käuflich Erinnerungen jagen, teilen, liken: Wie das Smartphone Alltag und Gedächtnis verändert

Die digitalen Gedächtnisprothesen wandeln den Wert unserer Erinnerungen, unser Gedächtnis. Wie? Das weiß heute noch niemand. Sicher ist: Wir speichern viel mehr, als wir erinnern können. Mit der Kamera und den sozialen Netzwerken in der Hosentasche ist der Alltag ein digitales, audivisuelles Tagebuch: teilbar, kopierbar, bewertbar – und die ganze Welt schaut zu, wie das Jagen, Teilen und Liken von Erinnerungen den Alltag prägen.


Die Dunkelheit ist endlich. Genau einen Griff zum Kameradeckel entfernt. Fabian nimmt den zuvor vergessenen Deckel vom Objektiv seiner Digitalkamera. Nun kann er hindurchsehen: mit dem rechten Augen durch den Sucher über den Sensor durchs Objektiv hinaus auf Bodensee, Alpen, den Neuen Leuchtturm von Lindau. Die raschelnden Blätter, die rauschenden Wellen, die neugierig guckenden Passanten nimmt Fabian in diesem Moment nicht wahr, er sieht den Augenblick. Zeigefinger am Auslöser. Atmung im Stillstand. Die Ewigkeit im digitalen All ist nur einen Knips entfernt. Klick. Licht trifft auf Sensor.

38 Kilometer Luftlinie entfernt. Es ist Anfang März. Schneeflocken fallen auf den Bildschirm, tauen, lassen Wassertropfen zurück, die vom Bildschirm kullern. Keine Spur von einem Kameradeckel, Objektiv oder Sucher. Stattdessen schützt Glas die Kameralinse, die nicht größer ist als die Spitze eines Wattestäbchens. Christian hält das Smartphone mit seinem linken Arm in die Höhe, mit dem rechten hält er Jana. Zeige-, Mittelfinger und Daumen umklammern das Smartphone, der Daumen liegt auf den Knöpfen für die Lautstärke. Plus, minus, Klick. Der Bildschirm erscheint für einen Sekundenbruchteil in schwarz. Dann zeigt er Jana und Christian, wie sie Arm und Arm in die Kamera lächeln, hinter ihnen sind die fallenden Schneeflocken für immer eingefroren.


Jana und Christian kennen Fabian nicht, Fabian kennt Jana und Christian nicht. Dennoch verbindet sie etwas. Sie sind Instagramer – ein Foto-Netzwerk, um Erinnerungen visuell festzuhalten und zu teilen, ein Netzwerk, das Erinnerungen einen virtuellen Wert gibt in Form von Kommentaren, Herzen und Followern. Die drei haben mit ihren Accounts fabianenzensperger, atastyhike und hinnemann zusammen mehr als 3600 Follower, sie haben fast 3700 Bilder bei Instagram hochgeladen und verfolgen selbst 500 Accounts von anderen Fotografen, Smartphone-Knipsern, Jägern und Fängern des Augenblicks. Ihre analogen Erlebnisse teilen sie als digitale Erinnerungen mit der ganzen Welt. Sie teilen Semmelknödel und Obstsalate, Berge und Wegweiser, Selbstporträts und Sonnenuntergänge, grüne Smoothies und kugelrunde Babybäuche. Das Leben als digitales Fototagebuch – und alle sind mit dabei. Die Digitalisierung der Fotografie, das Smartphone und die sozialen Netzwerke verändern Erinnerungen: teilbar, kopierbar, bewertbar.
 

Mit dem Meerschweinchen hat alles begonnen

Fabian Enzensperger ist 21 Jahre alt, aus Lindau, Mediengestalter, Hobbyfotograf. In Lindau zu leben sei wunderschön, Bodensee, Berge, die Anbindung an Österreich und Schweiz, schwärmt er bei einer Champignonsuppe im Café Großstadt in Lindau. Fotografiert habe er schon immer. „Mein Meerschweinchen hat sich gern fotografieren lassen. Das dachte ich zumindest immer.“ Beim Lachen schaut er aus dem Fenster auf den Paradiesplatz. Sein Meerschweinchen war sein erstes Motiv auf Instagram, vor fünf oder sechs Jahren. „Ich wollte schon immer ein Portal, in dem es nur um die Bilder geht. Auf Facebook erreiche ich nicht die richtigen Leute.“

Das Bild seines Meerschweinchens ist längst verschwunden - wie so viele andere. Heute überlegt Fabian sich sehr genau, welches Bild er hochlädt. Seinen Account hat er über die Jahre immer professioneller gestaltet: alte Fotos gelöscht, neue bearbeitet, immer mehr und überlegter Hashtags gesetzt. Die Zahl seiner Follower, die verfolgen, was Fabian von seinem Leben teilt, wächst täglich. „Ich will den Leuten, die sich für mich interessieren, zeigen, was ich am Tag erlebt habe. Eigentlich ist es weniger nur eine Erinnerung für mich, sondern auch für andere.“

Das Fotografieren hat er sich selbst beigebracht. „Ich habe viel ausprobiert und experimentiert. Ich bin in der Nacht vor die Tür gegangen, habe eine lange Belichtungszeit eingestellt und die Sterne fotografiert.“ Tiere, Natur, Selfies, Sonnenuntergänge – lange Zeit seine Lieblingsmotive. Heute ist es vor allem Essen, das er fotografiert. Das Ganze nennt sich dann Food-Photography. Grundsätzlich versuche er, aus der alltäglichen Lebenssituation heraus zu posten. Bilder und Posts zum Essen aber plane er. Fabian erklärt: „Es soll schön hergerichtet sein, professionell, aber nicht zu professionell, optisch ansprechend, aber nicht gekünstelt.“ Die Oberfläche vom Hintergrund sei wichtig. Er spiele gern mit der Tiefenschärfe und habe sich mittlerweile seinen eigenen Look angeeignet: etwas düsterer, die Grundelemente hell, weniger Farbe, nicht so viel Dynamik, leichter Blaustich. „Ich weiß selbst, dass ich noch ganz am Anfang bin. Ich bin immer dran, mich zu verbessern.“
 
Jana und Christian Heinzelmann aus Leutkirch nutzen nicht nur Instagram. Sie haben einen Blog, twittern und posten bei Facebook, filmen Videos für YouTube. Die sozialen Netzwerke haben in ihrem gemeinsamen Leben von Anfang an eine wichtige Rolle gespielt. Kennengelernt haben sich die Zwei in Australien. Christian war kurz vor dem Abflug nach Deutschland, Jana gerade angekommen. Auf einer Dschungeltour trafen sie sich. Als Christian längst wieder in Deutschland war, hielten sie über die sozialen Netzwerke Kontakt. „Über Skype haben wir gemeinsam Silvester erlebt. Als ich zurückkam, kam ich fünf Tage später mit dem Zug zu Christian und bin quasi direkt eingezogen“, erzählt Jana. Heute sind sie verheiratet, das erste Kind ist auf dem Weg.  „Das wäre nie passiert, wenn es die digitalen Medien nicht gegeben hätte. Mit Briefen wäre das nicht möglich gewesen“, sagt Jana.

Eine leckere Wanderung, ein herzhafter Anstieg, ein geschmackvoller Marsch – so etwa übersetzt sich ihr Blog A Tasty Hike. Essen und Wandern sind die zwei Hobbys des Leutkircher Ehepaars; sie prägen die Motive ihrer Fotos. „Beim Essen muss ich immer warten, bevor ich loslegen darf, weil Jana immer Bilder vom Essen macht“, erzählt Christian, der erst durch Jana die Faszination der sozialen Netzwerke entdeckte.  „Jana hat mich damit angesteckt.“ Instagram ist das Lieblingsnetzwerk der Zwei. „Ich bin nicht der größte Schreiberling der Welt. Einfach quick and dirty mit dem Handy. Manchmal sehe ich Bilder, die Jana nicht sieht. So ergänzen wir uns“, sagt Christian. Was Jana an Instagram so fasziniert? „Ich mag's total gern, durch den Newsfeed zu scrollen, um abzuschalten und zu schauen, was andere Leute gepostet haben. Es gibt so schöne Instagram-Accounts“, erklärt sie. Und: „Selbst, wenn ich auf alle sozialen Netzwerke keinen Bock mehr hätte, Instagram würde ich immer noch machen.“

Posten oder nicht posten – das ist heute doch die eigentliche Frage

Ein Bild, das Alltag ist: Egal, ob auf einem Konzert, im Fußballstadion, in der Disco, am Strand oder im Restaurant, Handys sind überall, Posts, Likes und Aufmerksamkeit nur einige Klicks entfernt. Digitalfotografen und junge Smartphone-Knipser teilen ihre Erinnerungen mit der ganzen Welt, sie entblößen sich kontrolliert im digitalen All. Posten oder nicht posten – das ist heute doch die eigentliche Frage. Ersetzt der digitale Speicher die grauen Zellen? Verändert der Blick durchs Display die Erinnerung? Geben soziale Netzwerke wie Instagram unbezahlbaren Erinnerungen einen Wert? Verpasst die Generation der Digitalknipser den Moment? 
 
„Ich betrachte meine Umgebung auf jeden Fall bewusster auf der Suche nach einem guten Fotomotiv“, erklärt Jana. Sie versuche aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu fotografieren, probiere verschiedene Sichtweisen aus, um später das schönste Foto zu teilen. Christian überlegt, es sei zwar nichts Erzwungenes, aber: „Man sieht auch mich auf einen Hügel hinaufrennen, weil ich weiß, von dort kann ich ein besseres Foto machen. Oder Jana liegt Anfang Mai in einer Bergblumenwiese und probiert zwanghaft, halb im Schnee, die Krokusse scharf zu kriegen und im Hintergrund die Berge.“ Jana fügt hinzu: „Wenn dann jemand unsere Tour nachwandert, weil er unsere Bilder bei Instagram gesehen hat, dann haben wir unser Ziel erreicht und jemandem etwas Schönes gebracht.“ Es falle ihnen aber nicht schwer, die Kamera auch mal wegzustecken und den Moment zu genießen.

„Der Gedanke, ein Bild zu posten, spielt immer eine Rolle“, gesteht Fabian. Wenn er etwas Tolles sieht, zücke er sein Handy. „Ich möchte bekannter werden durch die Bilder, die ich poste, die mir etwas bedeuten und anderen hoffentlich genauso gut gefallen.“ Das Handy sei dabei manchmal auch eine Last. „Hat jemand etwas Neues gepostet? Sollte ich etwas posten? Die Gedanken drehen sich oft ums Handy, weil man denkt, man muss etwas von sich preisgeben oder anderen zeigen: Schaut mal, das habe ich erlebt, das könnt ihr auch erleben.“ Das Fotografieren intensiviere die Erinnerung aber auch. „Ich erinnere mich über das Bild, und darüber auch an den Geschmack des Essens, an Gerüche, Geräusche, Gefühle“, sagt Fabian.

So viele Bilder, so viele Erinnerungen, so unselektiv

„Wir geben das Erinnern nicht auf, indem wir es den digitalen Speichern überlassen“, erklärt Professor Wolfgang Gaissmaier, Psychologe an der Universität Konstanz. „Wir werden nicht mehr dazu genötigt, selbst Dinge zu merken. Wir müssen aber gut darin werden zu wissen, wo wir Dinge schnell finden können“, erklärt er. Und: „Sobald wir das Wissen auslagern können, nutzen wir die Ressourcen im Kopf sofort für andere Sachen. Dann sehen wir, dass wir heute ganz andere Fertigkeiten brauchen.“ In der Forschung sei das noch gar nicht so aufgegriffen, wobei es von ganz zentraler Bedeutung sei. „Es ist heute vor allem noch anekdotisches Wissen, wie sich das Erinnern der jungen Leute verändert.“

Das Phänomen, Ereignisse visuell einfrieren zu wollen, ist kein neues. Zunächst die Malerei, dann die Fotografie haben das gezeigt. „Die Menschen waren schon immer relativ schlecht darin, echte Erinnerungen von falschen zu unterscheiden“, erklärt Gaissmaier. Das Gedächtnis funktioniere nicht wie eine Festplatte. „Beim Abrufen rekonstruiere ich Erinnerungen. Dabei verändert sich die Erinnerung, das ist von außen beeinflussbar wie durch Fotografien.“ An viele Dinge aus der Kindheit können sich Menschen nur erinnern, weil sie ein Foto dazu gesehen haben, sagt Gaissmaier. Erinnerungen seien viel stärker von Speichern wie Fotografie geprägt, als die Leute es sich eingestehen. „Da wir immer mehr fotografieren, prägt das immer stärker die Art, wie wir uns daran erinnern.“ Er sei sehr gespannt, wie die Digitalisierung und das Smartphone den Menschen verändern. „Diese Entwicklung hat im Prinzip gerade erst begonnen. Das ist schon ziemlich spannend, weil man noch nicht absehen kann, wie sich das alles auf uns auswirkt.“

Vor allem die Menge an Bildern verändert unseren Blick auf Vergangenes - eine nicht endende digitale Lawine aus optischen Eindrücken, so groß, so unselektiv. „Eine Hypothese könnte sein, dass man sich an mehr Ereignisse erinnert, wenn man große Fotosammlungen anlegt so wie Leute, die Tagebuch schreiben“, sagt der Psychologe. „Wir erinnern uns in Zukunft wahrscheinlich in der Art an die Ereignisse, wie wir sie aufgenommen haben.“ Aber der Professor könne sich auch vorstellen, dass der Unterschied zwischen fotografierten Erinnerungen und nicht gespeicherten Erinnerungen noch größer wird. „Es ist nur Spekulation, aber, wenn es dann Ereignisse gibt, die wir nicht fotografiert haben, dann verschwinden die vielleicht für immer.“ 
 
Was das Smartphone noch mit sich bringt: den Zugriff auf soziale Netzwerke und Instant-Messenger-Dienste wie WhatsApp und Skype jederzeit und überall. „Der Drang zu teilen ist ein natürlich menschliches Bedürfnis, genau wie Momente im Bild festzuhalten“, sagt Gaissmaier. „Wenn man so ein Erlebnis teilt, wird es viel schöner, viel intensiver, viel einprägsamer.“ Es sei eigentlich wie früher, sagt Christian Heinzelmann: „In der Familie haben wir oft gemeinsam Dias angeschaut.“ Jana Heinzelmann erzählt: „Als ich in Australien war, habe ich meinem Vater jeden Tag ein Bild geschickt. Mein Vater wäre gern nach Australien geflogen, aber er hat Flugangst. So hat er die Möglichkeit gehabt, Australien auch irgendwie zu erleben.“
 

Die Lebensgeschichte zum Durchscrollen

„Es sind Phänomene, die es schon immer gab. Auch die Ängste sind nichts Neues“, erklärt Wolfgang Gaissmaier. „Beim Buchdruck hatte man Angst, dass das Geschichtenerzählen verlorengeht, Comics sollten den Untergang des Abendlandes bedeuten.“ Das ist aber alles nicht eingetreten. Und irgendwie hat jeder trotz Facebook auch noch Freunde im echten Leben, die Fotografie hat viele Talente dazu gewonnen und das Gedächtnis ist der Digitalisierung bisher nicht zum Opfer gefallen. „Bei allen neuen Technologien gibt es Leute, die Ängste schüren. Wir sollten die Augen nicht vor Risiken verschließen. Aber diese apokalyptischen Ängste sind nicht gerechtfertigt“, sagt Gaissmaier. Und: „Wir müssen der nächsten Generation beibringen, sich kompetent in diesem Medienwust zurechtzufinden, dass sie das kontrollieren und nutzen können und nicht von außen gesteuert werden.“ 

Fabian setzt den Kameradeckel wieder auf sein Objektiv. Die Fotos sind gespeichert. Ob er sich vorstellen kann, wie es ist, wenn er 50, 60 Jahre alt ist und sein ganzes Leben lang Bilder von sich gepostet hat? „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Wahrscheinlich wie eine Lebensgeschichte zum Durchscrollen. Ich weiß nicht.“ Fabian lacht. „Ich liebe es, zu fotografieren und meine Bilder, meine Erlebnisse, meine Erinnerungen mit anderen zu teilen.“ 

 
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