Konstanz: Närrischer Einfall bei hitziger OB-Wahl
Ilse Grimm wollte bei der OB-Wahl 1957 lieber den . . . . als Bruno Helmle. Bild: Zoch
Wer bei der Oberbürgermeisterwahl am 1. Juli alles antreten wird, ist noch nicht bekannt. Wahrscheinlich wird es aber einige Wähler geben, denen keiner der Anwärter so richtig passt. In diesem Fall kann man bekanntlich seinen eigenen „Wunschkandidaten“ auf dem Stimmzettel notieren.
So machte das 1957 auch die damals 24-jährige Ilse Grimm. Den späteren Sieger Bruno Helmle wollte sie nicht, aber irgendwie auch keinen der anderen. „Ich war politisch völlig uninteressiert“, berichtet sie. Obwohl ihr Vater Julius Grimm (SPD) der dienstälteste Gemeinderat war. Allerdings schrieb die närrisch veranlagte junge Frau nicht den Namen eines anderen Menschen auf, sondern einen ins Hochdeutsche übersetzten Konstanzer Dialektbegriff, der in dieser Form sozusagen ein „unerhörtes Wort“ war. Damit sorgte sie am Rande einer hoch spannenden Wahl, die von Streitereien und unfairen Aktionen begleitet war, wenigstens für etwas Heiterkeit.
Das begann bei der Auszählung im Wahlbüro, in dem Ilse Grimm als Wahlhelferin eingeteilt war. Der dortige Leiter verlas die Namen auf den Stimmzetteln, doch: „Auf einmal sagte er nichts mehr und schaute nur“, so die heute 79-Jährige. Als er das Wort schließlich ausgesprochen hatte, reagierten die Wahlhelfer teils mit Gelächter, teils auch empört. Und dann sei diskutiert worden, weil es ja hätte sein können, dass es jemand gibt, der so heißt. „Sie sind sich nicht einig geworden, was das ist“, schmunzelt Ilse Grimm. Viel Gelächter gab es dann im Wahlamt, als man die Wahlurne ablieferte mit der Bemerkung: „Wir haben einen. . . . drin.“
Gar nicht lustig fand das Ganze allerdings der damalige OB Franz Knapp, als sich der Gemeindewahlausschuss im Ratssaal zu später Stunde daran machte, das amtliche Resultat festzustellen. Bei der Prüfung der 167 ungültigen Stimmzettel und der 31 handschriftlichen Splitterstimmen, brachte der OB das „unerhörte Wort“ nicht über die Lippen, weil Damen anwesend waren. „Er war sehr integer, ein Herr der alten Schule“, erinnert sich Ilse Grimm. Erst als er dazu gedrängt worden sei, habe Knapp schließlich ganz schüchtern und leise gesagt: „Hier steht . . .“
Solche Anekdötchen darf es bei der kommenden OB-Wahl ruhig auch geben. Aber es bleibt zu hoffen, dass sie nicht so umstritten sein wird wie damals. Denn nach dem zweiten Wahlgang erhoben einige Bürger Einspruch mit dem Vorwurf, Helmle habe mit irreführenden Behauptungen die Wähler beeinflusst. Die Wahl wurde zunächst für ungültig erklärt. Und erst 1959, nach diversen Gerichtsprozessen, wurde dies revidiert. Zwei Jahre lang gab es deshalb keinen OB.
Ach ja: Das „unerhörte Wort“ war übrigens „Blasarsch“, im Dialekt „Blos-arsch“, eine fiktive Figur, mit der man damals andere veräppelte.
