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Waldshut-Tiengen Fachkräftemangel fordert Firmen am Hochrhein

Die Tiengener Firma Cellpack stützt sich in wachsendem Umfang auf ausländische Mitarbeiter. Das Unternehmen ist Beispiel dafür, wie sich der Fachkräftemangel wegen der Schweizer Arbeitsmarktkonkurrenz am Hochrhein auswirkt.

Irina Ovsyanko stammt aus dem frostigen Nowosibirsk. Im milden Hochrheinklima hat die Diplom-Ingenieurin für Elektrotechnik Karriere gemacht. Die Russin leitet das Hochspannungslabor der Tiengener Firma Cellpack, die auf Kabelverbindungen spezialisiert ist. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit hat die 38-Jährige an der Technischen Universität Dresden ihren Doktortitel erworben.

Unternehmen am Hochrhein müssen nicht nur bei ihren Produkten und Dienstleistungen Einfallsreichtum beweisen, sondern auch bei der Gewinnung von Fachkräften. Die Konkurrenz des Schweizer Arbeitsmarkts mit hohen Gehältern ist eine nachhaltige Herausforderung. In steigendem Umfang und mit Erfolg stützen sich Firmen insbesondere aus der Industrie auf Spezialisten aus dem Ausland.

Irina Ovsyanko ist ein Beispiel von vielen. Bei der Firma Cellpack, die zur Schweizer BBC-Gruppe gehört und am Standort Tiengen 140 Mitarbeiter beschäftigt, beträgt der Anteil ausländischer Arbeitnehmer insgesamt zehn Prozent. Bei den Technikern und Fachkräften sind es sogar 20 Prozent. Diese Zahlen, gekennzeichnet durch steigende Tendenz, nannte Geschäftsführer Joachim Tschira, als der CDU-Wirtschaftsrat Hochrhein in seinem Unternehmen eine Veranstaltung zum Thema Fachkräftemangel abhielt.

Herkunftsstaaten ausländischer Cellpack-Mitarbeiter sind neben Russland unter anderem Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland, Polen und Rumänien. Die EU-Erweiterung hat die Formalitäten zusehends erleichtert. Aber auch Menschen aus Ländern, die nicht dem Staatenbund angehören, erhalten bei passenden Voraussetzungen eine Arbeitsgenehmigung.

Bundesweites Problem sind die fallenden Geburtenraten und der Umstand, dass sich immer weniger junge Menschen für technische Berufe interessieren. Doch am Hochrhein besteht eine spezielle Herausforderung: „Es ist nicht die Demografie, es ist die kontinuierliche Abwanderung in die Schweiz.“ Dies sagte vor den Mitgliedern des Wirtschaftsrats Norbert Sedlmair. Er ist Leiter der Agentur für Arbeit Lörrach, die auch den Kreis Waldshut betreut. „80 bis 100 Prozent mehr Gehalt sind gar nicht selten“, beschrieb Sedlmair den krassen Unterschied zum Lohnniveau des Nachbarlands.

Bei Cellpack stützt sich die Personalpolitik darauf, dass die finanzielle Seite nicht allein maßgeblich ist. Geschäftsführer Tschira: „Wenn man Leute mit Geld gewinnt, verliert man sie mit Geld.“ Mitarbeiterbindung habe Priorität, erklärte er und nannte unter anderem diese Stichworte: Angebot von Sozialleistungen; Kompetenzen und Verantwortung übertragen; persönliche Entwicklungspläne gemeinsam erstellen und Fachkarrieren fördern; Aus- und Weiterbildung für alle Beschäftigten; Kooperationen mit Universitäten und Fachhochschulen; Freiräume schaffen; verstärkt Frauen und ältere Menschen einstellen; Unternehmenskultur der offenen Türen; gemeinsame gesellige Anlässe. Parallel dazu geht Tschira davon aus, dass die Internationalisierung der Belegschaft weiter steigen wird.

Dietmar Vollmer, Sprecher des Wirtschaftsrats Hochrhein und Geschäftsführer einer Gebäudereinigungsfirma in Stühlingen, sagte an die Adresse von Tschira: „Jeder Betrieb ist gut beraten, wenn er es so macht wie Sie.“ Arbeitsagentur-Chef Sedlmair verwies darauf, dass der Fachkräftemangel am Hochrhein kein neues Phänomen sei. Noch nicht abzuschätzen sei, welchen Einfluss die Schweizer Einwanderungsinitiative haben wird, die auch den Bereich Grenzgänger betrifft.


„Immer wieder neue Wege“

Joachim Tschira ist Geschäftsführer bei Cellpack in Tiengen. Die Firma produziert Stromkabelverbindungen für den Mittel- und Niederspannungsbereich .
Joachim Tschira ist Geschäftsführer bei Cellpack in Tiengen. Die Firma produziert Stromkabelverbindungen für den Mittel- und Niederspannungsbereich .Wie stark ist Ihr Unternehmen vom Fachkräftemangel betroffen?

Bislang konnten wir noch immer alle ausgeschriebenen Stellen mit Fachkräften besetzen. Wir stellen allerdings seit einigen Jahren fest, dass es fortwährend schwieriger wird, ideale Kandidaten zu finden. Auch ist die Suche deutlich zeit- und kostenintensiver geworden. Wir sind im Bereich gut qualifizierte Facharbeiter, Meister, Techniker und Ingenieure daher mittlerweile stark betroffen.

In welchen Berufsgruppen sind bei Ihnen ausländische Arbeitskräfte tätig?

Bei uns sind vom Produktionsmitarbeiter bis hin zum Geschäftsleitungsmitglied ausländische Mitarbeiter tätig. Einen besonders hohen Anteil stellen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit einem Ingenieursstudium.

Wie sähen die Unternehmensperspektiven ohne diese Arbeitskräfte aus?

Einen guten Teil des Unternehmenserfolges haben wir unseren ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu verdanken. Unser in den vergangenen Jahren kontinuierlich steigendes Wachstum wäre grundsätzlich ohne qualifizierte Arbeitskräfte nicht möglich.

Was kann die Politik gegen den Fachkräftemangel tun?

Die Politik kann nur die Rahmenbedingungen setzen. Die Unternehmen selbst sind aufgerufen zu handeln, mit eigenen innovativen Ansätzen die zukünftige Strategie gegen den Fachkräftemangel zu gestalten. Wir selbst versuchen immer wieder neue Wege zu gehen, um zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu rekrutieren.

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