Die Einteilung der Zeit hat eine lange Tradition und etliche Ungereimtheiten
Hundert Zentimeter oder tausend Millimeter sind ein Meter, tausend Gramm ein Kilogramm, tausend Kubikzentimeter ein Liter. Das Rechnen mit Längen, Gewichten oder Rauminhalten ist schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts recht einfach. Nur ein paar englischsprachige Länder rechnen auch heute noch mit vorsintflutlich anmutenden Maßeinheiten wie Inch, Yard, Feet, Ounces, Pounds.
Bei den Zeit-Einheiten regiert auch bei uns das nackte Chaos, und das macht uns das Rechnen damit zur Qual: 60 Sekunden sind eine Minute, 60 Minuten eine Stunde, 24 Stunden ein Tag, sieben Tage eine Woche, zwölf Monate oder 365 Tage (alle vier Jahre noch ein Tag mehr) sind ein Jahr. Um die Verwirrung komplett zu machen, sind die Monate nicht alle gleich lang und haben 28 oder 29, 30 oder 31 Tage.
Warum das Jahr (meistens) 365 Tage lang ist, ist schnell gesagt. Die Erde dreht sich in besagten 365 Tagen und knapp sechs Stunden einmal um die Sonne. Verbunden damit wiederholen sich Jahreszeiten, Himmelskonstellationen, Sonnenstände sehr regelmäßig, wie schon die Menschen der Steinzeit feststellten – eben in einem (Sonnen-)Jahr, das damit zum Maß für lange Zeitabschnitte wurde (nachzulesen im Geo-Sonderheft „Das Rätsel Zeit“).
In 29,5 Tagen wird unser Erdtrabant vom Vollmond über den Neumond wieder zum Vollmond und ergibt damit einen Maßstab für etwas kürzere Zeiten. Die Monate waren mal 29 und mal 30 Tage lang, denn das Mittel daraus ist 29,5. Doch zwölf von ihnen ergeben zusammen nur 354 Tage, es fehlen elf Tage zum Sonnenjahr. In reinen Mondkalendern, wie dem arabischen, verschieben sich die Jahreszeiten deshalb schon in kurzen Zeiträumen stark, da das Jahr halt nur besagte 354 Tage lang ist. In manchen Kalendersystem wurden deshalb schon früh Schalttage oder -monate eingeschoben, wie Leofranc Holford-Strevens in dem Reclam-Band „Kleine Geschichte der Zeitrechnung“ sehr anschaulich beschreibt. Doch radikale Kalenderreformer koppelten schon im römischen Reich den Kalendermonat vom Mondlauf völlig ab und führten Monate mit 30 oder 31 Tagen und Jahre mit 365 Tagen ein. Dieser 45 vor Christus eingeführte julianische Kalender ersetzte einen Mondkalender mit nur 355 Tagen pro Jahr. Er wurde 1582 durch den Gregorianischen Kalender ersetzt, war aber in einzelnen Ländern (in Russland bis 1918) noch lange in Gebrauch und gilt in orthodoxen Kirchen heute noch.
Für ein weiteres wichtiges Zeitmaß, die Woche, gibt es keine astronomische oder sonstige Ableitung aus der Natur. Warum sie für Christen, Araber und Juden ausgerechnet sieben Tage hat, verrät schon der Blick in die Bibel: „Am siebten Tag vollendete Gott das Werk. .. und er segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig“ (Genesis 2,2-2,3). Die Sieben-Tage-Woche kannten aber schon die Babylonier und die alten Ägypter, also lange vor der Bibel. Sie teilten die Zeit zwischen zwei Neu- oder Vollmonden in vier Teile und kamen so auf sieben Tage pro Woche. Über die Juden, Griechenland und Rom kam die babylonische Sieben-Tage-Woche zu uns und gilt inzwischen rund um den Globus. Dabei gab es durchaus Kulturen mit anderen Einteilungen. Die Fünf-Tage-Woche (mit sechs Wochen pro Monat) wurde als kommunistische Errungenschaft angesehen und galt von 1929 bis 1940 in der Sowjetunion.
Der Tag als noch kleinere Zeiteinheit war ursprünglich die Zeit zwischen zwei Höchstständen der Sonne, denn das war mit einer Sonnenuhr (dazu reicht ein senkrecht stehender Stock) leicht festzustellen. Babylonier und Ägypter teilten diese Zeiteinheit in je zwölf Tages- und Nachtstunden auf, die je nach Jahreszeit unterschiedlich lang waren. Wir haben diese Unterteilung auch heute noch, nur sind jetzt alle Stunden gleich lang. Die Babylonier hatten kein Dezimal-, sondern ein Sexagesimalsystem, das heißt, ihre Rechenbasis war nicht die Zehn oder 100, sondern die 60. Und so teilten sie die Stunde in 60 Minuten, die wiederum in 60 Sekunden.
Wie einfach könnte doch das Rechnen mit einem Tag sein, der in zehn Stunden zu je hundert Minuten und diese wiederum jeweils hundert Sekunden geteilt ist. Alles schon mal da gewesen – 1794, zur Zeit der Französischen Revolution, wurde genau so eine Regelung eingeführt, setzte sich aber nicht durch und wurde nach wenigen Jahren von Kaiser Napoleon wieder ad acta gelegt. Uhren mit der Zehnstunden-Teilung aus jener Zeit sind als ganz besondere Rarität bei Uhren-Sammlern heiß begehrt. Viel billiger zu haben sind knallbunte Swatch-Armbanduhren aus Plastik mit so genannter Beat-Teilung. Nicholas Negroponte, Informatik-Guru und Professor am Massachusetts Institute of Technology (USA), teilte den 24-Stunden-Tag in gleiche 1000 Teile, „Beats“ genannt. Sie entsprechen exakt einer Minute nach dem System der Französischen Revolution. Diese sogenannte Swatch-Internetzeit hat sich ebenso wenig durchgesetzt wie viele andere Kalender- und Zeiteinteilungen. Die babylonische Tageseinteilung dagegen, so umständlich sie auch für uns ist, hält sich seit über 5000 Jahren. Ein Ersatz ist nicht in Sicht.
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