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Lörrach Misstrauen gegen Islam wächst

Udo Steinbach plädiert in einem Vortrag für eine Begegnung „auf Augenhöhe“

Bild: Bild: seh

Lörrach (seh) Das von den Schweizer Stimmbürgern erwirkte Minarett-Verbot spülte für begrenzte Zeit an die Oberfläche, was in weiten Teilen der Bevölkerung auch in Deutschland schwelt: Das Misstrauen gegen den Islam. Ist die „Islamophobie“ gewachsen? Ja, sagt Professor Udo Steinbach, langjähriger Direktor des Orient-Instituts und derzeit Gastdozent in Basel, der jetzt zu einem Vortrag in der Lörracher Stadtbibliothek war. Das Thema ist von großem Interesse, der Veranstaltungsraum der Bibliothek war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die deutsche Gesellschaft befinde sich in einer„historischen Situation“, führte Steinbach aus.

Mit der Migration (auch) aus islamischen Ländern kamen andere Gesellschaftsmodelle und Lebensentwürfe ins Land, ohne dass politisch darauf reagiert wurde – das, erklärte der Wissenschaftler, war und ist „nicht leicht zu verkraften“. Die Migration fiel in eine Zeit, da der Islam zu neuem Selbstbewusstsein fand, während in Europa die Verunsicherung wuchs. Vollends der 11. September 2001 weitete eine Kluft, die ohnehin angelegt war. Parallelgesellschaften entstanden, Stereotypen verfestigten sich. Die Wahrnehmung des Islam in der westlichen und auch in der deutschen Öffentlichkeit wurde so negativ, wie sie weithin heute noch ist. Soweit der beunruhigende Befund.

Freilich gab es seither ein paar Weichenstellungen, die Mut machen, erklärte der Referent. Die Erkenntnis, dass Deutschland Einwanderungsland ist, dass viele der Migranten bleiben werden und die deutsche Gesellschaft darauf auch angewiesen ist, gehört dazu. Die deutschen Muslime werden damit „Bestandteil der Gesellschaft“, immer mehr von ihnen gelingt der Aufstieg. Beide Seiten begegneten sich mehr und mehr auf Augenhöhe – „das Ende der anatolischen Froschperspektive“ nannte Steinbach das. Dass immer mehr Moscheen sichtbar in den Städten stünden, gehöre selbstverständlich dazu: „Indem die Gesellschaft die Moschee sieht, sieht sie den Mitbürger anders“.

Positiv bewertete Steinbach deutschsprachigen Islamunterricht und theologische Fakultäten, die zeigten, dass „der Islam hier angekommen ist“. Die Notwendigkeit einer Erneuerung werde auch Menschen muslimischen Glaubens klar – wiewohl nur langsam. Steinbach leugnete nicht, dass die Entwicklung eine Schnecke ist und die Widerstände auf beiden Seiten beträchtlich sind. Eine große Leistung werde hier wie dort gefordert: Eine Integration zweier Kulturen, bei der beide „das Essenzielle an Wertvorstellungen nicht aufgeben“. Hilfreich wäre schon, wenn der Islam nicht beständig in einem „schrägen Licht“ dargestellt werde, focussiert auf „Ehrenmorde“, die mit dem Islam nichts zu tun hätten, auf Kopftuchdebatten oder Jugendkriminalität. Das „Kollektiv der Muslime“, das es in der Realität nicht gebe, werde negativ belegt, meint Steinbach. Natürlich habe das auch mit dem Verhalten eines Teils der Moslems und mit Entwicklungen in der islamischen Welt zu tun – dennoch sei es frustrierend, wie wenig das Positive zum Tragen komme. Steinbach: „Von einer Normalität sind wir noch weit entfernt“. Minarett- und Kopftuchverbote hält er für kontraproduktiv, und auch das Entfernen aller religiösen Symbole aus Klassenzimmern müsse „offen diskutiert“ werden. Freilich müsse auch die islamische Welt endlich beginnen, die Religionsfreiheit und die Menschenrechte ernst zu nehmen.

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