Laufenburg Lieber Gefängnis als Handwerkskammer
Er zahlt den Jahresbeitrag für seinen Ein-Mann-Betrieb in Laufenburg nicht mehr. Am Mittwoch kam der Gerichtsvollzieher nach Dogern, wo der Kammer-Rebell mit seiner Familie lebt, um 600 Euro ausstehende Beiträge einzutreiben. Insgesamt mahnt die Kammer über 2500 Euro an. Strittmatter will aus Prinzip nicht zahlen: „Ich ziehe das durch bis zum bitteren Ende. Eher gehe ich in den Knast.“
Der Maschinenbaumechanikermeister und -techniker sieht keinen Sinn in einer Mitgliedschaft in der Berufskammer: „Seit August 1999 habe ich meinen Betrieb hier in Laufenburg. In all dieser Zeit habe ich noch keinen einzigen von denen hier gesehen!“
1200 Euro Beitrag und Ausbildungsfinanzausgleich muss Strittmatter derzeit jährlich an die Kammer entrichten. „Mit diesem Geld kann ich einen schönen Urlaub zusammen mit meiner Familie verbringen.“ 70 Stunden arbeitet der Handwerksmeister in der Woche, sieben freie Samstage hatte er vergangenes Jahr. Und eine Woche Urlaub.
Exakt in dieser Woche Anfang September 2009 war Kammer-Geschäftsführer Georg Hiltner am Hochrhein, um mit Strittmatter und sechs anderen Rebellen zu reden. Die Handwerker hatten Anfang 2009 untereinander vereinbart, Widerspruch gegen ihre Beitragsbescheide einzulegen und kein Geld mehr zu zahlen. Nach dem Gespräch mit dem obersten Kammer-Repräsentanten wurde einer der Handwerker aufgrund der wirtschaftlichen Lage seines Betriebs als Härtefall eingestuft und der Beitrag von 1800 auf 190 Euro reduziert. Die anderen lenkten ein und zahlten. Nur Strittmatter, ein Enkel des legendären Hotzenvaters Gustav Huber, gibt nicht klein bei: „Wenn jemand in die Handwerkskammer will, soll er eintreten und Beiträge zahlen. Ich will das nicht.“
Im Oktober schickte die Kammer Strittmatter eine letzte Zahlungsaufforderung, im Dezember kam erstmals der Gerichtsvollzieher.
Die Kammer in Konstanz erklärte, sie betreibe solche Vollstreckungen natürlich nur ungern und als allerletzte Maßnahme. Man komme den Mitgliedern in Härtefällen bei der Beitragshöhe so weit wie möglich entgegen. Doch die Handwerkskammer sei eine Solidargemeinschaft, die darauf angewiesen sei, dass alle entsprechend ihrer Wirtschaftskraft ihren Teil beitrügen. Wer nicht zahle, schade der Kammer und damit seinen Handwerkskollegen.
Die Kammern und ihre Kritiker
Berufskammern: Die Angehörigen vieler freier Berufe (z.B. Ärzte, Apotheker, Architekten) sind in Deutschland in Kammern organisiert, die Körperschaften öffentlichen Rechts sind und berufsständische Selbstverwaltung wahrnehmen wie zum Teil staatliche Aufgaben erfüllen. Mitgliedschaft ist meistens für Berufsangehörige Pflicht.
Handwerkskammer Konstanz: Der Handwerkskammer Konstanz, einer von 53 Handwerkskammern bundesweit, gehören 11 500 Handwerksbetriebe in den Landkreisen Konstanz, Schwarzwald-Baar, Tuttlingen, Rottweil und Waldshut mit rund 70 000 Beschäftigten an. Die Kammer betreibt die Bildungsakademien in Konstanz, Rottweil und Waldshut, die Berufliche Bildungsstätte Tuttlingen und das Management- Zentrum Villingen.
www.hwk-konstanz.de
Kritiker: Immer mehr Betroffene lehnen die Zwangsmitgliedschaft in den Kammern ab. Organisiert sind einige im Bundesverband für freie Kammern. Sie beklagen Aufgabenüberschreitung, Verschwendung von Mitgliedsbeiträgen und die unzulässige Wahrnehmung eines allgemeinpolitischen Mandats. Laut Handwerkskammer Konstanz verweigern sieben Mitglieder die Beiträge.
www.bffk.de

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