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Politik:  Lammfleisch und Fluglärm

09.02.2012


Noch sind es Komparsen, die dieser Tage den neuen Flughafen Berlin Brandenburg auf seine Tauglichkeit testen. Ab 3. Juni geht die Anlage in den Vollbetrieb über.

Statt bestellter Testpersonen werden dann echte Fluggäste in alle Welt starten. Schon vor diesem Termin sieht sich der Hauptstadt-Flughafen mit massiven Protesten konfrontiert. Das verbindet Berlin mit Frankfurt – dem wichtigsten Verkehrsplatz in Deutschland – und mit Zürich.

Die Anliegen der Gegner sind wichtig und verständlich. Kein Verkehrszweig hat sich so stark entwickelt wie das Fliegen. Doch was sich bewegt, erzeugt Lärm, der den Anwohnern in den Ohren kracht. Wackelnde Dachziegel, Schlafstörungen und erhöhter Blutdruck sind mögliche Folgen.

Der Widerstand gegen den Ausbau dieser Infrastruktur ist nicht neu. Gegen den Bau der Frankfurter Startbahn West ging die erste Generation der frühen Umweltbewegung auf die Straße. Neu sind die Formen des Widerstands, der bürgerlich geworden ist und sich auf lange Dauer einrichtet. Neu ist auch die bunte Mischung der Mitglieder. Sie stellt einen Querschnitt der Gesellschaft dar. Engagierte Jugendliche neben besorgten Großeltern. Andersartig auch ist der Kern des Protests: Er ist nicht mehr politisch, sondern persönlich. Nicht mehr die „Struktur“ berührt, wie das in den 80er Jahren hieß, sondern die eigene Betroffenheit. Nicht der Fluglärm ärgert, sondern dass man ihn selbst hört und nicht andere. Das strikt Individuelle hat die einstmalige Politisierung abgelöst.

Deshalb ist der wutbürgerliche Aufstand gegen durchsackende Lärmschneisen nicht weniger legitim. Er macht auf die gefühlten Grenzen des Wachstums aufmerksam. Allerdings kann man den organisierten Zorn von einer Doppelgesichtigkeit nicht freisprechen. Denn Fliegen dient heute nicht nur dem Luxus eines Fernurlaubs. Vor allem Geschäftsreisende und Luftfracht werden auf diesem Weg befördert. Lammfleisch aus Neuseeland ist verzichtbar, nicht aber die Waren der Zulieferer für große Hersteller. Der Ausbruch eines Vulkans auf Island zeigte 2010, wie abhängig manche Firma von diesem Transportweg ist. Nicht nur die Bänder der Automobilhersteller standen still. Interessant ist deshalb die Frage, wie viele Lärmgegner von der Wertschöpfung eines Flughafens profitieren – und sei es indirekt.

Gegen den Lärm, gegen die Schweiz Der deutsche Widerstand gegen Zürich-Kloten hat sein ganz eigenes Drehmoment. Er gilt nicht der Anzahl der Bewegungen, sondern deren Richtung. Die deutschen Nachbarn sehen sich schlechter behandelt als die Zürcher „Goldküste“. Die Klage ist verständlich, doch wäre sie auch so lautstark, wenn Kloten auf deutschem Grund stünde – wie zum Beispiel das still wachsende Friedrichshafen? Der Protest wirkt nur deshalb so plastisch, weil ein fremder Staat am anderen Ende der Leitung wacht. Anders als in Frankfurt mischen sich Anti-Schweizer Töne in das Anti-Lärm-Konzert. Exakt an dieser Stelle öffnet sich ein kausales Luftloch: Südbaden ist hochgradig mit den nördlichen Kantonen verbandelt. Deutsche nehmen dort lukrative Arbeitsplätze ein und den Franken mit. Schweizer tragen ihr gutes Geld fort und geben es bei „den Dütschen“ aus. Im Übrigen: Die Abgeordneten, die für ihre Wähler und gegen Kloten eintreten, geben ihre Bordkarte in Kloten ab – nicht im fernen Stuttgart.

Der Protest gegen die Verteilung der Lasten ist legitim. Doch die nationalen Untertöne helfen nicht weiter, ebenso der durchklingende Neid auf die „reiche“ Schweiz. Bei den Eidgenossen bewirken derlei Akzente das Gegenteil: Sie schalten auf stur und lassen die Wutbürger ins Leere laufen. Dann ist keinem gedient – außer dem Vorurteil vom vermeintlich Unbelehrbaren auf der anderen Seite des Rheins.

Politik
Umsatzsteuer-Erstattung
"Schweizer tragen ihr gutes Geld fort und geben es bei "den Dütschen" aus.
Auf- und Abrechnungen...
Über die Umsatzsteuererstattung könnte man schon nachdenken, doch das wäre eine finanzpolitische ...
Bravo Uli Fricker,
Ihr Kommentar benennt die Ursachen der ewig Unzufriedenen, die sich hier im Süden nicht mehr ...
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