Der Begriff der Freiheit - ein Produktversprechen? Alles ist #käuflich

Die Möglichkeiten des Konsums kennen keine Grenzen. Bei jedem Kauf schwingt heute ein Freiheitsversprechen mit. Das ist trügerisch.



Es ist 60 Jahre her, dass Friedrich Dürrenmatts Besuch der Alten Dame in Zürich erstmals auf einer Bühne gespielt wurde. Menschenleben gegen Milliardenscheck: So lässt sich das Stück zusammenfassen. Ein Dorf wird vor die Wahl gestellt – und am Ende siegt das Geld. Ist also alles käuflich?

Das ist eine Frage, die heute womöglich so aktuell ist wie nie. Ab 25 000 Euro aufwärts müssen Eltern zahlen, die ihr Kind von einer Leihmutter austragen lassen. Ein paar Tausend Euro bekommt eine Frau, die ihre Eizelle spendet. Wer das nötige Kleingeld hat, kann sich ein Grundstück auf dem Mond kaufen und sich beim plastischen Chirurgen ein neues Gesicht verpassen lassen. Und wer sich eine private Krankenversicherung leisten kann, muss beim Zahnarzt nicht so lange warten.

Das alles kann in einer Gesellschaft, die Freiheit zunehmend mit der Möglichkeit gleichsetzt, sich etwas leisten zu können, durchaus als Errungenschaft verstanden werden. Die Werbung befeuert das: „Weniger Laufzeit, mehr Freiheit“, lautete vor einigen Jahren der Werbespruch eines Mobilfunkanbieters, „Freiheit ist ansteckend“ die Kampagne eines Autoherstellers. Der Begriff der Freiheit? Ein Produktversprechen.

Dieser Wandel hin zu einem Freiheitsempfinden, das auf der Käuflichkeit von Waren beruht, lässt sich beispielhaft am Wandel der Jugendkultur in Deutschland nachzeichnen. Freiheit als politischer und sozialer Begriff war immer zentrales Element im Widerstand der Jugendkultur gegen dominante Herrschaftsstrukturen: Die Wandervogelbewegung suchte sie in der Natur, um einer materialistischen und autoritär organisierten wilhelminischen Gesellschaftsordnung zu entkommen. Die 68er-Bewegung gilt bis heute als eine Bewegung der Befreiung. Und bei aller Ambivalenz, mit der der Freiheitsbegriff dieser Zeit heute betrachtet werden muss: Die 68er haben nachgewirkt, sei es beim Kampf um Frauenrechte oder um sexuelle Selbstbestimmung. Subkulturen, das sagen Wissenschaftler, machen Gesellschaften integrationsfähiger und toleranter.

Mit den 90er-Jahren aber wird es ruhig um die deutsche Jugend. Die Forschung sieht einen Grund dafür in der Vereinnahmung und Kommerzialisierung von Stilen durch den Markt. Die Entwicklung der Loveparade von einer politischen Demonstration zum Volksfest ist ein gutes Beispiel dafür. Freiheit besteht jetzt darin, sich nicht mehr festlegen zu müssen. Identität wird zu etwas, das aus einer bestimmten Auswahl an Konsumgütern frei zusammengestellt werden kann. Alles wird käuflich und die ewige Jugend selbst zu einem Produkt für alle Generationen. Der französische Autor Frédéric Beigbeder brachte diese Entwicklung auf die Formel: „Eines Tages werden wir nicht mehr Länder, sondern Marken bewohnen: Wir sind dann die McDonaldianer und die Microsofties.“

Dabei darf nicht übersehen werden, dass dieses System Ungleichheit und Ungerechtigkeit produziert. Während wir die Schränke mit immer neuen Stilen füllen, blenden wir aus, unter welchen Bedingungen T-Shirts oder Hosen in Indien oder Bangladesch hergestellt werden und welche Menschen durch die vom Mobilfunkanbieter versprochene Freiheit, sich jährlich ein neues Smartphone aussuchen zu können, ausgebeutet werden. Nun sind uns aber Nachbars Haus, Auto oder Boot näher als die Bedingungen auf der anderen Seite der Welt. Und damit beginnt die Angst, irgendwann nicht mehr mithalten zu können.

„In Deutschland macht sich Angst breit“, titelten deutsche Nachrichtenportale im September, als das Allensbach-Institut seine Studie zur Generation Mitte in Deutschland vorstellte: Die 30-59-Jährigen blicken trotz persönlichen Wohlstands sorgenvoll in die Zukunft, hieß es da. Wachsende soziale Unterschiede, Gefahr von Altersarmut oder Zuwanderung wurden als Gründe angeführt. Das sind ganz reale Ängste, die die Mitte umtreiben. Die Gefahr der Altersarmut ist in Deutschland groß und das Szenario, irgendwann von dem großen Freiheitsversprechen des Konsums ausgeschlossen zu sein, schwebt wie ein Damoklesschwert über dieser Generation. Das ist tragisch, denn wer Angst hat, ist nicht frei.

Eine Generation weiter, bei den seit dem Ende der 80er-Jahre in Deutschland Geborenen, bleibt laut Shell-Jugendstudie von 2015 das Bedürfnis auch nach finanzieller Sicherheit als Konstante. Zugleich wird die Jugend als Generation im Aufbruch beschrieben. Weil sie sich nicht mehr mit den Gesetzen der Arbeitswelt einverstanden zeigt, weil sie das Geldverdienen nicht über alles stellt. Zentral aber bleibt das Private, die Wohlfühl-Familie.

Es ist diese Jugend, die als eine der größten Krisen der vergangenen Jahre einen Bankencrash erlebt hat und ein Europa, das als Folge erschüttert wurde. Während kleine Teile dieser Generation in Spanien, Portugal oder Griechenland mit Bewegungen wie "Indignados" (Empörte) für mehr globale Solidarität und gegen Ungleichheit auf die Straße gingen, blieb der große Aufschrei der Jugend bislang aus. Kurz war er zu vernehmen, als die ängstlichen Alten die britische Jugend bei der Frage zum Brexit überstimmten. Oder nach der US-Wahl, die anders ausgegangen wäre, hätten die Millenials allein gewählt. Aber auch das ist verhallt. Eine Jugend zu hören, die sich stark macht für soziale Gerechtigkeit, internationale Solidarität, Gleichheit und eine Freiheit, die sich nicht in der Auswahl zwischen zwei Handymodellen erschöpft – das wäre unbezahlbar.

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