Bei einem großangelegten Gewinnspielbetrug sollen im gesamten Bundesgebiet mehr als 19 Millionen Euro unrechtmäßig abgebucht worden sein. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Bielefeld sieht in Markus W., einem ehemaligen Todtmooser Hotelbetreiber, den Kopf der Bande.
Seit 29. Juli befindet sich der Schweizer in Untersuchungshaft. Bereits im April war W.'s Hotel von Ermittlungsbeamten durchsucht worden (wir berichteten).
„Das ist ein ganz großes Rad“, sagt der Bielefelder Oberstaatsanwalt Klaus Pollmann. Unter Verweis auf ein angebliches Gewinnspiel sollen Mitarbeiter von vier Callcentern in Bielefeld und Paderborn durch Anrufe bundesweit telefonisch Kontodaten erschlichen haben. Danach sollen ohne erkennbare Gegenleistung Lastschriften getätigt worden sein – über 300 000 allein zwischen Mitte 2009 und Anfang 2010. Pollmann: „Meist handelte es sich um kleinere Beträge, in der Regel 55 Euro. In einzelnen Fällen wurde mehrmals abgebucht – bis in den vierstelligen Bereich.“
Zwar buchten zwei Fünftel der Geschädigten die Lastschriften wieder zurück, so Pollmann. Es seien aber „Gelder im Millionenbereich“ auf Konten von Firmen verblieben, für die W. mitverantwortlich sei, so der Vorwurf. In einem Bericht über den mutmaßlichen Millionen-Betrug nennt das Westfalen-Blatt konkret die Schweizer Firma TFH. Die AG ist eingetragen im Handelsregister des Kanons Zug, mit W. als Mitglied des Verwaltungsrats. Die TFH ist nur eine von vielen Firmen, bei denen der gelernte Treuhänder seine Finger im Spiel hat. 29 aktuelle und ehemalige Einträge finden sich unter seinem Namen allein im Handelsregister Schwyz, W.'s Heimatkanton. In Deutschland fungierte der 47-Jährige unter anderem als Geschäftsführer einer Todtmooser Hotelgesellschaft. Die Betriebsführung des im Besitz einer ebenfalls schweizerischen Invest-Gesellschaft befindlichen Hauses ging zum 1. Mai auf einen anderen Betreiber über.
Mittelbar scheint der mutmaßliche Millionenbetrüger wegen einer offenen Lohnforderung von wenige hundert Euro im Knast gelandet zu sein. Das Arbeitsgericht Lörrach hatte W. an dessen Schweizer Wohnsitz Morschach die Ladung zu einer Verhandlung am 29. Juli zugestellt. Der Beklagte erschien. Arbeitsrichter Claus-Peter Wahl berichtet, W. habe die Forderung seiner ehemaligen Angestellten sofort anerkannt und sich kooperativ verhalten. „Ich würde mir mehr solche Prozessbeteiligte wünschen“, sagt der Richter über den Schweizer, den die Polizei wenige Stunden nach der Lörracher Verhandlung in Waldshut festnahm.
In Todtmoos, wo W. seit Juli 2006 ein Hotel mit 120 Betten betrieben hatte, ist sein Ruf weniger gut. Nicht nur ehemaligen Angestellten schuldet er Geld, auch bei Handwerkern und Lieferanten sind Rechnungen offen – und bei der Gemeinde. Von Außenständen im fünfstelligen Bereich für Wassergebühren und Kurtaxe wird erzählt. Bürgermeister Herbert Kiefer will dazu prinzipiell keine Stellung beziehen: „Ich rede in der Öffentlichkeit nicht über Rückstände von Privatpersonen.“ Indirekt bestätigt der Bürgermeister die Außenstände aber: „Wir versuchen alles, dass das Geld kommt. Ich bin da auch guter Dinge. Denn für einen gewissen Teil haftet der Eigentümer.“
Touristen, die Übernachtungsgutscheine für W.'s ehemaliges Hotel erworben haben, kommen mit ihren offenen Forderungen wahrscheinlich weniger gut weg als die Gemeinde. Allein über den Internet-Reisevermittler Animod hat W. seit Juni 2008 rund 2000 Übernachtungsgutscheine verkauft und abzüglich einer Provision das Geld dafür erhalten. Doch seit 1. Mai können die Gäste die Bons nicht mehr einlösen – das Hotel hat einen anderen Betreiber. Weder die Käufer noch Animod hatte W. darüber informiert. Animod-Sprecher Daniel Jamroz schätzt, dass nicht mehr einlösbare Gutscheine im Wert von 80 000 bis 100 000 Euro im Umlauf sind. Wie bereits einige Käufer hat auch Animod, das sein Image geschädigt sieht und deswegen Kunden verlor, Strafanzeige gegen W. erstattet.
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