Bonndorf/Wutach (gud) Rund 17 Stunden sind die Milchbauern auf den Beinen, wenn Sie abends todmüde ins Bett fallen. Die Arbeit auf ihren Höfen, zumeist mit Frau, zuweilen den Söhnen und auch den Eltern, Produktionskosten, die den Erlös bei Weitem übersteigen und Schulden trieben sie in den vergangenen Wochen dennoch auf die Straße, in Bonndorf vor das Rathaus. Den Platz hatte der Bürgermeister ausdrücklich zur Verfügung gestellt.
Das achte Mahnfeuer in Folge wurde dort am vergangenen Mittwoch entzündet, das erste nach den Wahlen. Bekanntlich wäre das Ergebnis dieser Wahlen eines, das normalerweise die Meinung der Landwirte widerspiegeln würde, so Philipp Käppeler aus Boll, stellvertretender Kreisteamleiter im Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM). Wenn er allerdings jetzt die vielfach neoliberalen Töne von freiem Markt und freiem Wettbewerb höre, werde es ihm himmelangst.
Gerade die Deregulierung, der stückweise und ihrer Ansicht nach viel zu schnelle Abbau der Milchmengenbegrenzung durch Quotenregelung habe die Bauern in die verheerende Lage gebracht. Dabei wären sie eine viel größere Masse, als die der Arbeitnehmer, die beispielsweise bei Opel die Politik zum Eingreifen bewegt hat. Rund 100 000 Erzeuger allein im Milchviehsektor in Deutschland wären eine Macht, der sich eben auch die Politik stellen müsste, wenn sie sich nur einig wären, sagt der engagierte Landwirt.
„Die Solidarität ist zum Teil beschissen“, erklärt Käppeler. Wobei er zugibt, dass viele keine andere Wahl haben. „Ein Drittel der Milchviehbauern hat aufgegeben“, so Cornelius Güntert aus Lembach, der als Biolandwirt 50 Milchkühe hält und Getreide anbaut. Ein weiteres Drittel, meint er, sei nicht mehr zahlungsfähig und das letzte Drittel sei das, das nun noch protestiere.
Es herrscht Zustimmung bei dem schrumpfenden Häuflein aufbegehrender Landwirte und Ratlosigkeit. Solange die Lebensmittel nicht knapp würden, wäre auch keine Wertschätzung für ihre Produkte zu erwarten. Über Naturkatastrophen und Hungersnöte wird gesprochen, wohl wissend dass die auch nur kurzfristig „helfen“ würden.
Das mahngebietende Feuer scheint an diesem Abend der Stimmung der standhaften Protestler zu entsprechen. Es raucht mehr als dass es brennt. Dabei ist die Problematik mit dem drohenden Sterben der Milch erzeugenden Betriebe keineswegs beendet.
Cornelius Güntert, als Biolandwirt einer, der sich vor Jahren auf einen Trend eingestellt und umgedacht hat, erlebt heute, in Zeiten da jeder Discounter Bio anbietet, die gleiche Zwickmühle. Die Preisgestaltung ginge vom Endprodukt aus und diktiere den Preis für den Rohstoff, egal, wie viel dieser in der Herstellung kostet.
Er nennt ein Beispiel: Der Lebensmittelhändler erzielt für ein Kilo Nudeln 2,70 Euro, ein Preis, festgelegt über den Erfahrungswert dessen, was der Verbraucher zu zahlen bereit sei.
67 Prozent davon beanspruche der Einzelhandel für sich. Von den verbleibenden 33 Prozent möchte der Großhandel dann noch 25 Prozent. Der Rest von sage und schreibe unter 25 Prozent des Endpreises sei für den verarbeitenden Betrieb, der den letzten Rest dann schließlich an den Rohstofferzeuger, den Landwirt zahle. Dieser wiederum habe keine Chance, irgendwie in Verhandlungen zu treten. Wenn der Einzelhandel durch ein zu hochpreisiges Ausgangsprodukt die Charge von 67 Prozent nicht erhalte, stellt er das Produkt gar nicht erst ins Regal.