Politik: Griechenland: Wir bösen Deutschen
Erhält Griechenland keine weiteren 130 Milliarden Euro Hilfe, ist das Land bis Ende März pleite. Foto: Orestis Panagiotou Bild: Foto: dpa
Einem Ertrinkenden zu helfen, kann gefährlich sein. Lebensretter kennen es. In Panik und Todesangst schlagen die Menschen um sich, klammern sich an ihre Retter und ziehen sie ungewollt mit in die Tiefe.
Griechenland verhält sich im Augenblick kaum anders. Dem Land steht das Wasser bis zum Hals: Bleibt frisches Geld aus Europa aus, ist die Staatspleite da. Dennoch wächst die Wut auf alle, die helfen wollen – vor allem auf die Kanzlerin in Berlin. Bei einer Demonstration vor der deutschen Botschaft in Athen wurde ein Plakat gezeigt, das Angela Merkel neben Adolf Hitler zeigt. Ein Fernsehmoderator erzielt allabendlich hohe Einschaltquoten mit Hasstiraden gegen Merkel, und ein Athener Privatsender zog kürzlich über Wirtschaftsminister Philipp Rösler her, als dieser Griechenland besuchte. „Was will dieser Deutsch-Japaner bei uns in Griechenland?“, lautete die bösartige Frage, um anschließend die Zuschauer an die deutsch-japanische Waffenbrüderschaft im Zweiten Weltkrieg zu erinnnern. „Das sind Nazis“, schloss der Sprecher.
Abgesehen davon, dass der Minister nicht japanischer, sondern vietnamesischer Abkunft ist: Das sind Entgleisungen, die man nicht für bare Münze nehmen sollte. In allen Krisensituationen nutzen Scharfmacher die Gunst der Stunde, um Gift zu verstreuen und die Menschen aufzuhetzen. So ist es in allen Völkern und Kulturen. Die zutiefst verunsicherte 10-Millionen-Nation an der Ägäis-Küste bildet keine Ausnahme: Auch Hellas hat seine Wutbürger. Es wäre einfältig, sich von ihnen die Sicht vernebeln zu lassen.
Wut auf die eigene Regierung Denn wahr ist auch: Mehr als über Merkel, die EU und die anmaßenden Teutonen fluchen die Hellenen über ihre eigene Regierung. Über Jahrzehnte haben sich die Politiker, quer durch alle Parteien, daran gewöhnt, ihre Wähler mit Geschenken zu überhäufen, ohne lange nach den Staatsfinanzen zu fragen. Jetzt sind die Kassen leer, die Schulden gewaltig und die Gesichter lang. Ohne ein entschlossenes, nüchtern durchgerechnetes Reformprogramm ist dem Land nicht zu helfen. Die griechische Gesellschaft lebt seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse. Jeder Rettungsversuch ist nur dann sinnvoll, wenn er diesen Zustand ändert, anstatt ihn festzuschreiben. Am Sparpaket führt für Athen kein Weg vorbei. Alles andere wäre in Europa nicht zu vermitteln, erst recht nicht den deutschen Steuerzahlern.
Erstaunlich bleibt, mit welcher Zähigkeit die politische Klasse in Athen sich gegen diese Einsicht sperrt. Noch im vergangenen Sommer schickte die Regierung Papandreou die Geldgeber von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds kalt lächelnd nach Hause, weil ihr die Bedingungen nicht behagten. Die Griechen taten, was sie am besten konnten: Sie pokerten. Die Europäer, so das Kalkül, würden einen Staatsbankrott so oder so abwenden, weil sie die Folgen für den Euro fürchteten. Die Nachfolge-Regierung ist nicht viel besser. Die Koalitionspartner setzten erst nach zähem Ringen ihre Unterschrift unter den Sparkontrakt. Der Entschluss kam nicht aus Einsicht zustande, sondern weil über allen Beteiligten das Damokles-Schwert der großen Pleite schwebte. Wirkliches Umdenken sieht anders aus.
Der Grund des Zorns Das zeigt, dass die Europäer in der Sache nicht locker lassen dürfen. Im Ton vielleicht schon. Wer mit 570 Euro Mindestlohn auskommen muss, will sich von anderen nicht vorwerfen lassen, sein Leben sei bisher eine Party gewesen. Die Partner im Süden der Euro-Zone waren bis vor wenigen Jahrzehnten arme Länder. Jetzt müssen sie sich an den bestürzenden Gedanken gewöhnen, dass die Armut zu ihnen zurückkehren wird. Die Folgen lassen sich düster ahnen. Wer kann, sucht sein Glück im Ausland. Wer dableiben muss, versinkt in seinem Zorn. Viele Griechen gehen auf die Straße, weil sie ihren Reststolz verteidigen wollen. Sie suchen Ventile – in Generalstreiks, in Protesten, im Extremfall auch in wütenden Ausfällen gegen die deutsche Kanzlerin. Vieles klingt mehr nach einem Hilferuf als nach einem Affront.
Die Antwort darauf kann nur eine europäische sein. Deutschland braucht sich von alten Nazi-Klischees nicht unter Druck setzen zu lassen, nur damit es das Scheckbuch zückt. Aber es sollte sich vor Herablassung hüten. Wer den Griechen vorschlägt, sie sollten doch ihre Inseln verkaufen, gießt nur Öl ins Feuer und treibt nationalistischen Parteien Wähler zu. Die fatalste Nebenwirkung der Schuldenkrise könnte in der Radikalisierung breiter Wählerschichten liegen. Sie wäre das Ende des europäischen Gedankens und würde auf dem Kontinent vieles hinunterziehen. Auch deshalb verbietet es sich, den Maulhelden das Feld zu überlassen.

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