Auf einen Kaffee mit… Sieglinde Schreiber. Die weit Gereiste aus Tiengen hat ihr erstes Buch veröffentlicht und spricht über ihre zweite Heimat auf einer griechischen Insel. „Gavdos – Die Magie einer Insel“ heißt Ihr erstes Buch.
Wo liegt Gavdos?
Das ist die südlichste Insel Europas, vor der afrikanischen Küste, im Mittelmeer vor Kreta. Es ist die Insel der Kalypso, hier ist auch der Apostel Paulus gestrandet. Da gelangt man mit dem Boot hin, deshalb ist es auch nicht so überlaufen. Man fliegt von Zürich nach Kreta und fährt mit dem Bus über das Ida-Gebirge. Damals dauerte eine Fahrt mit dem Fischerboot viereinhalb Stunden. Ich erinnere mich, dass uns Delfine folgten. Man konnte ins Wasser fassen und sie streicheln.
Was ist das Magische an dieser Insel?
Die Magie der Insel zeigt sich einem, wenn man nicht abgelenkt ist von Diskos, Cafés, Läden oder vom Strand. Sie zeigt sich auch überall, zum Beispiel, wenn eine Schlange über den Weg huscht oder der Abend kommt. Das ist eine ganz magische Zeit. In der Natur zu sitzen oder sich umzuschauen, dann glitzert der Wacholder. Das ist ein Glanz wie von Diamanten auf den Nadeln. Es ist dann die türkise Stunde, alles ist türkis. Wenn man das einmal erfasst hat, einfach da zu sitzen wie die Griechen unter der Pergola, dann rinnt die Zeit spürbar. Sie können nichts machen, nur sitzen, hören, fühlen. Die Insel ist ein Traum.
Es ist ein Reisebericht aus zwei Welten. Welche Welten meinen Sie?
Die erste Welt, das sind die Bilder bei der Ankunft. Man hat „Griechenland-Bilder“ im Kopf von weißen Häusern und üppigen Blumen überall. Und dann ist da kein schöner Platz. Nur Steine, Häuser mit Oregano-Büschen. Und Sie denken: Ich muss weg. Aber das Boot geht erst am nächsten Tag. Die andere Welt, das sind Déjà-vu-Erlebnisse. So habe ich bei der Ankunft einmal drei Boote gesehen, schwarz beflaggt und ich kriege einen Flash. Ich dachte an die Sarazenen-Bucht, die es auf Gavdos gibt. Da kommt mir Stavros entgegen, der ein Bein verloren hat. Das waren die Sarazenen bei einem Überfall, denke ich! Nun, im heutigen Leben hat das einen anderen Grund. Auch die Einheimischen haben mir davon erzählt. Ich habe entdeckt: Man reist dahin, zu dem man eine Affinität hat.
Sie hatten Déjà-vu-Erlebnisse. Erzählen Sie uns davon.
Ich bin überzeugt davon, dass viele Menschen das kennen. Aber sie beachten sie nicht, sie denken vielleicht: Das kommt mir bekannt vor. Aber man sollte dem nachgehen, sich fragen, was dahintersteckt. Positiv oder negativ. Das sind Einflüsse von anderen Dimensionen. Déjá-vu ist für mich Reinkarnation. Ich weiß, dass ich auf der Insel schon einmal gelebt habe. Der Mensch ist fähig, Reinkarnationserlebnisse zu realisieren und zu verarbeiten, das glaube ich.
„Es gibt keine Zufälle“, schreiben Sie auf der letzten Seite des Buches. Was, glauben Sie, hat Sie nach Gavdos geführt?
Neugierde! Das ganze Leben ist eine Herausforderung. Ich saß auf Kreta in einem Café, plötzlich stieg eine Insel aus dem Meer, das war Gavdos. Da darfst du nicht hin, sagte mein Bekannter. Natürlich bin ich dann hingefahren, das Boot ging am nächsten Tag. Als ich da war, ging ich fast in die Knie, so schlimm fand ich es.
Wenn Sie zurückblicken – was nehmen Sie aus Ihrer Zeit auf Gavdos mit?
Die vielen Freunde, die Natur. Das ist meine Heimat, meine wichtigste zweite Heimat. Dort fühle ich mich wohl, obwohl es dort so karg ist. Aber die Natur, die spricht. Das sind meine Wurzeln. Früher wollte ich auf der Insel leben, aber es kam nie dazu. Ich habe gemerkt: Die Welt ruft noch. Auch der Schwarzwald ruft, da bin ich her. Ich habe mich entschieden. Auf Gavdos gibt es noch ein Häuschen, das gehört meiner Freundin und mir. So fahre ich immer wieder für ein paar Tage hin. Die Menschen auf der Insel sind arm, sie brauchen nicht viel. Da lebt man automatisch auch so.
Wie sehen Sie die Insel heute?
Ich bin froh, dass das Europäische Naturerbe die vorgelagerte Insel hat erhalten können. Dort wollte die Wirtschaftindustrie Container aufstellen und den größten Umschlagplatz für Schiffe einrichten. Da dachte ich: Jetzt ist es Zeit für mein Buch. Nur auf Gavdos finde ich Ruhe. Es ist ein Traum, auch heute noch gibt es dort stille Plätze.
Sie waren in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit nicht sehr präsent. Was haben Sie gemacht?
Ich war öfter auf Bali, im asiatischen Raum. In New York habe ich meine Prüfung zur Tai-Chi-Lehrerin gemacht. Und ich war in Thailand: Meine Tochter ist ja Tänzerin, sie hat dort Unterricht genommen. Ich arbeite, spare Geld und dann bin ich weg. Ägypten ist eine Offenbarung gewesen. Ich habe jede Herausforderung angenommen. Das macht das Leben spannend.
Bereuen Sie etwas?
Wenn ich heute die Welt sehe, wie kaputt sie ist und wie die Menschen leiden, wäre ich heute gern Arzt. Ich würde Geld sammeln, wie Sean Penn für Haiti. Ich habe immer jemanden an der Hand, dem ich auch hier helfen kann, so wie jetzt gerade auch.
Haben Sie vor, weitere Bücher zu schreiben?
Ich habe schon ein weiteres Buch fertig, über die Anfänge der Technoszene, den Zauber der Freiheit: „I'm a raver, baby“. Ein weiteres handelt von der Geschichte einer Freundschaft. Dabei geht es um meine chinesische Lehrerin, es heißt „Tai-Chi entdeckt Europa“. Außerdem habe ich Burgen-Geschichten fertig.
Was ist Ihr größter Wunsch?
Ich möchte wahnsinnig gern nach Indien, nach Madras, in die Palmblattbibliotheken. Für mein diesseitiges Leben würde ich gern einiges wissen. Es gibt ein Wissen auf unserer Erde, das mich sprachlos macht. Es ist wieder die Neugierde, die mich umtreibt. Es gibt ein schönes Sprichtwort „Auf zu neuen Ufern“.
Fragen: Uthe Martin