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käuflich Das Geschäft mit der Verzweiflung: Wenn Luxuskarosse und Erbstück im Pfandhaus landen

Pfandleihhäuser gelten als Bank des kleinen Mannes. Unbürokratisch und schnell bekommt jedermann Geld - die einen für die Shoppingtour in New York, die anderen um am Ende des Monats den Kühlschrank zu füllen. Doch wie hoch ist der Preis dafür?


Schon bei einem flüchtigen Blick auf das Heck des schwarzen Audi Q7 wird die Vorstellung lebendig. Die Vorstellung, wie der Fahrer vor wenigen Wochen noch das Gaspedal drückte und über die Straßen heizte. Der Dreck auf dem dunklen Lack ist Zeuge. Doch jetzt steht der Audi in der Garage. In der Garage von Cedric Domeniconi. Gemeinsam mit einigen Mercedes, BMWs, Porsches und anderen hochpreisigen Vierrädern. Domeniconi ist weder Auto-Narr noch Besitzer der Fahrzeuge. Er ist Pfandleiher.

Vor neun Jahren hat der Schweizer Unternehmensberater gemeinsam mit einem Geschäftspartner das erste Autopfandhaus der Schweiz gegründet - und das in Deutschland und nach deutschen Gesetzen. Denn als Standort für Büro und Garagen wählten sie Büsingen bei Schaffhausen. Der Ort ist eine kleine Exklave am Hochrhein, deutsches Gebiet, das vollständig von der Schweiz umgeben ist. Eine Win-Win-Situation. Die Schweizer Kunden, die mehr als die Hälfte der Kundschaft ausmachen, profitieren davon, dass sie ihr Auto steuerfrei über die Grenze zum Pfandleiher fahren können.
Links: Das Autopfandhaus von Cedric Domeniconi in Büsingen. Rechts: Das Pfandhaus von Reiner Schorer in Villingen-Schwenningen.

Und auch für die Betreiber hat Büsingen Vorteile. “Nach Schweizer Recht steht man als Autopfandleiher mit einem Fuß im Gefängnis”, erklärt Domeniconi einen der Gründe für den Grenzgang. In Deutschland gibt es strikte Gesetze zur Pfandleihe. Gesetze auf die sich Kunde und Anbieter gleichermaßen verlassen können. In der Schweiz sei das nicht der Fall, so der 45-Jährige. Es herrsche Unsicherheit, ob die Zins-Wuchergrenze von 15 Prozent pro Jahr in diesem Geschäftsfeld greife. Das Schweizer Boulevard-Blatt „Blick“ rechnete vor einiger Zeit die Gebühren in diesem Autopfandhaus für das Geschäftsmodell Geld gegen Pfand vor: Wer für sein Auto einen Pfandkredit von 10.000 Franken bekommt, zahlt durch 1 Prozent Zinsen pro Monat, 3,5 Prozent Nebenkosten pro Monat und täglich 5 Franken Parkgebühren bei Domeniconi und seinem Partner einen Jahreszins von über 70 Prozent. Das ist eine Rechnung, die den Geschäftsführer ärgert. “Auf das Jahr gerechnet, ist das ein hoher Betrag, aber das findet so gut wie nie statt”, entgegnet er deutlich. Die meisten Kunden ließen ihr Auto für zwei bis drei Monate in der Garage, dann läge der Zinssatz nur noch bei rund 15 Prozent. Domeniconi bekräftigt: “Würde man das Fahrzeug verkaufen, würden Händler eine größere Marge nehmen. Die Kunden sind meist dankbar, auch wenn sie beim Auslösen sehen, wie viel sie zahlen müssen. Ich finde unsere Gebühren vertretbar.”

Links: Das Auto gibt es in der Schweiz so selten, dass Domeniconi nichts darüber sagen darf - Kundenschutz. Rechts: Ein hunderte Jahre altes Buch im Pfandhaus im Schwarzwald.

Ähnlich häufig wie Domeniconi das Wort “vertretbar” benutzt, hört man von Reiner Schorer den Begriff “fair”. Schorer betreibt ein Pfandhaus in Villingen-Schwenningen. Auch bei ihm können Kunden Autos beleihen, deutlich häufiger werden aber Schmuck, Kunst und Elektrogeräte zu schnellem Geld gemacht. Es ist ein Pfandhaus, wie es sich in vielen deutschen Klein- und Großstädten findet. “Der Pfandkredit ist eine faire Sache”, ist Scherer überzeugt. Dass Pfandleiher ein Geschäft mit der Verzweiflung anderer Menschen machen, sieht er anders: “Die Verpfänder bekommen den Kredit für einen Gegenstand, den sie nicht lebensnotwendig brauchen. Und wenn er ihn nicht abholt, haftet er nur mit dem Gegenstand.” Knapp zehn Prozent der Gegenstände werden vom Kunden nicht ausgelöst und nach mindestens einem Monat Wartezeit versteigert. Damit liegt Schorers Haus im bundesweiten Durchschnitt.

Eine Million Kunden hatten Pfandleiher in Deutschland im Vorjahr und das trotz niedriger Kreditzinsen bei der Bank. Für die beiden Pfandleiher hat das vor allem einen Grund: sie sind schnell. “Viele Kunden kriegen auf der Bank keinen Kredit und wenn doch, dann dauert es. Bei uns hat man nach zehn Minuten sein Geld”, sagt Schorer. Und Domeniconi ergänzt: “Die persönlichen Hintergründe spielen keine Rolle, es zählt nur der Wert des Autos.” Dieser muss bei ihm bei mindestens 6000 Schweizer Franken liegen. “Nach dem Papierkram bleibt das Auto hier, der Kunde kriegt das Geld und den Pfandbrief und wird dann zum Bahnhof gefahren”, erklärt der Schweizer.
 
  • Was passiert wenn ein Kunde einen Gegenstand zur Pfandleihe bringt?

    Der Pfandleiher ermittelt den Wert des Gegenstands, bei einem Schmuckstück beispielsweise anhand des aktuellen Goldpreises. “Wir müssen ermitteln, was der Gegenstand in einem halben Jahr einbringen würde, davon zahlen wir etwa 70 Prozent aus”, erklärt Pfandleiher Reiner Schorer. Der Kunde erhält den Pfandbrief und das Geld, der Gegenstand bleibt beim Pfandleiher.
     
  • Wann können die Kunden ihren Gegenstand auslösen?

    Das ist jederzeit möglich. Der erste Pfandbrief ist auf einen Zeitraum von drei Monaten ausgelegt, kann aber auch verlängert werden. Nach Ablauf der drei Monate bleibt der Gegenstand für einen weiteren Monat in der Verwahrung des Pfandleihers. Der Kunde hat also noch vier Wochen Zeit das Geld zurückzuzahlen und den Gegenstand auszulösen.
     
  • Wann wird der Gegenstand versteigert?

    Wenn der Kunde den Vertrag nicht verlängert und das Pfand nicht einlöst, muss der Gegenstand innerhalb von sieben Monaten öffentlich versteigert werden. Mit dem Geld, das bei der Versteigerung erzielt wird, werden die Kosten und Gebühren des Pfandkredits zurückgezahlt.
     
  • Was geschieht mit dem Geld aus der Versteigerung?

    Sollte der Betrag nicht hoch genug sein, um alle Kosten zu decken, ist das das Risiko des Pfandleihers. Ein Überschuss steht dem Kunden zu, er hat zwei Jahre Zeit, das Geld nach der Versteigerung abzuholen. Nach Ablauf dieser Zeit gehört das Geld allerdings nicht dem Pfandleiher - es wandert in die Kasse der Gemeinde, in der das Pfandhaus gemeldet ist.


Bei der Fahrt und mit dem Geld in der Tasche erzählen die Kunden häufig ihre Geschichte rund um die Geldnot. “Das sind Leute, die Geld hatten und üblicherweise auch haben, die den Umgang mit Geld gewohnt sind und vorübergehend etwas mehr brauchen”, fasst der 45-Jährige zusammen. Da sind zum einen die Gutverdiener, die wissen, dass sie bald ihre Bonuszahlungen bekommen und die Zeit bis dahin überbrücken wollen. Sie haben kein Problem damit, ihr Auto bei Domeniconi abzustellen - sie haben meist ein oder zwei weitere. Auch Unternehmer und Handwerker kommen häufig zum Autopfandhaus nach Büsingen. Sie bringen das Firmenfahrzeug, das sie am wenigsten brauchen und wollen das Geld investieren oder damit die Gehälter der Angestellten zahlen, bis Kunden offene Rechnungen ausgleichen. Und dann sind da noch die Kunden, die Domeniconi als “Jedermann” bezeichnet. Menschen, die unerwartet Rechnungen begleichen oder die Familie unterstützen müssen und nicht so leicht an einen Kredit kommen. “Zu uns kommt kein klassisches Sozialmilieu. Wir haben ein anderes Publikum als klassische Pfandhäuser”, sagt er.

 
Links: Die vier Audi-Ringe sieht man in den Garagen des Autopfandhauses häufig. Rechts: Alte Militär-Gegenstände wie Helme, Dolche oder Uniformen finden sich im Pfandhaus. 

Reiner Schorer hat ein klassisches Pfandhaus. Ihm begegnen auch emotionalere Fälle: “Zu uns kommen alle Klassen und jedes Alter, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Architekten.” Da sein Pfandhaus auch Kleinkredite von 50 bis 100 Euro gibt, kommen viele, die mit dem Geld vom Pfandhaus am Monatsende ihr Überleben sichern. “Einmal kam eine Oma mit einer Kreissäge im Mülleimer in unser Haus. Sie konnte das Gerät kaum schleppen und hat 20 Euro gebraucht. Das war es eigentlich nicht wert, aber wir haben ein Auge zugedrückt. Aber natürlich können wir uns das nicht jeden Tag leisten”, erzählt Schorer. Die Nähe zu den Menschen sei für ihn das Schönste an seinem Beruf, auch wenn man häufig mehr Schein als Sein zu sehen bekomme. Dennoch gibt es auch Kunden, die das Schwarzwälder Pfandhaus ablehnen muss: “Uns wurde schon fast alles angeboten: Fertiggaragen, goldene Schallplatten oder Pferde.”

Deutlich angenehmer sind dagegen die Fälle, in denen Kunden mit kleinen Schätzen in die Geschäftsräume kommen: ein Schwert aus dem 13. Jahrhundert, Porzellanpuppen für mehrere tausend Euro und Schmuck mit etlichen funkelnden Karat finden sich im gesicherten Lagerraum des Pfandhauses. “Die Meinung, dass wir so wenig Geld wie möglich geben, ist Quatsch. Wir verdienen an den Zinsen und Gebühren - und die sind höher bei einem größeren Kreditwert”, erklärt Schorer. Ohnehin sei ihre Arbeit strikt reguliert. Und auch mit einem weiteren Vorurteil räumt er auf. “Mit den dunklen Kaschemmen, die man in Filmen sieht, haben die Pfandhäuser heute nichts mehr zu tun”, sagt er. Zwar habe man noch mit dem alten Image zu kämpfen, aber die Akzeptanz sei in den letzten Jahren gestiegen. “Vor zehn Jahren ist man noch versteckt ins Pfandleihhaus gegangen”, blickt Schorer zurück. Heute fährt man auch im schwarzen Audi vor - nicht nur bei Cedric Domeniconi.
 
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