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Rheinfelden/Freiburg Amokfahrt vor Gericht: Gutachter schließt Tat im Affekt nicht aus

35-jähriger Angeklagter steht wegen versuchten Mords vor Gericht. Ein Gutachter befasst sich am dritten Verhandlungstag ausführlich mit dessen Persönlichkeit.

„Auch normale Menschen können durch besondere Situationen von ihren Affekten mitgerissen werden, denen sie dann nichts entgegenzusetzen haben.“ Das merkt der Psychiater im versuchten Mordprozess Rheinfelden am dritten Verhandlungstag in seinem Gutachten zur Persönlichkeit des 35-jährigen Angeklagten an und schließt einen Affekt nicht aus.

Es geht in diesem Prozess nicht um die Frage, wer am Steuer des Wagens saß, der am 18. Oktober 2016 im Mundiweg einen Mann mit rund 50 Stundenkilometer in einem Vorgarten umgefahren hat und dann gegen eine Hausmauer geprallt war. Ärzte haben das Leben des Schwerstverletzten gerettet. Der Angeklagte hat gestanden, den Wagen gesteuert zu haben. Weil er ihn objektiv auf seine ehemaligen Partnerin und ihren neuen Partner zugesteuert hatte, geht die Anklage von versuchtem Mord in zwei Fällen aus.

Es geht vielmehr um folgende Fragen: Wollte der Angeklagte mit seiner Fahrt überhaupt töten, war er möglicherweise in seiner Schuldfähigkeit erheblich eingeschränkt? Um Antworten zu finden, hat Verteidiger Marc Jüdt die ehemalige Partnerin seines Mandanten am Freitag eingehend befragt. Sein Mandant behauptet, seit Ende April 2016 bei der Zeugin in in Rheinfelden gewohnt zu haben und jeden Tag zur Arbeit nach Zürich gefahren zu sein. Sie widerspricht, sagt, dass sie sich im Januar 2016 von ihm getrennt habe und für zwei Monate in Frankfurt zur Schule gegangen sei. Sie habe seine permanente Überwachung nicht mehr aushalten können. Dennoch sei er nahezu täglich von Zürich nach Frankfurt gependelt, um sie auf der Straße abzupassen. Als sie im April 2016 in Rheinfelden eine Arbeitsstelle und ein Zimmer bekam, sei er täglich gegen ihren Willen auch dorthin gekommen.

Der Verteidiger will wissen, wie klar sie seinem Mandanten gemacht habe, dass sie nichts mehr von ihm wolle. Er fragt nach dem letzten Intimverkehr und erfährt, dass er im Juni 2016 gewesen sei. Die Frau antwortet, dass sie aus Furcht vor seinen Aggressionen ihn immer wieder in ihre Wohnung gelassen habe. Gewohnt habe er dort nicht. Er habe die Trennung einfach nicht akzeptiert. Am 9. September 2016 war er ausgerastet, hatte ihr mit Schlägen und Tritten drei Rippen gebrochen.

Am 13. September verhängte das Amtsgericht Lörrach ein Annäherungsverbot. In den fünf Wochen bis zur Unglücksfahrt ließ er sich nicht mehr sehen, schickte nur eine einzige SMS. Sollte er endlich verstanden haben? Der Psychiater konnte sich in seinem Gutachten am späten Freitagnachmittag noch nicht festlegen. Zu widersprüchlich seien die Informationen, die letztlich das Gericht bewerten müsse. Leidet der 35-Jährige unter einer narzisstischen Störung, kann er ohne Anerkennung durch die Partnerin nicht bestehen? Ist er rasch gekränkt und gerät in Wut? Liegt eine Störung von Krankheitswert vor, eine Abhängigkeit von der Partnerin? Dann könnte er sich selbst zerstört fühlen, wenn die Beziehung zerbricht. Das alles sei im Grunde zu bejahen, sagt der Sachverständige, doch er habe Zweifel, ob die Störungen schwer genug für erhebliche Verminderung der Schuldfähigkeit sind.

Raste der Angeklagte in einem hochgradigen Affekt auf die Beiden zu? Dafür müsste eine Wut aus dem Nichts, rechtwinklig und unkontrollierbar in ihm hochgestiegen und nach der Tat ebenso schnell in sich sich zusammengebrochen sein. Affekttäter bleiben in der Regel beim Opfer, leisten Erste Hilfe. Sie sind verzweifelt, wenn sie erkennen, was sie getan haben. Der Angeklagte war geflüchtet und hatte sich zwei Tage später gestellt. Ein Fazit des Gutachters lautet: Sollte der Angeklagte erst im Mundiweg realisiert haben, dass der Mann, der seine ehemalige Partnerin im Mundiweg abholte, ihr neuer Freund ist, dann könne er einen Affekt und eine erheblich eingeschränkte Schuldfähigkeit nicht mehr ausschließen. Am Dienstag wird sich der Psychiater erneut Fragen der Prozessbeteiligten stellen. Am Mittwoch soll der Prozess enden.

Der erste Prozesstag zum Nachlesen.

Der zweite Prozesstag zum Nachlesen.

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