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Waldshut-Tiengen Der Stein der Wahrheit

16.07.2011


Es ist Wochenmarkt in der Tiengener Hauptstraße. Die kleine Gruppe, die vom Rathaus hinunter Richtung Marktplatz geht, fällt nicht weiter auf.

Mitglieder des Freundeskreises Jüdisches Leben in Tiengen sind unterwegs, um ihr jüngstes Projekt zu erläutern: Es geht um „Stolpersteine“, die an ermordeten Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Der Freundeskreis, der bereits im Museum im Tiengener Schloss einen Raum zum Gedenken an jüdische Mitbürger eingerichtet hat, will, wie in über 500 Orten Deutschlands und Europas geschehen, Betonsteine mit Messingplatten in das Pflaster einlassen. Standorte sind die letzten frei gewählten Wohnorte von NS-Opfern.

„Wir rechnen mit etwa 15 Stolpersteinen in Tiengen und Waldshut“, sagt Magdalena Bucher vom Freundeskreis. Nur zweifelsfrei belegte Schicksale kommen in Betracht. Dazu müssen alle zugänglichen Quellen ausgewertet werden. „Wir wollen herausfinden, was die Wahrheit ist“, sagt Franz Söffge, Tiengener, früherer Stadtrat und seit Jahren engagiert in der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in der Stadt. „Es sind viele Verfolgte des Nazi-Regimes gerettet worden“, sagt er. „Manfred Emmerich und ich suchen die Wahrheit hinter diesen Schicksalen. Wir sind jedes Mal froh, wenn wir sichere Belege finden.“ Ist es heute überhaupt noch möglich, solche Beweise zu sichten? „Ja“, sagt Franz Söffge, „die Nazis haben alles aufgeschrieben. Wann eine Person ins KZ gebracht wurde, die Todesursache. Wir wollen Schicksale aufrollen, um zu erfahren, was war. Das haben wir auch den Kindern früherer jüdischer Mitbürger versprochen, die die Stadt besucht haben.“ Die seien nicht gekommen, um Vorwürfe zu machen, sondern um zu mahnen: Passt auf! Die Verständigung sei ihm wichtig, sagt Franz Söffge.

Das Projekt „Stolpersteine“, von dem Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen, findet nicht nur Zustimmung. So hat Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland es als „unerträglich“ bezeichnet, die Namen ermordeter Juden auf Tafeln zu lesen, die in den Boden eingelassen sind und auf denen mit Füßen herumgetreten werde. „Mir wäre ein Denkmal lieber, ein kleines auf dem Synagogenplatz, der dann auch offiziell diesen Namen tragen sollte“, sagt Franz Söffe. „Aber ich bin Demokrat genug, um zu akzeptieren, wenn sich der Freundeskreis mehrheitlich für Stolpersteine ausspricht.“ Hans Studinger, früherer Stadtrat und heute als Zeitzeuge gefragter Referent über die Zeit des Nationalsozialismus, bezeichnet sich als Sympathisant des Projekts. „Ich bin allerdings skeptisch, dass der Name dort eingraviert werden soll, wo die Leute drüberlaufen. Man geht ja nicht hin und schaut, wessen Name draufsteht“, sagt er. Aber es sei ein Weg, das Gedächtnis aufzufrischen, Andenken und geschichtliche Tatsachen zu bewahren. Teuer sind ihm eigene Erinnerungen an jüdische Mitbürger. An einen Schulkameraden, der kurz vor der Flucht der Eltern eine Woche lang bei der Familie Studinger unterkam. „Ich habe nichts mehr von ihm gehört“, bedauert Hans Studinger.

Magdalena Bucher musste im Städtle nicht lange bitten, bis sie die ersten Zusagen bekam, Stolpersteine zu verlegen. „Wir haben uns zuerst an Oberbürgermeister Martin Albers gewandt und unser Anliegen auch im Gemeinderat vorgetragen.“ Im April sagte das Gremium ja zu Stolpersteinen in Waldshut und Tiengen, vorbehaltlich der Zustimmung des Oberrats der Israeliten Badens. Die liegt inzwischen vor, wie der OB dem Freundeskreis mitteilte.

Amanda Elisch vom Schuhhaus Bächle war die Erste, die dem Freundeskreis die Genehmigung gab, vor ihrem Haus einen Stolperstein einzulassen. Er wird an Julius Guggenheim erinnern, der hier in der Hauptstraße lebte und im Konzentrationslager Dachau ums Leben kam. Dieter Petri hat in seinem Buch „Die Tiengener Juden und die Waldshuter Juden“ auch Guggenheims Schicksal nachgezeichnet. Julius Guggenheim wurde 1879 in Tiengen geboren. Mit seiner Frau Telly betrieb er in der Hauptstraße ein bekanntes Schuhgeschäft. Der Geschäftsmann galt als großzügig. So soll ihn der katholische Pfarrer Spreter um Schuhe für arme Kommunionkinder gebeten haben – und niemals umsonst. Die beiden Guggenheim-Kinder besuchten den katholisch geführten Kindergarten. In der Kristallnacht wurden Julius und Telly Guggenheim aus ihrer Wohnung geholt und auf getrennte Lastwagen gestoßen, berichtet Dieter Petri. Telly Guggenheim konnte nach einer Nacht im Waldshuter Gefängnis nach Tiengen zurückkehren. 15 Monate später musste sie ihr Anwesen verkaufen. Sie zog nach Freiburg und rettete sich vor der Deportation der badischen Juden vermutlich durch die Flucht in die Schweiz. Julius Guggenheim wurde wie die anderen jüdischen Männer aus Tiengen ins KZ Dachau verschleppt. Dort starb er.

An Hermann Albrecht soll ein Stolperstein in der unteren Hauptstraße erinnern. Als 43-Jähriger wurde er 1939 als politischer Häftling von der Gestapo festgesetzt. Stationen waren die Konzentrationslager Dachau und Mauthausen, bevor er am 21. August 1941 in der Gaskammer von Schloss Hartheim ermordet wurde. Dorthin wurden nicht arbeitsfähige und kranke, aber auch unerwünschte KZ-Häftlinge überstellt. Den „Schutzhäftling“ Hermann Albrecht hatte die unmenschlich harte Arbeit im Steinbruch zum Invaliden gemacht.

In dem Haus lebt heute sein Neffe Manfred Albrecht. Ja, an seinen Onkel soll ein Stolperstein erinnern, sagt er Magdalena Bucher, die ihm Kopien von Unterlagen aus dem Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen zeigt. Von der Häftlingsnummer bis zum Todesdatum und der Todesursache – „in der Gaskammer“ – ist dort in knappen Daten ein Leben dokumentiert. Wer im dritten Reich wie Hermann Albrecht in „Schutzhaft“ genommen wurde, hat nach Definition der Nationalsozialisten „durch sein Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates gefährdet“. Sie war zeitlich unbegrenzt und jeder rechtlichen und rechtsstaatlichen Kontrolle entzogen, informiert das Archiv in einem Schreiben einen anderen Neffen, Herbert Albrecht, der Nachforschungen über das Schicksal seines Onkels anstellte.

Im nächsten Jahr sollen in Tiengen die ersten Stolpersteine gesetzt werden. Das will Gunter Demnig, wie überall, persönlich übernehmen. Steine des Anstoßes sind die Gedenksteine gewiss nicht, sagt Madgalena Bucher, vielmehr eine Verneigung vor den Opfern des Nationalsozialismus, die durch das Innehalten des Betrachters der Anonymität entrissen und in die Gemeinschaft der Heutigen aufgenommen werden.

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