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Waldshut-Tiengen Wass passiert beim GAU im Gäu?

17.04.2010


Wie ist die Region auf einen atomaren Unfall vorbereitet? Und sind die offiziellen Notfallpläne überhaupt sinnvoll? Eine Spurensuche.
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Um es gleich zu sagen: Der schlimmste Albtraum für die Region ist extrem unwahrscheinlich – aber nicht unmöglich. Er geht so: In einem der beiden grenznahen Schweizer Kernkraftwerke Leibstadt und Beznau passiert ein GAU, ein schwerer Unfall – durch technisches Versagen oder Terrorangriff. Radioaktivität wird frei – nach Tagen oder schon nach Stunden. Menschen müssen sich in Sicherheit bringen – im Haus oder durch Flucht. Eine radioaktive Wolke zieht über die Region. Ein Horrorszenario. Wie gut sind Menschen und Behörden gerüstet? Eine Spurensuche.

Erste Station: Rathaus Dogern. Entfernung zum Kernkraftwerk Leibstadt (Siedewasser-Reaktor, in Betrieb seit 1984): rund 1400 Meter, Zentralzone. Bürgermeister Matthias Guthknecht sagt immer wieder einen Satz: „Wir leben damit.“ Die radioaktive Bedrohung sei kaum ein Thema im Ort. Es gibt in Dogern keine speziellen Schutzräume. Vor fünf Jahren hätten die Bürger – wie überall im Zehn-Kilometer-Umkreis – in der Apotheke kostenlos Jodtabletten abholen können, um im Notfall die Schilddrüse vor Strahlung zu schützen. „Aber das hat kaum jemand getan“, sagt Guthknecht. Im benachbarten Waldshut waren es gerade einmal sieben Prozent der Bürger. In Dogern lagert deshalb ein Vorrat im Rathaus. Eine direkte Verteilung an die Haushalte ist nicht möglich – das verhindert das Arzneimittelgesetz. Und die Dogerner treibt sowieso anderes um: Dass seit 15 Jahren kaum noch Touristen hier Urlaub machen wollen. Dass die Dampffahne aus dem Kühlturm dem Ort im Jahr rund hundert Sonnenstunden raubt.

Die ersten zehn Jahre zahlte der Kraftwerksbetreiber deshalb „Schattengeld“. Heute sei er immer noch sehr großzügig, was das Sponsoring etwa von Vereinen angehe, sagt Guthknecht. Eine Sonde misst ständig die Radioaktivität in Dogern. Und wenn sie Alarm schlägt? Der Bürgermeister zuckt mit den Schultern. „Wir gehen davon aus, dass wir als Erste evakuiert werden.“

Zweite Station: Zwischenlager Würenlingen, fünf Kilometer von der deutschen Grenze. Hier sind schwache bis hochaktive Abfälle aus Medizin, Forschung und Kraftwerken gebunkert – verbrauchte Brennelemente – so sicher, dass ihnen auch ein direkter Treffer mit einem entführten Passagierflugzeug nichts anhaben könnte. Seit zehn Jahren ist das „Zwilag“ in Betrieb, in 40 Jahren ist es voll. „Bis dahin müsste ein Endlager gefunden sein“, sagt Geschäftsführer Walter Heep. Einmal im Jahr finden hier Notfallübungen statt, Zeitpunkt und Szenario sind der Belegschaft vorher nicht bekannt. Und selbst wenn bei einem Störfall Radioaktivität frei würde: Sie sei ungefährlicher als bei Kraftwerken und würde Deutschland gar nicht erreichen, beruhigt Heep.

Dritte Station: Innenstadt von Friedrichshafen. Entfernung zu den Schweizer Kernkraftwerken: Knapp 100 Kilometer – und damit innerhalb der Fernzone. Die Menschen hier sind wegen eines möglichen Atomunglücks am Hochrhein nicht besorgt. „Das ist sehr weit weg“, bringt Franziska Gentsch die Meinung vieler Passanten auf den Punkt. Über ihre Reaktion im Ernstfall hat sich die 23-jährige Mutter „noch keinen Kopf gemacht“. Artur Wiora ist in erster Linie von der Wichtigkeit der Atomkraft überzeugt. Und wenn doch mal was passiert? Da ist der 34-Jährige fatalistisch: „Man kann nur hoffen, dass der Wind dann in die andere Richtung weht.“

Und die Behörden? Im Regierungspräsidium in Freiburg liegt in sicheren Schubladen ein Katastropheneinsatzplan für den 25-Kilometer-Umkreis. Er ist aufgebaut wie eine Checkliste, enthält „sensible Daten“ wie Passwörter und Telefonnummern – und bleibt deshalb auch für den SÜDKURIER unter Verschluss. Evakuierungs-Szenarien, Wetter-Modelle, Aufnahmegebiete bei Umsiedlungen – das alles bleibt geheim. Nur eine Notfallbroschüre, die man sich bei der Gemeinde besorgen kann, gibt karge Anweisungen: Bleiben Sie im Haus. Halten Sie Jodtabletten bereit. Hören Sie Radio. Fahren Sie bei einer Evakuierung mit dem Auto. Nehmen Sie Ihre Haustiere mit. Bleiben Sie ruhig.

Ruhig bleiben? Der Notfallpsychiater Frank-Gerald Pajonk weiß, wie Menschen in Ausnahmesituationen reagieren. Seine Prognose: Sie werden bei einem Kernkraft-Unfall aus einem natürlichen Impuls heraus die Flucht ergreifen. Warum? Weil sie schlecht informiert sind und deshalb Angst haben – und weil es in Deutschland nicht üblich ist, das Verhalten bei Katastrophen regelmäßig und im großen Stil zu üben, anders als etwa im Erdbebenland Japan. Eine der Folgen: Ein Großteil der rund 130 000 Kraftfahrzeuge, die allein im Landkreis Waldshut registriert sind, würde kurz nach dem Atom-Alarm die Straßen verstopfen. Es würde erhebliche Schäden und auch Verletzte geben. Die Hilfskräfte müssten sofort reagieren: Die Straßen verengen, damit der Verkehr flüssiger fließen kann. Strahlenschutzärzte aktivieren – 38 sind das derzeit im Regierungsbezirk Freiburg. In der 25-Kilometer-Zone leben rund 150 000 Menschen. Sollte deren kollektive Flucht länger dauern, weil ein Gebiet auf Jahre hin verseucht ist, kämen schwere Traumatisierungen hinzu: „Die Leute müssten ihre Heimat zurücklassen, ihren Besitz, haben vielleicht sogar geliebte Menschen verloren“, sagt Pajonk. All diese Folgen müsse man ehrlich einschätzen und für ein vollständiges Katastrophenschutz-Szenario konsequent zu Ende denken. Und damit auch eingestehen, dass es immer Opfer geben wird und für bestimmte Situationen keine Lösungen. Diese Ehrlichkeit aber scheint nicht weit verbreitet zu sein. Nicht in den öffentlich zugänglichen Katastrophenschutz-Dokumenten – und auch nicht in den Köpfen vieler Menschen.

Gutknecht spricht nicht gerade Verantwortungsvoll!
Kann man von einem Bürgermeister im "Epizentrum" nicht etwas mehr erwarten als ein ...
KKW-Unfall
Wie in Ihrem Bericht zu lesen ist, wird nur evakuiert, wenn dazu genügend Zeit ist, bevor sich ...
Atomenergie schlecht??
@ bauzi - wer sagt den sowas?
Klingt ganz nach Unwissenheit
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