„ Die Notarztversorgung, insgesamt die rettungsdienstliche Versorgung, ist im ländlichen Raum immer schwieriger sicher zu stellen, als im städtischen Raum“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) vom Kreisverband Freiburg, Wolfgang Schäfer-Mai. Lange Zeit habe es in ländlich strukturierten Gebieten mit den Bereichsnotärzten „ein gut funktionierendes System“ gegeben.
Diese niedergelassenen Ärzte mit Notarzt-Qualifikation fingen vieles auf, was in Ballungsgebieten von Notarztwachen geleistet wird.
Die Grenzen der Möglichkeiten im ländlichen Raum haben schlicht mit der Bevölkerungsdichte zu tun und zunehmend auch mit einer Überalterung, sprich dem viel zitierten demografischen Wandel. Dieser zeigt sich nicht nur in der Landbevölkerung, sondern auch bei den Ärzten. Wolfgang Schäfer-Mai: „Es ist ja ein Phänomen, dass es eine hohe Altersstruktur der Bereichsnotärzte gibt und dass es insofern absehbar ist, dass diese Versorgung auf dem Niveau schwieriger wird.“ Dabei ist die Rede von einem Versorgungsniveau, das eigentlich gesetzlich vorgeschrieben ist.
Das Rettungsdienst-Gesetz fordert, dass in 95 Prozent aller Fälle eine Zeit von maximal 15 Minuten zwischen Notruf und Eintreffen des Notarztes liegen dürfen, sofern der Einsatzort an einer Fahrstraße gelegen ist. Diese Hilfsfrist muss planerisch sichergestellt werden, durch die Zahl der Standorte der Rettungswachen und die Rettungsmittel. Die Situation im Landkreis Waldshut bezeichnen selbst die Praktiker als unzulänglich. Siegbert Michelmichel, Rettungsdienstleiter des DRK Hochschwarzwald, gibt zu: „Das ist nicht perfekt. Dadurch, dass das in einem ländlichen Bereich ist, mit sehr, sehr schwieriger Topografie, lassen sich diese geforderten 95 Prozent derzeit nicht erreichen. Wir liegen bei 83,4 für die Notarzteinsätze und bei 90,1 für die RTW (Rettungstransportwagen).
“ Dabei sehen sich Rettungsdienste damit dennoch an der Grenze des Erreichbaren. „Schnellere Transporte sind im Landkreis Waldshut sicherlich nicht möglich“, meint Wolfgang Schäfer-Mai. Fahrzeuge, Material und Ausstattung bezeichnet er als optimal. Das schwierige Gelände verhindere eine schnellere Hilfeleistung. „Es nützt niemandem etwas, wenn wir nicht ankommen.“
Zusätzlich zu Problemen, die eine dünne Besiedelung mit entsprechend langen, verwinkelten Wegen seit je her mit sich bringen, wird die Versorgungsqualität von mehreren neuen Faktoren negativ beeinflusst. „Die Menschen werden älter, entsprechend nehmen Situationen zu, in denen akute Hilfeleistungen erforderlich sind“, erklärt der DRK-Geschäftsführer Schäfer-Mai. Auch würden Rettungsdienste „den Rückgang der Krankenhäuser auf dem Land nicht kompensieren können“. Zudem geht die Zahl der Menschen zurück, die für die Rettungsdienste einsatzbereit sind. „Was uns zu schaffen macht, ist die Abschaffung des Zivildienstes. Genau aus dem Zivildienst heraus haben viele junge Menschen beschlossen, im Rettungsdienst tätig zu sein“, erläutert Rettungsdienstleiter Siegbert Michelmichel.
Grafenhausen geht seit neuestem unkonventionelle Wege. Auslöser war eine Notsituation im Juli 2011. Damals gingen mehrere Notrufe gleichzeitig ein und es waren zu wenig Notärzte greifbar. Der örtliche, ausgebildete Notarzt, Markus Bohl, durfte keine Einsätze fahren, da sein Privatwagen nicht mit einem Funkmelder ausgestattet war. Laut Bohl kam die Gemeinde nach diesem Vorfall auf ihn zu und bot ihm an, ihn bei der Finanzierung des erforderlichen Statusmeldegerätes zu unterstützen. Die in Waldshut zuständige Rettungsdienstleitung genehmigte jüngst, was eigentlich nicht vorgesehen war. Seit Ende vergangenen Jahres ist der Privatwagen dieses Arztes mit einem Funkmelder ausgestattet, der ihn nun für Einsätze wieder ansprechbar macht. Die Gemeinde Grafenhausen sieht die Finanzierungspflicht zwar bei den Krankenkassen, hat mit 1000 Euro aber dennoch die Hälfte der Kosten übernommen. Der örtliche Vorsitzende des Roten Kreuzes, Eberhard Hummel, hat die zweite Hälfte spontan garantiert und vorgestreckt, in der Gewissheit, dass der Grafenhausener Bevölkerung diese Versorgungsverbesserung so viel Wert ist, dass er die Spenden schnell beisammen hat. Mit Recht. Eberhard Hummel brauchte die Werbetrommel nicht zu rühren. Das Geld war innerhalb von wenigen Wochen von selbst eingegangen.
Beispielhaft zeigt dieser Fall zweierlei auf. Erstens wird sich die Bürgergesellschaft zunehmend ihren Bedürfnissen stellen und aus eigener Kraft Lösungen finden müssen, die nicht mehr selbstverständlich von der öffentlichen Hand kommen, Steuern hin oder her. Außerdem sind alle öffentlichen Einrichtungen, bis hin zu den Kommunen selbst gefragt, wenn es darum geht, unkonventionelle Lösungen zu finden und damit den Standort attraktiv zu halten.
Bonndorf ist hier einen eigenen Weg gegangen. Ein Gesundheitszentrum wurde eingerichtet. Treibende Kraft war neben Bürgermeister Michael Scharf und dem Bauherren, der aus dem Gemeinderat stammt, der zugezogene Arzt, Wilfried Grohmann. Gemeinsam mit anderen Teilhabern und angestellten Ärzten hat er inzwischen ein Praxisnetz ausgebaut und ist regelmäßig in Wutach, Lenzkirch, Schluchsee und eben Bonndorf vor Ort. Dort haben sich in dem Zentrum Physiotherapeuten, eine Apotheke, soziale Einrichtungen wie die Familienhilfe niedergelassen.
Die Räumlichkeiten für eine Rettungswache hat die Stadt erworben und vermietet sie noch innerhalb dieses Frühjahres langfristig an den DRK-Rettungsdienst-Freiburg. Unterzeichner dieses Mietkaufvertrages wird Wolfgang Schäfer-Mai sein. Damit sind alle gesundheitsrelevanten Einrichtungen der Stadt unter einem Dach. „Das was hier in Bonndorf gemacht wird, ist sicher eines der Modelle der Zukunft“, so Schäfer-Mai, der in Anreizen für die Ansiedelung der Ärzte auf dem Land ganz allgemein einen Weg aus Versorgungsengpässen sieht.