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Bad Säckingen Neue Heimat am Hochrhein: Die Sorge um die öffentliche Sicherheit wächst

Der Zustrom von Flüchtlingen schürt bei der Bevölkerung Ängste – auch am Hochrhein. Verantwortlich sind oft subjektive Empfindungen, die sich mit den Fakten aber nicht immer decken. Hat zum Beispiel die Zahl der Verbrechen mit der Zuwanderung zugenommen? Wir haben nachgefragt

Die Übergriffe auf Frauen in Köln und die Vergewaltigung zweier junger Mädchen in Weil am Rhein jeweils in der Silvesternacht haben auch am Hochrhein für Betroffenheit gesorgt. Die öffentliche Diskussion wird immer wieder von der Frage beherrscht: Geht die wachsende Zahl an Flüchtlingen auf Kosten der öffentlichen Sicherheit? Sicherheitsbehörden mahnen dazu, sachlich zu bleiben. Denn ein Blick in die Kriminalstatistik zeigt: „Flüchtlinge und Asylbewerber werden nicht überproportional straffällig“, sagt Albert Zeh, Leiter des Polizeireviers Bad Säckingen. Grund zur Sorge gebe es also objektiv nicht. Gleichwohl nimmt die Polizei Bedenken der Bevölkerung ernst.

„Natürlich hat sich auch in Bad Säckingen das Stadtbild deutlich verändert. Die neuen Bevölkerungsgruppen sind in der Innenstadt überall zu sehen“, schildert der Bad Säckinger Polizeirevierleiter Albert Zeh die Situation. Zugleich sei eine „latente Angst“ in Gesprächen immer wieder herauszuhören. Dabei habe sich die Sicherheitslage in der Region laut Albert Zeh bis jetzt nicht verändert.

Zwar habe die Kriminalitätsrate auch am Hochrhein um gut sieben Prozent zugelegt und gerade bei Diebstählen sei ein eklatanter Anstieg festzustellen. Dies aber auf den Zustrom von Flüchtlingen zurückzuführen, sei falsch, zumal diese erst während des Herbstes in großer Zahl in der Region angekommen sind. Sexualstraftaten, an denen Flüchtlinge beteiligt waren, wurden im Übrigen keine angezeigt, auch wenn Gerüchte über entsprechende Vorkommnisse kursierten, noch bevor in vielen Gemeinden überhaupt Flüchtlinge untergebracht waren. Der Polizei wurde immer wieder unterstellt, sie würde Verbrechen von Flüchtlingen vertuschen – ein Vorwurf, den Albert Zeh nicht gelten lässt: „Wir gehen allem nach und ergreifen nötigenfalls Maßnahmen. Aber das können wir nur dann, wenn Vorfälle angezeigt werden.“

Dennoch ist die Polizei auch immer wieder in Flüchtlingsunterkünften im Einsatz. Öffentlichkeitswirksame Vorkommnisse wie die Drogenrazzia am Donnerstag in Bad Säckingen und Albbruck seien dabei aber die Ausnahme, schildert Albert Zeh. „Zu 80 Prozent geht es um Streitigkeiten unter den Bewohnern.“ Die Gefahr derartiger Konflikte sei besonders hoch, wenn die Belegung einer Unterkunft vorwiegend aus jungen Männern zwischen 16 und 30 Jahren besteht, so Zeh.

In den Unterkünften für Frieden und Ordnung zu sorgen, ist Aufgabe von Sicherheitsdiensten, die in allen Einrichtungen im Einsatz sind. Stephan Geillinger, Geschäftsführer der Sicherheitsagentur Geillinger (SAG), etwa ist mit seinen Leuten in 23 Unterkünften in der Region aktiv. Er weiß: Kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern, sind Schnelligkeit und Fingerspitzengefühl gleichermaßen entscheidend. „Die Kunst ist es, durch frühes Einschreiten eine weitere Eskalation zu verhindern“, schildert er. Es gelte, nicht nur bestimmt aufzutreten, sondern auch vermittelnd auf die Beteiligten einzuwirken. Dazu gehöre auch, kulturelle Eigenheiten zu berücksichtigen: „Wir sensibilisieren unsere Mitarbeiter beispielsweise, dass die Bewohner während der Fastenzeit unter Umständen gereizter reagieren als sonst.“ Auch werden Wohnräume innerhalb der Einrichtungen nur dann betreten, „wenn es situationsbedingt notwendig ist“.

Dass Geillinger sich dabei auf ein kompetentes Team aus 45 Mitarbeitern mit entsprechenden fachlichen Qualifikationen und teilweise behördlicher Ausbildung sowie weiteren Subunternehmern stützen kann, wertet er als großen Vorteil: „Bis auf kleinere Auseinandersetzungen ist nie etwas vorgefallen.“ Allerdings stelle die Sprachbarriere in der Praxis durchaus immer wieder ein Problem dar. Zum Teil müssen dann Dolmetscher als Mediatoren eingesetzt werden, sagt Stephan Geillinger.

Auch wenn die Sorgen der Bevölkerung augenscheinlich also unbegründet sind: Die Polizei reagiert auf Ängste, etwa indem demonstrativ Sicherheitsmaßnahmen verstärkt werden. Während der Fasnachtstage werde die Polizei beispielsweise stärker präsent sein als früher, „auch wenn es objektiv nicht notwendig wäre“, so Zeh. Ohnehin raten Experten, Ängste in der Bevölkerung nicht pauschal mit Fremdenfeindlichkeit gleichzusetzen. Das gelte besonders auch für den Hochrhein, sagt Albert Zeh von der Polizei. Abgesehen von Hetzkommentaren in sozialen Netzwerken und vereinzelten Farbschmierereien habe die Polizei bislang keine Vorkommnisse mit möglicherweise rechtsextremem Hintergrund feststellen können. Die Stimmung sei in dieser Hinsicht nicht aufgeheizt. Dennoch behält die Polizei gerade soziale Netzwerke im Auge.

Grundsätzlich warnt Albert Zeh nach den Ereignissen von Köln vor überzogenen Reaktionen oder gar einer Instrumentalisierung: „Wir kommen nur mit einer sachlichen Einschätzung weiter.“ Voraussetzung dafür sei eine offene Informationskultur, gerade auch seitens der Behörden. Denn: „Akzeptanz lässt sich nur durch Offenheit erreichen.“ Eine hohe Bedeutung misst Albert Zeh aber einem guten Integrationsprogramm bei: „Sonst droht tatsächlich ein hohes Maß an Illegalität und schlimmstenfalls sogar die Entwicklung von Subkulturen.“

 

„Angst vor Fremden ist ein altes biologisches Erbe“

Maggie Schauer, Leiterin des Kompetenzzentrums für Psychotraumatologie an der Uni Konstanz, wirft einen psychologischen Blick auf die Angst vor Flüchtlingen.
Maggie Schauer, Leiterin des Kompetenzzentrums für Psychotraumatologie an der Uni Konstanz, wirft einen psychologischen Blick auf die Angst vor Flüchtlingen.

Warum haben Menschen Angst?

 

Angstgefühle gehören zu den Basis emotionen des Menschen. Sie steuern unser Sozialleben und unsere körperliche Unversehrtheit. Wir haben in der Psychotraumatologie in Konstanz gerade einen umfassenden Fragebogen erarbeitet, der diese Bereiche differenziert erfasst, denn viele Stressoren sind bedrohlich für uns und machen den Körper und die Psyche krank. Ja, Angstgefühle sollen das Verhalten einleiten, dass wir uns rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die meiste Angst spielt sich deshalb im Kopf ab, bevor etwas passiert.

Blickt man in die Statistik, begehen Flüchtlinge nicht mehr Straftaten als andere Bürger. Warum haben manche Menschen Angst vor Flüchtlingen?

Die Angst des Menschen vor Fremden ist altes biologisches Erbe. Um dieses Misstrauen zu überwinden, bedarf es kosmopolitischer Erfahrungen, viel individuellen Kontakt und eine grundsätzlich humanitäre Einstellung, schon bevor man auf den ersten Flüchtling trifft. Diese wird lange vorher gebildet durch die Sozialisation in Schule, Elternhaus und die gesellschaftliche Einstellung. Auch der Eindruck von Überforderung und Desinteresse der Regierenden für die heimische Bevölkerung schürt Ängste und mobilisiert Abwehr. Zunächst kommt es deshalb auf Überschaubarkeit und Kontrollierbarkeit des Zustroms von fremden Menschen an. Der Gastgeber erwartet Dankbarkeit. Fremde dürfen sich nicht selbst bedienen und sich etwas nehmen wollen. In vielen Ländern, in denen das der Fall ist, entsteht schnell Verärgerung und Furcht. So auch, wenn viele Menschen auf einmal kommen und möchten, dass wir unsere Ressourcen und Territorien mit ihnen teilen. Flüchtlinge stehen auf der Statushierarchie in Gesellschaften oft ganz unten. Deshalb gibt es ein eigenes Kommissariat bei der UN für sie.

Wovor haben Menschen im Zusammenhang mit Flüchtlingen Angst?

Es gibt in der Psychologie klassische Konzepte, die Einstellungen gegenüber Fremden beschreiben: Danach sind alle Menschen fremdenängstlich. Das heißt, Personen oder Gruppen, die wir nicht kennen, als andersartig wahrnehmen, die gefühlt oder real unsere Normen brechen, lehnen wir ab und wir grenzen diese Menschen aus. Andersverhalten wir uns gegenüber Menschen, die ähnlich aussehen, deren Dialekt, Kleidungsstil oder Religion wir teilen, diese Menschen nehmen wir schneller an. Das haben viele Deutsche am eigenen Leib erlebt, obwohl sie gleich aussahen und die Sprache konnten. Und schließlich ist die Sicherheitslage wichtig: Wenn die Kriminalität im Gastgeberland steigt oder Frauen sich nicht mehr sicher fühlen, steigt ebenfalls die Ablehnung gegenüber den Zugewanderten. Ob Menschen vor Flüchtlingen Angst haben, hängt auch von ihrer Bildung, interkulturellen Kompetenz und Welterfahrung ab.

Wie könnte man dieser Angst begegnen?

Durch das offene Angehen dieser Bereiche und eine aufgeklärte Erziehung. Die Politiker, die in Regierungsverantwortung sind, müssen für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen. Dazu zählt Schutz und Unterstützung genauso wie der demokratische Diskurs und die Informationspolitik. Deshalb ist psychologisch gesehen tatsächlich der Eindruck des zahlenmäßigen Verhältnisses bedeutsam. Aber auch das Interesse an fremden, neuen Menschen und kulturellen Einflüssen, wie die Diskrepanz in der gegenwärtigen Einstellung zwischen Alt und Jung deutlich zeigt: jüngere Menschen hierzulande sind (im Schnitt) weitaus offener Flüchtlinge aufzunehmen, als ältere. Wir hängen auf diesem Globus alle miteinander zusammen. Die Flüchtlinge wissen das, wir wissen das auch. Jeder Mensch hat ein Leben in Würde verdient. Man kann nicht die einen Ängste gegen die anderen abwägen. (mvö)

Schüren Vorfälle wie in Köln und Weil am Rhein zusätzlich die Angst? Das gesamte Interview:

www.suedkurier.de/plus

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