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käuflich Ich parshippe jetzt - Wie ich beim Onlinedating (fast) verzweifelte

"Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Parship" - ist das wirklich so? Unser Autor Benjamin Brumm wagt den Selbstversuch, meldet sich an und zahlt. Er erfährt schlimme Schicksale - aber findet er auch die wahre Liebe?


Ich will ehrlich sein. Es liegt an der Neugier, gepaart mit einem guten Schuss Verzweiflung und Pragmatismus vielleicht. Irgendwann Anfang des Jahres habe ich mich bei Parship angemeldet. Das Hamburger Unternehmen ist vor allem von den Werbeclips oder den Plakaten mit den schreiend schönen Menschen bekannt. Aus dem Off verspricht eine wohlige Stimme: „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über Parship.“ Dem will ich auf den Grund gehen und stelle mir die Frage: Kann ich den auf mich perfekt zugeschnittenen Partner im Monatsabo kennenlernen?

 
Wer meint, er meldet sich da in einer ruhigen Stunde eben mal kurz an, füllt den nach Parship-Angaben wissenschaftlichen Fragebogen aus und wird dann schneller glücklich verpartnert, als er „Ich parshippe jetzt“ sagen kann: Ist nicht so. Die Suche nach der großen Liebe kostet. Sie kostet Geld, klar. Beim Onlinedating wie im realen Leben. Aber vor allem kostet sie Zeit. Philipp kann ein Lied davon singen. Er ist 30 Jahre alt und kommt aus Konstanz. Philipp heißt eigentlich anders, möchte allerdings lieber anonym bleiben. „Ich habe zwei Jahre lang verschiedene Portale ausprobiert, ohne Erfolg“, sagt er. Er hat zuvor lange überlegt, ob das Kennenlernen im Internet das Richtige für ihn ist. Zuvor ging Philipp so ziemlich jeden anderen, klassischen Weg.




Mir geht es ähnlich wie Philipp, der zugibt: „Auf konventionellem Weg tue ich mich wahnsinnig schwer, Frauen kennenzulernen.“ Sagen wir einmal so: Aufreißer werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr. Ich mag charmant sein, aber zum letzten, entscheidenden Schritt, eine reizende Frau anzusprechen, fehlt mir der Mut. Ich will auch nicht verhehlen, dass ich anspruchsvoll bin. Vielleicht zu anspruchsvoll?

Die CSU der Dating-Portale


Bin ich zu blauäugig, wenn ich dem Konzept von Parship vertraue? Ich hätte mich nicht überall angemeldet, aber Parship ist etabliert. Was die CSU für Bayern ist, ist Parship fürs Online-Daten: Irgendwie schon immer da gewesen. Das Unternehmen feierte dieses Jahr – natürlich am Valentinstag – seinen 15. Geburtstag. Stolz präsentiert man sich auf der Homepage: 558.578 Singles haben sich bis Ende 2015 hier verliebt, daraus entstanden 83.787 Parship-Babys; jede Woche verschicken die Nutzer 150.000 virtuelle Komplimente und 250.000 Lächeln - die wohl einfachsten Arten der Kontaktaufnahme. So schlecht klingen die Zahlen nicht.



Ich bin also im Grunde sehr konservativ, lege mehr Wert auf Erfahrung als auf das neue „ganz heiße Dinge“ auf dem Dating-Markt. Parship ist immer noch der Marktführer, fuhr nach eigenem Bekunden 2014 einen Rekordumsatz von rund 60 Millionen Euro ein.

Aber: Die Konkurrenz für den Branchenprimus ist inzwischen überwältigend. Tinder, Lovoo und Co. drängen mit neuen, teilweise kostenfreien Angeboten auf den Markt. Hat der ehemalige Eigentümer, das Verlagshaus Holtzbrinck, die Parshipper 2014 auch deshalb verkauft? Schließlich hat Parship 2013 zum ersten Mal überhaupt einen Verlust von 2,3 Millionen Euro hinnehmen müssen. Laut Unternehmen lag das an noch einmal gesteigerten „Ausgaben für Marketing und Neukundengewinnung gegenüber den Vorjahren“. 

Ich will daran glauben


Ich mache mir nichts vor. Vom kostenlosen Basis-Zugang hat man genau genommen: nichts. Man kann keine Bilder sehen – auch im Internet kommt es nicht nur auf die inneren Werte an. Man kann die Auserkorene aber auch nur einmal anschreiben. Will man reagieren, legt Parship einen Schleier der Unkenntlichkeit über die Antwort-Nachrichten. Liebe gibt es eben nicht umsonst. Das Premium-Modell kostet mindestens 30 Euro im Monat – bei zweijähriger Bindung. Lässt man sich ein halbes Jahr auf die Idee ein, bezahlt man etwa 360 Euro. „Ich kann mir vorstellen, dass ein gewisses finanzielles Investment dazu führt, dass sich vor allem ernsthaft interessierte Nutzer anmelden“, sagt mir Jana Nikitin. Die Entwicklungspsychologin forscht an der Universität Zürich darüber, was Menschen in sozialen Beziehungen wollen und nicht wollen. Sie begleitet mich während meines Experiments.




Ich will den 80 wissenschaftlichen Fragen von Parship glauben, die haben immerhin Experten entwickelt. Darunter Psychologen, Beziehungscoachs und Soziologen. Profis am Werk – das zieht bei mir. Klar wundere ich mich darüber, dass ich kuriose Bilder deuten muss oder Kästchen ankreuzen soll. Das erinnert mich an eine Mischung aus Musterung bei der Bundeswehr und Wissenstest im Jugendmagazin.

Was ich beim Ausfüllen feststelle: Man muss sich überwinden, ehrlich zu sein. Ich sage mir immer wieder: Hilft ja nichts, jetzt einen auf dicke Hose zu machen; ich zähle nun einmal nicht Busreisen mit dem Rucksack durch Fernost mit anschließendem Couchsurfing zu meinen Hobbys, turne auch nicht waghalsig auf den Spuren von Parkour durch Häuserschluchten oder verkleide mich am Wochenende als Ork. Alles recht gewöhnlich bei mir. Immerhin sammle ich auch keine Briefmarken, Bierdeckel oder Münzen. Innerlich hake ich das als Pluspunkt ab. In der Zwischenzeit frage ich mich: Woher stammen eigentlich jene ominösen elf Minuten, in denen sich Singles bei Parship verlieben?




Die Psychologin Jana Nikitin sagt über die Messbarkeit von Verliebtheit: „Schon eine einfache Frage, 'Sind Sie frisch verliebt?' etwa, kann eine grobe Annäherung sein.“ Laut der Psychologin lassen sich Emotionen (Fühlen Sie sich verliebt?), das Verhalten (Wie oft nehmen Sie Kontakt mit der anderen Person auf?), die Gedanken (Wie denken Sie über die Beziehung, wie oft beschäftigen Sie sich gedanklich damit?) und letztlich auch die Physiologie (Erhöht sich Ihre Herzfrequenz, die Durchblutung, wenn Sie an die andere Person denken?) messen. Mit anderen Worten: Ja, Verliebtheit ist messbar; ob das sinnvoll ist, muss jeder selbst entscheiden.

Immer schön positiv


In den ersten Stunden und Tagen bin ich unermesslich motiviert. Durchforste fast akribisch die 136 neuen Partnervorschläge. Keine der Damen wohnt mehr als 150 Kilometer von mir entfernt. Und jede passt glänzend zu mir (Parship-Sprech: Wir matchen). Großartig also. Mit Eisenfuß bremst Jana Nikitin meine Euphorie: „Online wie offline ist Partnersuche nicht nur eine Hoffnung, sondern immer auch ein Risiko, dass man enttäuscht, verlassen, oder nicht fündig wird. Dieses Risiko kann das Online-Dating nicht senken.“ Na toll, die alte Angst wird mich also auch im Netz begleiten. Die ist übrigens kein guter Begleiter. Wer nur aus Angst vor der Einsamkeit nach der großen Liebe im Internet sucht, wird sich dauernd darauf konzentrieren, genau dieses Gefühl zu verdrängen. Und es umso stärker spüren. Jana Nikitin: „Je mehr wir etwas vermeiden wollen, desto weniger gelingt es uns.“




Gut, Fokus also auf die positiven Dinge: Nette Frauen kennenlernen, sich austauschen, mit etwas Glück gemeinsam etwas Schönes erleben. Wer hätte gedacht, dass die Algorithmen-Liebe derart kompliziert ist...

Was ich erlebe, ist relativ harmlos. Bei manchen endet die Suche dramatischer. Bis hin zum verzweifelten Gang zum Psychologen. Nach einem Aufruf auf Twitter erreichen mich Zuschriften von Enttäuschten und Frustrierten aus ganz Deutschland – und ja, auch von wirklich schwer Getroffenen. Aus München schreibt mir jemand, er habe so ziemlich jede Plattform ausprobiert, die der Markt so hergebe. Erfolglos. „Ich habe irgendwann die Kontrolle über die Kosten verloren, dafür schäme ich mich in Grund und Boden.“ Das Ergebnis seiner Online-Dating-Episode: Er hat Schulden und geht regelmäßig zur Psychotherapie, weil er mit der Frustration irgendwann nicht mehr zurecht kam und sich selbst dafür verantwortlich machte, dass er immer wieder auf Fakes hereinfiel.

Ein bisschen Schwindeln geht immer


Der Frustfaktor im Internet ist groß. Ich meine: Er ist auch größer als im realen Leben – nicht nur wegen der Ergebnisse meiner kurzen Twitter-Recherche. Spätestens, wenn man sich leibhaftig kennenlernt. Philipp sagt mir: „Es gab Momente, in denen die Person im realen Leben ganz anders rüberkam als übers Netz. Oder dass sie sich nach dem ersten Online-Kontakt nicht mehr gemeldet hat.“ Auch auf Fake-Profile sei er reingefallen. Ein bisschen Schwindeln gehört wohl dazu. Für Jana Nikitin ist das logisch – und halb so wild. Natürlich präsentiere man sich auf seinem Profil im bestmöglichen Bild. Wenn man ausgehe, gehe man schließlich auch nicht gerade im Jogginganzug auf Partnersuche. „Wenn der Kontakt mal geknüpft und der Funken übergesprungen ist, kann man über eine kleine Täuschung vielleicht eher hinwegsehen“, glaubt Nikitin.




Ich bin mir relativ sicher: In den wenigen persönlichen Treffen, die ich während meiner Parship-Zeit hatte, ging alles mit rechten Dingen zu. Gepasst hat es dort übrigens bei mir (oder ihr) nie. Den besten Kontakt habe ich – wenn auch nur per E-Mail oder WhatsApp– mit einer Frau aus Österreich. Genau genommen war sie auch die Erste, die ich anschrieb. Wir schreiben uns regelmäßig und ausführlich. Balancieren so ziemlich auf einer Wellenlinie. Sie hat einen kleinen Sohn, was mich eher fasziniert als abschreckt. Und das findet sie wiederum ganz cool. Wenn da nur nicht ihr relativ strenger katholischer Glaube wäre. Mir war schnell klar: Das wird nicht funktionieren. Ich bin tolerant, aber wäre ich bereit dazu, mich der katholischen Kirche zu verschreiben für eine Partnerin? Sie zum Gottesdienst zu begleiten, bei der Arbeit in der Gemeinde? Eher nicht. Und so sehe ich es eher als netten Kontakt, vielleicht als Freundschaft, denn als potenziell große Liebe. 

Thema verfehlt


Im Laufe meiner Parship-Karriere verabschiedet sich mein Verhalten immer mehr von der Suche nach der ganz, ganz, ganz, ganz großen Liebe. Für mich ist die immense Auswahl auch kein Vorteil. Ich bin schlicht überfordert von der schieren Masse. Statt immer mehr Frauen anzuschreiben, werden es eher weniger. Der Konstanzer Online-Dater Philipp meint außerdem: „Die größere Auswahl hat auch den Nachteil, dass man schnell ausgetauscht werden kann, nicht zu vergessen das Thema Ghosting.“ Also das wortlose Verschwinden von der Bildfläche, die wohl übelste Art, einen Kontakt abzubrechen. Der Unterschied zwischen Philipp und mir: Ich habe irgendwann das Ziel aus den Augen verloren, Thema verfehlt. Setzen, Sechs. Soll heißen: Ich war irgendwann gar nicht mehr darauf aus, wirklich eine Beziehung anzubahnen. Es ging dann nur noch darum, nette Menschen kennenzulernen. Brauche ich dazu noch Parship?

Philipp dagegen ist seit kurzer Zeit vergeben. Glück hatte er letztendlich bei der Liebes-Wisch-App Tinder. Meine Glückwünsche. Ich allerdings habe erst einmal genug von Dating-Seiten und -Apps. Zum Abschluss frage ich Jana Nikitin, ob die große Liebe käuflich sei. „In einer Beziehung muss die Gleichung von dem, was ich investiere, und dem, was ich dafür bekomme, langfristig stimmen“, erklärt sie mir. Die Zeiten alter Rollenmuster (Mann sucht gesunde, attraktive, ergo: fruchtbare Frau; Frau sucht erfolgreichen, finanziell gut gestellten, ergo: zum Versorger tauglichen Mann) seien in unserer Gesellschaft dank Gleichberechtigung weitestgehend überkommen. Was wir also als Investment und Ertrag empfänden, sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. „Die besten Aussichten auf eine zufriedene Beziehung haben wir, wenn wir positive Erlebnisse, Gedanken und Gefühle austauschen und unsere Liebe bestätigt fühlen“, sagt Nikitin. 

Eines ist mir aber klar: Auf einem Datingportal für einige Hundert Euro kann man sich die Liebe nicht mal eben so kaufen – irgendwie auch gut so.

 
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