Bauchmuskelfaserrisse, Überdehnungen und Knochenbrüche gehören für diese acht Schüler zum Alltag: Es sind Heiko Groß (15) aus Kadelburg, Philipp Koch (15) aus Dettighofen, Phillip Kraus (16) und Daniele Giaramita (15) aus Waldshut, Jason Kessler (16), Sebastian Faltniskj (16), Bazerkan Kahraman (16) und Nesin Kahraman (14), alle aus Tiengen.
Denn die Jungs aus dem Turnverein Tiengen tun seit einiger Zeit alles dafür, zu den besten Parkour- und Freerunning-Läufern der Region zu werden. Auf Facebook und YouTube kann man in Heikos selbst gedrehten und geschnittenen Videos die Bewegungskunst der Gruppe Streetlife bestaunen. Man sieht darin, wie sich die Jugendlichen waghalsig in Salti, Schrauben und mutigen Drehungen durch die Luft bewegen und meistens auch sauber auf den Füßen wieder landen.
Die korrekten Techniken zum Aufwärmen, Fallen, Abrollen und Springen trainieren die acht Jungen mit Bayar Tumurbaatar und Robert Stihl vom Geräteturnen des Tiengener Turnvereins. Prellungen und Schrammen bleiben dennoch nicht aus: „Wenn man beinahe täglich trainiert, sind auch bei geübten Turnern Verletzungen vorprogrammiert. Aber davon lassen wir uns selten stoppen“, erklärt Sebastian. Zu groß sei die Angst, hart eintrainierte Tricks wieder zu verlernen. Schockierte Eltern, die ihren Sprösslingen immer wieder „Pass auf dich auf“ und „Übertreibe es nicht mit den Sprüngen“ hinterher rufen, stoßen bei den Streetlife-Jungs auch auf wenig Gehör.
„Der Adrenalinkick und der Stolz, wenn man einen ‚Katzensprung' oder einen ‚Tic Tac' geschafft hat, sind zu groß und zu schön, um darauf zu verzichten“, sagt Jason, der sich erst vor kurzem bei einem Rückwärtssalto auf einer Party-Tanzfläche verletzt hat. Zudem wachse das Selbstvertrauen mit dem Sport und mit der Freundschaft zu den anderen, sagt er.
Nicht nur das gemeinsame Interesse für den Sport verbindet die Jugendlichen: „Es ist schön, in Sreetlife eine so tolle Clique gefunden zu haben, mit der man einfach alles teilen kann“, freut sich Philipp Koch. Sie seien keine Konkurrenten, sondern einfach die besten Freunde, die sich gegenseitig unterstützen und die Leidenschaft für Parkour und Freerunning teilen, ergänzt Daniele. Er trainierte bereits mit fünf Jahren im TV Tiengen, aber erst in der akrobatischen Bewegungskunst hat er wirklich Erfüllung gefunden.
Wenn sie von Tiengener Dächern hopsen, über Mauern springen und akrobatisch durch die Kaiserstraße fliegen, findet die Gruppe dabei nicht selten Beachtung von staunenden und verwunderten Passanten. „Man erregt Aufsehen und das macht Spaß, aber wir sind immer bemüht, uns anständig zu verhalten und niemanden zu stören“, sagt Bazerkan. Manchmal fühlen sie sich aber auch unfair behandelt, wenn sie beispielsweise von einer Mutter beschimpft werden, die Angst hat, ihr Kind könnte es den Jugendlichen nachmachen und auch über eine Mauer hüpfen.
Um für die Zukunft ein geeignetes Trainingsareal zu haben, auf dem sich niemand mehr gestört fühlt, erarbeitet Streetlife zurzeit mit Stefan Maßmann vom Jugendzentrum Tiengen und Armin Müller vom Stadtplanungsamt erste Entwürfe für einen Parkour- und Freerunning-Platz in Gurtweil. Im Oktober soll vor dem Gemeinderat vorgesprochen werden. Bis dahin dürfen sich die Bürger der Kreisstadt beim Einkaufsbummel und beim Absacker im Straßencafé weiterhin über unerschrockene Stunteinlagen freuen.
