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Waldshut-Tiengen Großprojekt stößt auf Widerstand

Es war kein Erdbeben, das Ende September 2008 die Bevölkerung am Hochrhein und im Hotzenwald aufhorchen ließ, sondern die Nachricht, dass die Schluchseewerk AG den Bau eines weiteren Pumpspeicherkraftwerks mit zwei riesigen Wasserbecken plant. Ein Becken soll bei Atdorf in der Gemeinde Herrischried, das andere am Bergsee bei Bad Säckingen entstehen. Schluchseewerk AG will rund 700 Millionen Euro in das Vorhaben investieren. Mit dem Bau soll um 2014 begonnen werden.

Das neue Speicherbecken mit dem Namen „Hornbergbecken II“ soll laut Schluchseewerk etwa 1,5 Kilometer südöstlich des bestehenden Hornbergbeckens am so genannten „Abhau“ entstehen. Der „Abhau“ ist eine Erhebung von 1018 Meter Höhe, gilt als beliebtes Naherholungs- und Wandergebiet und birgt ein kostbares Gut: Trinkwasser. Große Flächen des „Abhau“ sind ausgewiesene Wasserschutzgebiete. Die Gemeinden Herrischried und Rickenbach beziehen von dort einen Großteil ihres Trinkwassers. Das Wasser nährt zudem die Wuhren (künstliche Bewässerungskanäle), die wiederum bis Bad Säckingen in den Bergsee fließen und wirtschaftlich genutzt werden.

Herrischrieds Bürgermeister Christof Berger bemerkte dazu: „Als uns das Schluchseewerk das Projekt vorgestellt hat, habe ich gesagt: Da haben wir ein Riesenproblem. Unsere Wasserversorgung!“ Niemand kann derzeit sagen, welchen Einfluss die Baumaßnahmen auf den Wasserspeicher am „Abhau“ haben würde. Andreas Schmidt, Leiter des Projekts, sagte Mitte Februar 2009 in Herrischried: „Man kann eine Beeinflussung der Quellen nicht ausschließen.“ Deshalb, so Schmidt, werden Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Die Schluchseewerk AG erklärte denn auch: „Bei der Planung werden selbstverständlich die Belange des Umwelt- und Naturschutzes intensiv berücksichtigt, so dass die Eingriffe in die Natur so gering wie möglich bleiben.“ Bis heute haben die Gemeinden Herrischried und Rickenbach sich nicht gegen das geplante Bauvorhaben ausgesprochen. Auch aus anderen Gemeinden gibt es keine amtliche Kritik an dem Projekt.

Dessen Herzstück ist das 960 Meter lange und 380 Meter breite Speicherbecken. Fassungsvermögen: rund zehn Millionen Kubikmeter Wasser. Das Becken wird fast 300 Meter länger als das bestehende, über 30 Jahre alte Hornbergbecken (Fassungsvermögen: 4,4 Millionen Kubikmeter) in unmittelbarer Nachbarschaft. 700 Meter tiefer im Erdinneren, durch einen senkrechten Druckschacht mit dem Becken verbunden, soll die Maschinenkaverne „Atdorf“ entstehen. Sie ist mit dem ebenfalls zu bauenden Haselbecken zwischen dem Bad Säckinger Bergsee und dem Weiler Günnenbach verbunden. Der Hauptdamm am Haselbecken wäre 520 Meter lang. Zusätzlich wären zwei kleinere Abschlussdämme erforderlich.

In einem Pumpspeicherkraftwerk wird kein Strom erzeugt. Wenn andere Kraftwerke überschüssige Energie, hauptsächlich zur Nachtzeit, produzieren, pumpen Elektromotoren Wasser vom unteren in das obere Becken. Zu Spitzenlastzeiten oder wenn andere Kraftwerke ausfallen, wird das gespeicherte Wasser wieder nach unten geleitet und treibt so die Generatoren zur Stromerzeugung an. Bei modernen Werken werden dabei bis zu 80 Prozent der zugeführten Elektroenergie zurück gewonnen. Je größer die Fallhöhe zwischen Ober- und Unterbecken, desto höher ist der Wasserdruck.

Der steil abfallende Hotzenwald mit seinen großen Höhendifferenzen eignet sich deshalb besonders gut für Pumpspeicherkraftwerke. Nach Wehr und Bad Säckingen wäre Atdorf das dritte Kavernenkraftwerk des Schluchseewerks im Hotzenwald. 1967 wurde das Kraftwerk Säckingen mit dem Eggbergbecken fertig gestellt, 1976 das Kavernenkraftwerk Wehr mit dem Wehra- und dem Hornbergbecken. Die Turbinenleistung der Kaverne „Atdorf“ soll 1000 Megawatt betragen. Zum Vergleich: Das Kavernenkraftwerk Säckingen leistet 360 Megawatt, das Werk Wehr 910 Megawatt.

Die Schluchseewerk AG will mit dem neuen Projekt auf die Veränderungen des Energiemarktes antworten. Konkret: Bis 2020 möchte die Bundesregierung den aus regenerativen Quellen gewonnenen Anteil an der Stromerzeugung auf 20 bis 25 Prozent erhöhen. Atomkraftwerke sollen still gelegt werden. Während vor der Küste große Windkraftanlagen errichtet werden können, sieht das Schluchseewerk im Süden ein Gefälle bei Energieproduktion und -verbrauch. Um dieses Ungleichgewicht aufzuheben, sei der Ausbau weiterer Pumpspeicherwerke erforderlich, argumentiert das Unternehmen. In Deutschland sind derzeit 30 Pumpspeicherwerke in Betrieb.

Der erste Politiker, der sich positiv zum Projekt am „Abhau“ äußerte, war der Landeswirtschaftsminister Ernst Pfister anfangs April. Pfister bezeichnete das Vorhaben als „zu großen Teilen im Einklang mit der Natur“. Prompt kam die Antwort aus Herrischried. Der Geowissenschaftler Professor Gerd Wenzens (68) hielt Pfister „Überheblichkeit und beeindruckende Unkenntnis des Sachverhalts“ vor. Wenzens stellte klar: „Die Energie, die für das Hochpumpen des Wassers hauptsächlich in der Nacht verbraucht wird, stammt aus in- und ausländischen Kohle- und Atomkraftwerken.“ Zum Zeitpunkt von Pfisters Besuch stand fest, dass sich Widerstand gegen das „Hornbergbecken II“ bilden wird.

Der zündende Funke kam ausgerechnet von einem Musiker: Am 1. März trat Klaus der Geiger, ein bundesweit bekannter politisch aktiver Straßenmusiker, in Altenschwand auf. Dabei wurden die Weichen für den Widerstand vom Rickenbacher Gewässerbiologen Heinz-Michael Peter gelegt. 80 Gegner des Pumpspeicherkraftwerks formierten sich am 5. April zu einer Bürgerinitiative. Die Gründung einer Bürgerinitiative sei nötig, so Peter, um die Öffentlichkeitsarbeit zu koordinieren und einen Ansprechpartner zu bieten. Peter weiter: „Wir brauchen eine Stimme für den Hotzenwald und das Rheintal.“

Manfred Rost, Technischer Vorstand der Schluchseewerk AG, sah dies anders. Am 7. Mai sagte er in Dogern: „Der Protest ist romantisch-emotional und sehr stark lokal geprägt.“ Bürgerinitiative contra Schluchseewerk AG – ein Duell im Stil von David gegen Goliath? Klar ist: Das Projekt bewegt die Menschen im Hotzenwald und hat schon Existenzängste ausgelöst. Denn der Bau des Beckens am „Abhau“ würde zu jahrelangen massiven Beeinträchtigungen durch Lastwagen, Staub und Sprengungen führen.

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