Waldshut-Tiengen Spontane Hilfe in großer Not
Stütze in der Not: Dorfhelferin Sieglinde Groß (links) unterstützt Katrin Bauer aus Lauchringen bei der täglichen Hausarbeit und bei der Betreuung der Kinder. Bild: Bild: JOERGER MEDIA
„Was ist eine Dorfhelferin? Die hilft im ganzen Dorf“ – noch immer muss Sieglinde Groß lachen, wenn sie sich an diesen kurzen Dialog zwischen einem Kind und seinem Vater erinnert, in deren Haus sie vor einiger Zeit im Einsatz war.
Überall dort, wo der für Haushalt und Kinder zuständige Elternteil, in der Regel also die Mutter, ausfällt und die Familie die Notlage alleine nicht auffangen kann, sind Dorfhelferinnen zur Stelle. Gleichgültig, ob dies in einem kleinen Dorf ist oder in der Stadt. Dorfhelferinnen organisieren den Haushalt, sie waschen, kochen, putzen, räumen auf und versorgen die Kinder, bringen oder holen sie vom Kindergarten oder der Schule ab, spielen mit ihnen, helfen bei den Hausaufgaben, gehen einkaufen und organisieren Geburtstage. Und wenn ein alter Mensch oder ein Mensch mit Behinderung zur Familie gehört, kümmert sich die Dorfhelferin auch um sie. Im Ausnahmefall bleiben sie sogar auch mal über Nacht.
„Ich frage die Frau, wie sie es macht und so mache ich es dann auch“, erklärt Sieglinde Groß ihre Vorgehensweise. Der gewohnte Alltag der Familie soll mit Hilfe der Dorfhelferin ohne größere Veränderungen weitergehen und es der Mutter ermöglichen, sich in Ruhe auf ihre eigene Situation zu konzentrieren. Meist ist dies ein Krankenhausaufenthalt oder ein anschließender Genesungsprozess Zuhause, in der Reha, eine Kur oder eine Risiko-Schwangerschaft. Dorfhelferinnen sind in Familien mit mindestens einem Kind unter zwölf oder 14 Jahren – je nach Vorgaben der Krankenkasse – tätig.
Die Zeiten, als ihr Haupteinsatzort noch Bauernhöfe waren und Kühe melken und bei der Ernte helfen gängige Aufgaben waren, sind längst vorbei. „Nur noch etwa fünf Prozent sind heute landwirtschaftliche Einsätze“, erklärt Gertrud Steßl. Sie leitet bei der Caritas-Sozialstation St. Verena Waldshut den Einsatz der Dorfhelferinnen. Sieglinde Groß ist eine der drei Dorfhelferinnen der Station. 1982 hat sie ihre Ausbildung gemacht und in dieser Zeit große Veränderungen erlebt, die erhöhte Anforderungen an ihren Berufsstand stellen. „Die Familien sind heute viel individueller als früher, jede organisiert ihr Leben so, wie sie es für richtig hält, unsere Arbeit ist heute viel spezieller und vielfältiger“, erzählt die 52-jährige Tiengenerin. Jede Familie hat ihr eigenes Gefüge, in das die Dorfhelferin sich eingliedern sollte. Auf jede Familie muss sie sich neu einstellen. Dafür ist neben Fachwissen und Flexibilität, die Fähigkeit zum sensiblen Einfühlen unabdingbar. „Wir können nicht reinkommen und sagen, wie es geht, man muss sich auch zurücknehmen können und sich immer bewusst sein, dass die Familie in einer Notsituation ist“, meint Irmgard Rolli (48). Sie wohnt in Albbruck und ist seit 2000 in Laufenburg und Umgebung im Einsatz. Zurzeit unterstützt sie wochentags vier Stunden eine vierfache Mutter nach einer Operation und abends ist sie bei einer alleinerziehenden, berufstätigen Mutter im Einsatz. Wie ihre Kollegin Sieglinde Groß auch, hat sie in den Familien viel erlebt: „Man blickt bis ins Innere der Familie und führt oft intensive Gespräche. Wenn es Probleme in der Familie gibt, bekommt man diese mit.“ Die Probleme lösen können die Dorfhelferinnen nicht, höchstens, so Irmgard Rolli, „ab und zu einen Ratschlag geben, wenn es gewünscht wird“. Nach außen dringt dabei nichts. Verschwiegenheit ist oberste Pflicht jeder Dorfhelferin und Grundlage des Vertrauensverhältnisses zwischen Dorfhelferin und Familie.
Dass man sich auf die Dorfhelferin verlassen kann, hat auch Familie Bauer in Lauchringen erfahren. Katrin Bauer, verheiratet mit einem beruflich stark eingespannten Mann und Mutter zweier fünf und sieben Jahre alter Kinder, musste sich nach einem Skiunfall einer komplizierten Knieoperation unterziehen und war danach auf Krücken angewiesen. Sieglinde Groß sprang ein. „Sie war großartig, sie hat sofort gesehen, was gemacht werden muss, ich kann nur jedem empfehlen, sich in Notsituationen eine Dorfhelferin zu holen, sonst geht es auf Kosten der eigenen Gesundheit und der Familie“, meint Katrin Bauer.
Neben solchen klassischen Einsätzen, die über die Krankenkasse finanziert werden, sind Dorfhelferinnen – Voraussetzung ist eine Zusatzausbildung – auch zunehmend für das Jugendamt tätig. Und zwar bei so genannten Haushaltsorganisationstrainings HOT-Einsätzen (HOT = Haushaltsorganisationstrainings). „Es ist ein Hilfsangebot für Familien, denen die Alltags- und Haushaltorganisation über den Kopf gewachsen ist“, erklärt Sieglinde Groß. Sie hilft zur Zeit einer Familie, das alltägliche Haushaltschaos in den Griff zu bekommen und wieder einen geregelten, strukturierten Tagesablauf zu finden.
„Insgesamt gesehen wird die Arbeit von Dorfhelferinnen immer anspruchsvoller. Veränderte Familienstrukturen machen ihre Dienste wichtiger und gefragter denn je“, fasst Gertrud Steßl zusammen. Früher haben stabile soziale Netze Notlagen in der Familie aufgefangen. Heute sind diese sozialen Netze nicht oder nur noch bedingt vorhanden. Zum Beispiel Großeltern: Viele leben nicht mehr in der Nähe ihrer Kinder und Enkelkinder oder sind selbst noch berufstätig. „Mit einem Kind kriegen es die meisten noch irgendwie hin, aber bei mehr Kindern wird es oft eng“, weiß Gertrud Steßl. 40 bis 60 Einsätze von Dorfhelferinnen verzeichnet die Sozialstation St. Verena jährlich in ihrem Einzugsgebiet (Weilheim, Waldshut-Tiengen, Lauchringen).
Dorfhelferin ist ein Beruf mit Zukunft, der auch Wiedereinsteigerinnen beste Chancen bietet, denn die so genannte „Familienpause“ ist für eine Dorfhelferin die beste praktische Vorbereitung auf kommende Aufgaben. Und eine Beschäftigung in Teilzeit ist in der Regel auch kein Problem.
