit zu Zeit im Wald vorbeischaut. Bei ihm lagert er manchmal Klamotten oder bringt den Kindern seines Freundes ein Comic-Heft vorbei. Die liest er auch ab und zu selbst gerne, sagt er. In einer der Kisten unter seiner Schlafstätte hat er welche verstaut. Früher hat er sich auch gerne Videos angeschaut, nur "ein Fernseher wäre hier wohl etwas unpassend", bemerkt er mit einem Lächeln.



Bild: Guy Simon
Thomas lebt das ganze Jahr hindurch mitten im Wald, egal ob es schneit, stürmt oder regnet.
 

Die Zukunft ist unklar


Wie es in Zukunft weitergehen soll, das weiß der 41-Jährige nicht: „Da hab ich mir noch keine großen Gedanken drüber gemacht.“ Auf dem Markt in der Stadt hat er an einem Stand ausgeholfen und er geht auch noch zu dem Landwirt, um zu arbeiten. Es ist ein Anfang. Vielleicht gelingt es ihm, nach und nach den Einstieg wieder zu schaffen. Vielleicht kann er sein Leben dann auch mit der Freiheit vereinbaren, die ihm so viel bedeutet. „Immer an einem Fleck sein, das könnte ich nicht“, sagt er und dreht ein kleines Papierstück mit Tabak zwischen seinen schwarzen Fingern zu einer Zigarette. 
 
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