Sport: Was wird jetzt aus Schweinsteiger?

Bastian Schweinsteiger nach dem verlorenen Champions-League-Finale Bild: Federico Gambarini (dpa)
In einem Videospiel hätte man die Partie abgebrochen, alle Einstellungen auf Null gesetzt und von vorne begonnen, weil dieser Ausgang aus Münchner Sicht einfach nicht sein durfte, die Naturgesetze praktisch auf den Kopf stellte. Stattdessen aber stand Bastian Schweinsteiger tatsächlich apathisch da, vergrub sein Gesicht zunächst im Trikot, kniete dann im Mittelkreis, die Hände über den Kopf geschlagen, ein einziges Häuflein Elend. Gestandene Bajuwaren heulten mit ihm auf den Tribünen, andere blickten ins Leere wie der Bayern-Star, der sie vor dem Elfmeterschießen noch gestenreich zu lautstarker Unterstützung aufgefordert hatte, dessen Mitwirken doch allein wie ein Versprechen auf den Titel schien.
Schweinsteiger stoppte in der Bewegung, schoss dann, diesmal aber klatschte der Ball an den Pfosten, weil Chelseas Schlussmann sich lang und länger machte, die Fingernägel vielleicht hatte etwas länger wachsen lassen, so dass er die Flugbahn der Kugel wahrscheinlich noch entscheidend änderte. Wenige Sekunden später machte Drogba es besser und damit den Traum der Bayern zunichte, die in ihrer langen Vereinsgeschichte erstmals im Elfmeterschießen die Niete zogen.

Dass ausgerechnet Schweinsteiger als tragische Figur in Erinnerung bleiben wird, ist dabei so ungerecht, wie der Fußball manchmal eben sein kann. Der 27-Jährige, nach seiner langen Verletzungspause in dieser Saison noch immer weit von seiner Bestform entfernt, handelte sich wegen eines völlig überflüssigen Handspiels zwar früh eine Gelbe Karte ein, führte danach aber die Regie im Spiel der Gastgeber. Schweinsteiger kämpfte, ließ sich trotz konditioneller Probleme nicht auswechseln, behielt den Kopf auch oben, als Drogba in der 88. Minute zum Ausgleich traf und Arjen Robben in der Verlängerung die mögliche Vorentscheidung vom Elfmeterpunkt aus vergeben hatte. Und er übernahm auch im Elfmeterschießen Verantwortung, als die Mehrzahl seiner Teamkollegen schon lange das verloren hatten, was eben auch einem Schweinsteiger manchmal abhanden kommen kann, was man nicht immer rechtzeitig wieder findet.
Erneut eine Finalniederlage, wieder den großen Wurf verpasst, mit dem Basketball-Fan Schweinsteiger seine Treffer zuletzt gerne gestenreich bejubelte. „Ich habe selber mal einen wichtigen Elfmeter verschossen und das muss man sacken lassen. In ein paar Tagen schauen wir, wie es weitergeht“, nahm Bayern-Präsident Uli Hoeneß, der 1976 im EM-Finale gegen die Tschechoslowakei den Ball im Elfmeterschießen über das Gehäuse gesetzt hatte, Schweinsteiger in Schutz. Diese letzte Variante der Entscheidung sei eben ein Glückspiel, pflichtete Trainer Jupp Heynckes bei. „Basti hat uns in Madrid ins Finale geschossen. Er wird die heutige Enttäuschung irgendwann wegstecken, aber das wird einige Tage dauern.“ Zeit, die der 27-Jährige nicht hat, schließlich setzt auch Joachim Löw auf Schweinsteigers Einsatz und Qualitäten bei der anstehenden Europameisterschaft in Polen und der Ukraine.
Schweinsteiger selbst sagte nichts zu all dem, die Medaille für Rang zwei nahm er wie einen Strafzettel entgegen, als Chelsea feierte, war er bereits in der Kabine verschwunden. Mancher Bayern-Fan suchte da wohl noch immer vergeblich die Taste auf der Fernbedienung, mit der dieses Drama hätte annulliert werden können.
Und außerdem -- Geld verdirbt den Charakter. mehr ...