Auch die meisten Chöre dieser Welt haben "Va, pensiero" (Flieg, Gedanke), diesen Chor der Klage und Hoffnung, in ihren Wunschkonzerten. Es ist die heimliche Nationalhymne Italiens, die Giuseppe Verdi hier geschrieben hat. Noch heute steht dieser berühmte patriotische Chor mit seiner kraftvollen Melodie und seinem zündenden Rhythmus im Mittelpunkt dieser Oper. Man wartet geradezu auf die Stelle im dritten Akt.
Seit Jahren sieht man diese großbesetzte Freilichtproduktion von Nabucco in zwei Besetzungsvarianten, einer polnischen und einer tschechischen. Im Dreiländergarten Weil am Rhein war sie schon zu erleben, und am Mittwochabend wurde für die Aufführung der Festspieloper Prag die obere Marktgasse in der Schweizer Zähringerstadt für dieses Historiendrama bestuhlt.
Die Altstadt ist ein schönes Ambiente für so ein Opernspektakel. Die Bühne war direkt vor dem historischen Rathaus aufgebaut, die Orchestermusiker saßen wetterfest unter zwei Zeltdächern, und im Publikum herrschte eine erwartungsvolle Stimmung. Akustische Abstriche musste man keine machen. Die technische Übertragung war durchaus akzeptabel, der Klang verlor sich nicht, sondern war in der engen Gasse zwischen den Häusern präsent, und das Orchester deckte Chor und Solisten keineswegs zu. Natürlich ist diese Inszenierung etwas "touristisch", was die traditionelle Kostümierung betrifft, und auch von der Personenführung her blieb es eine typische Steh- und Rampenoper im alten Regiestil mit statisch wirkenden Massenszenen. Aber wie so oft bei osteuropäischen Produktionen überzeugten die kraftvollen Stimmen.
Auch die Sängercrew dieser Abendbesetzung konnte sich für die Aufführung unter Freilichtbedingungen auf belastbares Stimmmaterial und beachtliche Stimmfülle stützen. Und ging damit nicht zimperlich um, wenn auftrumpfende Effekte angesagt waren. Zwar fanden sich keine ausgesprochenen italienischen Belcanto-Spezialisten im Tournee-Ensemble, dafür konnten die Tschechen ein tragendes, machtvolles Stimmpotential vorweisen. Während in den männlichen Rollen die stimmliche Präsenz vorherrschte, war die weibliche Besetzung nicht immer rücksichtsvoll gegenüber Tonschönheit und Tonhöhe. Aber dafür boten die Damen in den Hauptrollen starke musikdramatische Effekte bei der Bühnenaktion.
Im Mittelpunkt dieses "Dramma lirico" steht das "schöne Luder", die für Nabuccos Tochter gehaltene bösartige Abigaille, in deren schwieriger Partie Dasa Zaludková mit dramatischem Sopran ein Feuer entfachte. Der tiefe Bariton von Richard Haan in der Titelrolle machte besonders in Nabuccos Wahnsinnsanfall Eindruck, ebenso wie der heldische Tenor von Michal Vojta als Ismaele. Bühnenbeherrschend war der Zaccharias von Jurij Kruglov, der in seiner Soloszene Würde ausstrahlte.
Die kollektive Handlung kommt den Chören entgegen, und so konnte der Festivalchor Prag mit viel Emotionalität die Geschichte weitertragen. Den Überblick zwischen Bühne und Orchesterzelt behielt der musikalische Leiter Martin Doubravský. Die Musik knistert unter diesem Dirigenten, der dem Begleitrhythmus Schwung verlieh und für die Klangentfesselung sorgte. Das Orchester der Festspieloper Prag brachte sich schon in der fetzig hingelegten Ouvertüre und den kriegerischen Märschen mit sauberem und energievollem Spiel ein und ließ in schönen Einzelepisoden (wie dem Einsatz der Violoncelli im Gebet des Zacharias) aufhorchen.
Bei diesem Fest der Stimmen und der lauen Sommernacht wehte ein Hauch von Verona durch die Marktgasse und das Verdi-Fieber entlud sich am Schluss in phonstarken Beifallsjubel. Auf dem Nachhauseweg sang man den Gefangenenchor zwar nicht – wie nach der Uraufführung – auf der Straße, man hatte ihn aber im Ohr.
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