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Waldshut-Tiengen Rüge für Atomkraftwerk: Sicherheitshülle mit sechs Löchern durchbohrt

Eine ungewöhnliche Panne hat dem Schweizer Kernkraftwerk Leibstadt eine massive Rüge der Schweizer Atomaufsicht eingebracht. Die Sicherheitshülle aus Stahl wurde durchbohrt, um Feuerlöscher aufzuhängen. Auch der Waldshuter Landrat übt heftige Kritik.

Die Beschädigungen seien bereits am 24. Juni der Schweizer Atomaufsichtsbehörde ENSI gemeldet worden, teilte die Kernkraftwerk Leibstadt AG (KKL) am Montag mit. Die Bohrlöcher seien durch KKL-Mitarbeiter bei einer Routinekontrolle entdeckt worden, sagte ENSI-Sprecher Anton Treier auf Anfrage von suedkurier.de

Betroffen ist das 3,8 Zentimeter dicke Stahlcontainment, das den Reaktordruckbehälter umgibt. Es wird auch Sicherheitshülle oder Primärcontainment genannt und muss gasdicht sein, damit bei Unregelmäßigkeiten oder Störfällen keine Radioaktivität nach außen dringt. Äußerste Schicht der Anlage ist die 1,2 Meter dicke Reaktorkuppel aus Stahlbeton.

Wie konnte es zum Zwischenfall kommen?

Wie das Werk auf Anfrage von suedkurier.de mitteilte, wurden am Stahlcontainment insgesamt sechs Löcher mit jeweils sechs Millimetern Durchmesser angebracht. Damit sollten Halterungen für zwei Handfeuerlöscher befestigt werden. Die Stahlwand sei völlig durchbohrt worden.

Die Eingriffe am Stahlcontainment lösten bei der Atomaufsicht scharfe Kritik aus. „Ein solches Vorkommnis darf nicht passieren“, erklärte Georg Schwarz, Leiter des Aufsichtsbereichs Kernkraftwerke des ENSI. Schwarz weiter: „Der Fehler weist auf ein bedeutendes Defizit im organisatorischen Bereich hin.“ Weil die Bohrungen wanddurchdringend sind, stellten sie eine Beschädigung des Primärcontainments dar.

Durch die mit den Feuerlöscher-Halterungen angebrachten Schrauben soll ein gewisses Maß an Gasdichtigkeit erhalten geblieben sein. ENSI-Sprecher Anton Treier sagte, es habe eine „genügende Zurückhaltefähigkeit“ bestanden. „Es ist wegen dem Vorkommnis zu keiner Kontamination der Umgebung gekommen“, so Aufsichtsbereichs-Leiter Georg Schwarz.

Vorkommnis mit Stufe 1

Provisorisch mussten die Löcher durch Schrauben und Dichtungen verschlossen werden. Bis 18. Juli, so eine ENSI-Auflage, müssen die Öffnungen durch Schweißen nachhaltig abgedichtet sein. Dies kann bei laufendem Betrieb geschehen. Wird die Frist nicht eingehalten, muss laut ENSI der Reaktor für die Reparatur abgeschaltet werden.

Bislang ist nicht bekannt, wann, durch wen und in welchem Auftrag die Löcher angebracht wurden. Dazu liefen gegenwärtig Abklärungen, teilte KKL-Sprecherin Andrea Portmann auf Anfrage mit.

Auf der internationalen INES-Störfallskala, die von 0 bis 7 reicht, wurde das Vorkommnis mit Stufe 1 bewertet. Damit wird eine Abweichung vom normalen Betrieb der Anlage beschrieben.

Die Bohrlöcher am Containment stünden nicht in Zusammenhang mit der automatischen Schnellabschaltung vom 5. Juli, teilte das Werk mit.

PROTESTBRIEF DES LANDRATS

Das ungewöhnliche Vorkommnis hat auch beim Landkreis Waldshut Verwunderung und Kritik ausgelöst. Landrat Tilman Bollacher schrieb am Montag an Hans Wanner, Direktor der Atomaufsichtsbehörde ENSI:

„Mit Überraschung habe ich die Pressemitteilung des ENSI sowie des Kernkraftwerks Leibstadt AG zur Kenntnis genommen. Offensichtlich wurden beim Anbringen der Handfeuerlöscher Befestigungslöcher in die Containmentwand des Reaktorgebäudes gebohrt. Bisher wurde eine provisorische Reparatur veranlasst, wobei diese nach Angaben des ENSI „störfallfest“ sein soll. Das ENSI hat darüber hinaus angeordnet, dass die Kernkraftwerk Leibstadt AG eine definitive Lösung bis 18. Juli umzusetzen hat, ansonsten der Reaktor abgeschaltet werden muss.

Ich bin überrascht, dass ein derartiges Vorkommnis eintreten konnte, welches als Ereignis der Stufe 1 INES einzustufen ist. Bisher sind wir, auch aufgrund der Feststellungen des ENSI, immer davon ausgegangen, dass der Sicherheitsstandard im Kernkraftwerk Leibstadt hoch ist und entsprechende Vorkommnisse eigentlich nicht eintreten können. Wir sind uns sicherlich einig, dass solche Vorkommnisse nicht passieren dürfen und, wie das ENSI selbst ausführt, der Fehler auf ein bedeutendes Defizit im organisatorischen Bereich hinweist.

Insbesondere wurde bisher auch nicht mitgeteilt, zu welchem Zeitpunkt die wanddurchdringende Bohrung stattgefunden hat und wie lange die Beschädigung des Primärcontainments erfolgte, bis dieser Fehler dann tatsächlich auch vom (Aufsichts-) Personal bemerkt wurde. Die grenznahen Kernanlagen in der Schweiz sind immer wieder Gegenstand von kritischen Erörterungen im Hinblick auf den Standort und den Betrieb. Passieren derartige Fehler, trägt dies sicherlich nicht zur Beruhigung der Bevölkerung bei und wird die kritische Auseinandersetzung mit den Kernanlagen weiter forcieren.

Auch dieser Vorfall zeigt, dass trotz einer angestrebten hohen Sicherheitskultur immer wieder Vorkommnisse eintreten, die eigentlich unter Berücksichtigung der Sicherheitskultur so nicht auftreten dürften. Bitte tragen Sie als Aufsichtsbehörde das Menschenmögliche dazu bei, dass die Sicherheitskultur weiter verbessert wird und derartige Fehler, auch wenn sie keine radiologischen und unmittelbaren Auswirkungen nach Ansicht der ENSI hatten, zukünftig nicht mehr eintreten. Ich danke Ihnen, wenn Sie mich über weitere Details, insbesondere auch den zeitlichen Ablauf und die Aufdeckung des Fehlers informieren.“

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