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Waldshut-Tiengen Einkaufstourismus: Schweizer lassen deutsche Kassen klingeln

Die Schweizer kaufen gerne in Deutschland ein. Nicht nur, weil viele Produkte in Deutschland günstiger sind, sondern weil die Schweizer zudem bei einem Einkauf in Deutschland die Mehrwertsteuer rückerstattet bekommen. Doch die langen Schlangen an den Kassen regen viele Deutsche auf.

Endlose Staus, volle Parkhäuser, meterlange Warteschlangen und überfüllte Gastronomiebetriebe. Ein ganz normaler Samstag in Waldshut. Die Stadt ist so lebendig wie kaum eine andere ihrer Größenordnung in Baden-Württemberg. Auch die Kaufkraft ist in der großen Kreisstadt jährlich mit 6260 Euro pro Einwohner um 200 Euro höher als im Bundesdurchschnitt. Zu verdanken ist das laut Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee den Schweizern, die die Kassen der Einzelhändler und Gastronomen in Waldshut-Tiengen klingeln lassen. Besonders stark profitiert der direkt an der Rheinbrücke liegende Stadtteil Waldshut von dem Boom. Doch der Einkaufstourismus floriert entlang des gesamten Hochrheins.

Der Schweizer Einkauf in Zahlen
  • Verzollung: Schweizer Zoll und Grenzwache hatten 2013 an der Landesgrenze der Nordwestschweiz mehr Einkaufstourismus zu bewältigen. Die Zahl der Privatwarenabfertigungen stieg um 1,2 Prozent auf insgesamt 124 921 Verzollungen – knapp 10 000 davon entfielen auf Selbstanmeldungen bei unbedienten Verzollungsboxen. Der private Schmuggel nahm dabei um rund 10 Prozent zu. Mehrheitlich waren nicht korrekt deklarierte Lebensmittel der Grund, aber auch Alkoholika und Milchprodukte.
  • Auswirkungen: Laut Marktforscher GfK macht der Schweizer Einkaufstourismus jährlich rund 10 Milliarden Franken aus. Stefano Patrignani, Geschäftsleiter Migros Basel, bezweifelte kürzlich die Glaubwürdigkeit von Aussagen, dass sich das Wachstum des Einkaufstourismus abflache. Im Gegenteil nehme der Einkauf im Ausland und die dafür zurückgelegte Distanz zu. Für die Fahrten werde CO im Umfang einer Stadt mit 35 000 Einwohnern ausgestoßen.

Egal ob Kleidung, Lebensmittel oder Hygieneartikel. Alles muss mit auf die andere Rheinseite. Die Produkte sind für die Schweizer Nachbarn nicht nur günstiger als im eigenen Land. Hinzu kommt auch der starke Franken. Das macht Waldshut-Tiengen, Bad Säckingen und Rheinfelden für Schweizer zum beliebten Einkaufsziel. Der Zufluss aus der Schweiz in den Einzelhandel der Stadt Waldshut-Tiengen betrug im Jahr 2012 über 115 Millionen Euro. Das entspricht bei einem Einzelhandelsumsatz von 303 Millionen Euro einem Anteil von 38 Prozent. Das geht aus dem Märkte- und Zentrenkonzept hervor, das die Stadt Waldshut-Tiengen in Auftrag gegeben hat.

Was Schweizer in Deutschland kaufen:
  • Nadja Rohner, Redakteurin der Aargauer Zeitung erklärt, warum sie lieber in der Schweiz einkauft, aber trotzdem ihre Reisen in Deutschland bucht:

    Es ist tatsächlich möglich, nur knapp fünf Kilometer vom Rhein aufzuwachsen und nie ennet der Grenze einkaufen zu gehen. Eier und Milch gab's vom Bauern um die Ecke, den Rest wahlweise vom Lädeli im Nachbardorf oder von den großen Detailhändlern in Zurzach. So halte ich es noch heute – aber nicht nur, weil ich nicht mehr so nahe bei der Grenze wohne. Klar ist's billiger in „Tütschland“. Als ich mit Anfang 20 zum ersten Mal in Waldshut war, rieb ich mir angesichts der tiefen Preise die Augen. Dennoch: Am Samstag den Grenzstau auf mich nehmen, den Ausfuhrschein abstempeln, Mehrwertsteuer zurückholen – viel zu viel Aufwand, zu kostbar meine Freizeit. Nur eine Ausnahme: Meine Reisen buche ich bei deutschen Anbietern. Ja, weil es weniger kostet. Und sollte ich mal in der Nähe eines Grenzüberganges Lust auf ein absurd riesiges Gebäckstück bekommen, würde ich es in Deutschland holen – dort sind Bienenstich und Co. nämlich meist viel größer, wenn auch nicht unbedingt „feiner“. Ansonsten gebe ich mein Geld lieber auf dieser Seite der Grenze aus.
  • Stefan Gyr, Autor der Aargauer Zeitung erklärt, warum er mit seiner Familie nur einmal im Monat zum Einkaufen über die Grenze fährt und was er dabei einkauft:

    Die Solidarität mit dem Schweizer Gewerbe liegt unserer Familie am Herzen. Dafür nehmen wir auch die höheren Preise in unserem Land in Kauf. Aber einmal im Monat gestatten wir uns einen kleinen Einkaufsausflug auf die andere Rheinseite. 15 Minuten benötigen wir für die Fahrt ins deutsche Rheinfelden. Dort unternehmen wir zuerst einen Spaziergang mit unseren beiden Hundemädchen. Danach kaufen wir im dm und im Lidl für etwa 50 Euro Drogerieartikel und Lebensmittel ein. Wir sind immer wieder erstaunt, wie viel Ware man auf der anderen Seite der Grenze für dieses Geld erhält. Dabei geht es uns nicht nur darum, unsere Portemonnaies zu schonen. In Deutschland kaufen wir vorwiegend Produkte, die in der Schweiz nicht erhältlich sind. Nach den Einkäufen besuchen wir hin und wieder ein Restaurant oder eine Eisdiele im Stadtzentrum. Auf der Heimfahrt halten wir an der Grenze an, um die Ausfuhrscheine abstempeln zu lassen. Doch wir fragen uns oft, ob sich dieser Aufwand lohnt, um ein paar Franken Mehrwertsteuer zurückzubekommen.

Und noch einen Obolus gibt es für die Schweizer Nachbarn: Nach erledigter Shoppingtour, können sie sich mit den so genannten „Grünen Zetteln“ die Mehrwertsteuer auf ihre Einkäufe in Deutschland zurückerstatten lassen. Apropos Grüne Zettel: Zwar freut's den Schweizer, doch die inländischen Kunden kostet es in einigen Geschäften vor allem eines: Geduld. Auch wenn die Verkäuferinnen ihren Kugelschreiber griffbereit neben der Kasse liegen haben, muss noch ausgefüllt und geheftet werden. Und Geduld müssen Kunden auch beweisen, wenn sie hinter den Nachbarn mit ihren gut gefüllten Einkaufswagen in der Schlange stehen. Rund 13,7 Millionen Ausfuhrzettel wurden von Singen über Waldshut-Tiengen bis nach Lörrach im vergangenen Jahr verzeichnet. Und bei so einer hohen Nachfrage kann es in den deutschen Geschäften auch schon einmal vorkommen, dass einige Produkte am frühen Abend ausverkauft sind. Speziell Bananen scheinen jenseits des Rheins heiß begehrt zu sein.

Über den Einkaufstourismus und die Schweiz-Serie
  • Ausfuhrschein: Wer in der Schweiz wohnt, kann sich für die in Deutschland gekaufte Ware die Mehrwertsteuer zurückerstatten lassen. Dazu muss der Kunde an der Grenze einen grünen Ausfuhrzettel abstempeln lassen. Gegen Vorlage dieses Scheins gibt es in dem Geschäft, wo der Artikel gekauft wurde, die Mehrwertsteuer zurück. In der Regel beträgt die Mehrwertsteuer in Deutschland zwischen sieben und 19 Prozent.
  • Die Serie: Kurios, persönlich, herzlich und manchmal auch konfliktgeladen – so facettenreich ist die Beziehung von Deutschland und der Schweiz. In der Serie „Auf gute Nachbarschaft“ beschäftigten sich Journalisten des SÜDKURIER Medienhauses und der Aargauer Zeitung mit grenzüberschreitenden Themen entlang des Hochrheins. Beleuchtet werden – sowohl aus der deutschen, als auch aus der Schweizer Perspektive – Brennpunktthemen wie die Suche nach einem atomaren Endlager, aber auch die besonderen nachbarschaftlichen Beziehungen und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Doch ob endlose Staus, volle Parkhäuser, meterlange Warteschlangen und überfüllte Gastronomiebetriebe – es scheint sich doch eher um ein Luxusproblem zu handeln, um das die Waldshuter von anderen Städten beneidet werden können. Denn der Einkaufstourismus sichert nicht nur den Geschäften einen guten Umsatz und dem Finanzamt hervorragende Zahlen, sondern auch zahlreiche Arbeitsplätze entlang des Hochrheins. Und noch in guter Erinnerung ist, dass noch vor ein paar Jahren, als der Franken noch schwächer war, sich an den Schweizer Tankstellen entlang der Grenze Schlangen von Autos gereiht haben – die meisten mit deutschem Kennzeichen.

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