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Waldshut-Tiengen Strahlende Zukunft an der Aare

Deutsche und Schweizer müssen weiter mit dem Atomrisiko leben. Schweiz will fünf altersschwache Atomkraftwerke am Hochrhein ersetzen

So idyllisch soll die strahlende Energiezukunft auf der Aare-Insel Beznau aussehen: Vorn der kaum dampfende Hybridkühlturm des geplanten Atomkraftwerks Beznau III, das in seinem Schatten gebaut werden soll. Die beiden Atommeiler Beznau I und II im Hintergrund sollen dann abgebrochen werden.
So idyllisch soll die strahlende Energiezukunft auf der Aare-Insel Beznau aussehen: Vorn der kaum dampfende Hybridkühlturm des geplanten Atomkraftwerks Beznau III, das in seinem Schatten gebaut werden soll. Die beiden Atommeiler Beznau I und II im Hintergrund sollen dann abgebrochen werden. | Bild: BildMontage: Axpo

Deutschland hält (noch) am Ausstieg aus der Atomenergie fest. Schweden steigt wieder ein. Die fünf zwischen 41 und 26 Jahre alten Schweizer Atomkraftwerke laufen weiter und sollen, bevor sie auseinanderfallen, durch neue, leistungsstärkere ersetzt werden – an den alten Standorten in Grenznähe zu Deutschland. Ein Ende des Atomrisikos am Hochrhein und im Südschwarzwald ist also nicht abzusehen.

Vier der fünf mit unbegrenzter Laufzeitgenehmigung versehenen Schweizer Atomkraftwerke kommen in die Jahre: Beznau I und Beznau II, fünf Kilometer Luftlinie von der deutschen Kreisstadt Waldshut-Tiengen entfernt, sind mit 41 und 39 Jahren auf dem Buckel die dienstältesten und mit je nur 365 MW (Megawatt) elektrischer Nettoleistung die schwächsten. Der Atommeiler im bernischen Mühleberg ist mit 38 Jahren nicht viel jünger und mit 373 MW auch nicht viel leistungsstärker. Das Atomkraftwerk Gösgen, im Kanton Solothurn nahe an der Grenze zum Aargau gelegen, ist mit 31 Jahren nicht ganz so alt und mit 970 Megawatt elektrischer Nettoleistung auch nicht ganz so schwach wie die anderen drei, steht aber auch auf der Erneuerungsliste der Schweizer Atomwirtschaft. Nur das 26 Jahre alte Kernkraftwerk Leibstadt, am Rhein schräg gegenüber von Waldshut-Tiengen gelegen steht mit seinen 1165 Megawatt nicht zur Erneuerung an.

Begründet wird der Wunsch nach neuen Atomkraftwerken von den Schweizer Energieversorgern mit einer „Stromlücke“ von 3700 Megawatt, die sie ab 2020 erwarten, weil dann das Ende der Betriebsdauer der alten Kernkraftwerke in Beznau und Mühleberg absehbar sei und ab 2018 die Stromimportverträge mit Frankreich schrittweise ausliefen, der Stromverbrauch indessen von Jahr zu Jahr weiter anstiege – je nach Szenario zwischen 0,5 und zwei Prozent pro Jahr. Durch Energieeffizienz und alternative Energien sei diese Lücke nicht zu schließen, sind sich die drei Stromkonzerne Axpo (Beznau I und II), Bernische Kraftwerke BKW (Mühleberg) und Alpiq (Gösgen) einig. „Im Bereich der neuen Energien ist großes Potential da, aber es eben nicht so groß, dass es genügen könnte“, so Axpo-Chef Heinz Karrer dazu. Atomskeptiker, wie zum Beispiel die ehemalige Waldshuter Bundestagsabgeordnete Rita Schwarzelühr-Sutter sind da anderer Meinung, werden aber kaum gehört: „Wie die anderen europäischen Länder auch, kann sich die Schweiz ausreichend mit Energie versorgen durch den Ausbau der erneuerbaren Energieformen“, so Schwarzelühr-Sutter.

Die drei Stromkonzerne haben bei der Schweizer Regierung Genehmigungsanträge für den Bau von Ersatzkraftwerken gestellt. Da laut Prognosen allenfalls zwei neue Atomkraftwerke als Ersatz gebraucht werden, balgen sich die Konzerne seither um den Zuschlag. Axpo und BKW haben sich beim Rennen und den Zuschlag sogar verbündet. So offen der Ausgang ist, so sicher ist, dass die Ersatzmeiler an den bestehenden Standorten gebaut werden sollen, weil dort die Akzeptanz in der Bevölkerung am größten ist. Die aargauische Gemeinde Döttingen zum Beispiel, Standort von Beznau I und II, steht dem Neubauprojekt positiv gegenüber, wie Gemeindeschreiberin Doris Knecht in den Schweizer Medien bestätigte. Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sind gewichtige Argumente der Gemeinde, Kernkraftwerkstandort zu bleiben.

Die Entscheidung, wohin mit den neuen Atomkraftwerken, wird die Schweizer Regierung voraussichtlich 2012 treffen. Das letzte Wort darüber wird dann wohl 2013 das Schweizer Volk haben und in einem Referendum die Standortfrage endgültig klären. Das anschließende Bau- und Betriebsgenehmigungsverfahren sowie eine etwa sechsjährige Bauzeit eingerechnet, könnte der erste neue Atommeiler ab etwa 2023 in Betrieb gehen.

Während für die Stromindustrie klar ist, dass Ersatz-Atomkraftwerke gebaut werden müssen, ist noch völlig unklar, welcher Reaktortyp dabei zum Einsatz kommen soll. Für Beznau III hat die Axpo derzeit drei Reaktortypen in der engeren Auswahl: der EPR (European Pressurized Water Reactor), ein Druckwasserreaktor, der zurzeit in Finnland und Frankreich gebaut wird; der amerikanische Druckwasserreaktor AP 1000 von Westinghouse, der im nächsten Jahrzehnt in zwölf neuen Anlagen, unter anderem in China, zum Einsatz kommen soll; und der amerikanische ESBWR (Economic Simplified Boiling Water Reactor), das jüngste Glied in der Reihe von Siedewasserreaktoren.

Beznau III soll doppelt so viel Strom produzieren, wie Beznau I und II zusammen: 1450 Megawatt. Wird Beznau III gebaut, wird es auch fast doppelt so viel Abwärme produziere, wie die beiden alten Meiler zusammen: 2720 Megawatt. Mit reiner Flusswasserkühlung wie bisher ist diese Abwärme nicht zu bewältigen, ohne die Aare lebensfeindlich aufzuheizen. Wegen des heißen Sommers musste Beznau vor wenigen Tagen seine Leistung schon leicht zurückfahren, weil im Aarewasser die Temperaturobergrenze von 22 Grad schon erreicht war. Beznau III soll deshalb einen sogenannten Hybridkühlturm erhalten, einen etwa 60 Meter hohen Kühlturm ohne Dampffahne, in dem das Kraftwerkswasser heruntergekühlt wird, bevor es in den Fluss eingeleitet wird.

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