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Waldshut-Tiengen „Wir arbeiten Geschichte auf“

09.05.2011
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Auf einen Kaffee mit…Magdalena Bucher und ihrer Tochter Martina Bucher-Nezirovic. Beide sind Gründerinnen und Motor des Freundeskreises „Jüdisches Leben in Tiengen“.

Der Freundeskreis engagiert sich für die Bewahrung des jüdischen Teils der über 500-jährigen Geschichte Tiengens.

Wie ist der Freundeskreis „Jüdisches Leben in Tiengen“ entstanden?

Seit 1978 machten Frauen der SPD jedes Jahr am 9. November vor der ehemaligen Synagoge Mahnwachen zum Gedenken an die Reichspogromnacht. Aus den Mahnwachen heraus entstand die Idee, die Geschichte der Tiengener Juden im Heimatmuseum nachzuzeichnen. Wir wollten den ehemaligen Juden Tiengens einen Namen und ein Gesicht geben. Es gab damals wenig, das an sie erinnerte: Ein paar jüdische Namen auf dem Löwendenkmal und Dieter Petris Buch „Die Tiengener Juden“. Mitte der 90er Jahre leistete die Jungkolpingfamilie mit Christoph Söffge einen großen Beitrag zur Aufarbeitung mit Begegnungsreisen nach Israel und der Organisation eines Besuchs von Überlebenden in Tiengen. Im Dezember 2005 gründeten wir dann den Freundeskreis „Jüdisches Leben in Tiengen“ mit dem Ziel, im Heimatmuseum an die Geschichte der Tiengener Juden zu erinnern.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir sind an die Bürgerzunft, an die Stadt und den Landrat herangetreten und haben im Grunde offene Türen eingerannt. Auch die Bürger Tiengens, die wir gebeten haben, uns Gegenstände zu bringen, haben uns unterstützt. Manfred Emmerich, Dieter Petri und viele andere haben sich ehrenamtlich für das Museum eingesetzt, so dass wir es 2008 eröffnen konnten.

Danach setzten Sie sich neue Ziele?

Ja. Bereits bei Gründung des Freundeskreises hatten Ronald Landwehr und Theo Fröhlich die Idee, das Projekt mit den Stolpersteinen zu machen. Im Moment sind wir dabei, es zu verwirklichen. Der Gemeinderat hat schon zugestimmt. Es geht um rund zehn bis 15 Steine, die an Opfer der NS-Zeit erinnern sollen. Außerdem wollen wir für die nach Gurs verschleppten Tiengener Juden auf dem Synagogen-Platz ein Mahnmal erstellen. Heute Abend um 18 Uhr hält hierzu Harald Gräf im Evangelischen Gemeindehaus einen Vortrag. Wichtig ist uns auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit der Schweiz. Wir wollen den dort eröffneten jüdischen Kulturweg auf deutscher Seite weiterführen. Am 25. Mai spricht hierzu Roy Oppenheim in der Schür in Stühlingen. Und nächstes Jahr im Herbst werden wir wieder in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt eine jüdische Kulturwoche veranstalten.

Wie setzt sich der Freundeskreis zusammen?

Wir sind ein harter Kern von zehn bis zwölf Leuten und drum herum Interessierte und uns freundlich Gesonnene.

Wie finanziert sich der Freundeskreis?

Wir sind auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Die Stolpersteine finanzieren wir über Patenschaften, für 95 Euro kann man eine solche übernehmen.

Sie gehen gezielt auf die Jugend zu?

Ja, der Stundenplan lässt wenig Raum für diesen dunklen Teil unserer Geschichte, deshalb sind wir froh, wenn Schulen Führungen durch das Museum und die Stadt mitmachen. Wir wollen die jüdische Geschichte Tiengens in Zusammenarbeit mit den Schulen aufarbeiten. Zeitzeugenbegegnungen sind dabei auch sehr wichtig. Erst letztes Jahr sprach Paul Niedermann in Tiengen und in der Waldshuter Stadthalle vor Hunderten von Schülern.

Wie gehen die Tiengener heute mit der jüdischen Vergangenheit um?

Es findet jetzt eine offene Aufarbeitung statt, die aus unserer Sicht Ende der 70er Jahre mit Dieter Petris Buch und Vorträgen anfing. Er hat damals kräftig Gegenwind bekommen und war sehr mutig. Wie viel sich seitdem geändert hat, zeigt die Unterstützung, die wir bekommen.

Warum ist es wichtig, die Erinnerung wach zu halten?

Die Verbrechen der Nationalsozialisten dürfen nicht in Vergessenheit geraten, denn sobald etwas vergessen ist, kann es sich wiederholen.

Wie haben sie die Besuche ehemaliger jüdischer Bürger in Tiengen erlebt?

Die Besuche waren immer sehr bewegend. Die Familie Levi war zum Beispiel Ende 2009 hier. Ihr Haus stand einst da, wo heute das evangelische Gemeindehaus steht. Die Kinder von Alfred Levi haben gesagt: „Die jetzige Generation kann nichts für die damaligen Verbrechen, aber sie ist verantwortlich dafür, dass so etwas nie wieder geschehen kann.“

Fragen: Ursula Freudig

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