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Überlingen Wohin mit den Truckern auf der B 31 am Bodensee?

Es gibt viel zu wenig Parkplätze für die Fernfahrer. 50 Plätze bei mehr als 2000 Lastwagen: Diese Not führt zu teils chaotischen Zuständen, nicht nur entlang der Bundesstraße B 31.

Ein Blick auf den Beschleunigungsstreifen bei der Autobahnraststätte Hegau reicht, um zu verstehen, dass es entlang unserer Straßen nicht genügend Parkplätze für Lastwagen gibt: Das unbefestigte Bankett ist zerfurcht, Löcher weisen darauf hin, dass hier schwere Lkw im Matsch fest steckten. Verzweifelt auf der Suche nach einem Ruheplatz, die Lenkzeitüberschreitung im Nacken, nutzen viele Fernfahrer den letzten freien Meter – selbst wenn dieser auf der Beschleunigungsspur liegt.

Entschleunigung auf Straßen im Bodenseeraum passiert ganz automatisch, weil angesichts der Verkehrsdichte schnelles Fahren gar nicht möglich ist. Doch für die Lastwagenfahrer ist der ständige Stau ein zusätzliches Problem. Denn auch, wenn sie im Stau stehen, gilt das als Lenkzeit. Die Lenkzeitenverordnung zwingt sie regelmäßig, einen Parkplatz anzufahren, den es entlang der ganzen B 31 am nördlichen Bodenseeufer aber praktisch nicht gibt. Auch im Zuge des Ausbaus der B 31 ist weder im Abschnitt Überlingen, noch im Abschnitt Friedrichshafen ein Neubau geplant, wie das Regierungspräsidium Tübingen (RP) mitteilt. So stehen auf einer Strecke, die täglich von rund 2200 Schwerlastwagen (Zählstelle Harlach bei Hagnau) befahren wird, nur etwa 50 Parkplätze zur Verfügung.

Klaus-Peter Seiß ist Fernfahrer für Unilux Fenster in Salmtal bei Trier. Er befindet sich auf der Rückfahrt aus der Schweiz und hat Glück, dass er an der Autobahnraststätte Hegau noch einen freien Parkplatz fand, um die vorgeschriebene Ruhezeit einhalten zu können. Wie er berichtet, suchen sich viele Fahrer in der Not in Industriegebieten einen freien Platz, wenn die regulären Parkplätze voll sind, unter teils katastrophalen hygienischen Bedingungen. Duschen und Toiletten gibt es dort ja nicht. Auf einem Parkplatz an der B 31 alt bei Überlingen steht wenigstens ein Dixi-Klo. Doch sagt Seiß angesichts der Hinterlassenschaften: „Ich schäme mich für meine Kollegen.“

Seit 37 Jahren ist Seitz verheiratet, schon immer führte er eine Wochenend-Beziehung. „Ich habe nie etwas anderes gemacht“, sagt er über sich und seinen Beruf. Die Zeit auf dem Parkplatz schlägt er sich mit Fernsehen und Telefonieren tot. Seiß hat Glück und verdient so gut, dass er sich eine Dusche auf einem der Rasthöfe leisten kann. Drei Euro kostet eine Dusche. Es gibt aber viele Fernfahrer, vor allem aus Osteuropa, die sich das nicht leisten können. „800 Euro pro Monat“, habe ihm einmal ein Fahrer aus Bulgarien erzählt, verdienen sie dort. Dabei stehen die Fahrer aus dem Osten unter besonderer Belastung. Oft sind sie über Wochen unterwegs, während ihre deutschen Kollegen am Freitagabend nach Hause geholt werden. Das wiederum führe dazu, sagt Seiß, dass die ausländischen Fahrer ihre maximale Wochen-Lenkzeit auf sechs Tage verteilen können, sie pro Tag kürzere Fahrzeiten haben, und demzufolge als erste am Spätnachmittag die noch freien Parkplätze ansteuern.

Unfallgefahr Übermüdung

Nach Klaus-Peter Seiß fährt Gerold Häuptle aus Gammertingen auf den Rasthof Hegau. Häuptle ist als Fahrer bei der Spedition Stark in Mengen beschäftigt. Er transportiert Stahl aus der Schweiz nach Stuttgart. Weil es auf dem Parkplatz so eng zugeht, hilft ihm Seitz beim Einparken. Häuptle ist seit 30 Jahren verheiratet, auch er sieht seine Familie praktisch nur an den Wochenenden. An diesem Abend fällt ihm die Pause in der Einsamkeit nicht schwer: „Dortmund spielt und ich habe in meiner Kajüte Empfang“, sagt er freudestrahlend. Häuptle macht auf Schäden aufmerksam, die an den Lastwagen allenthalten vorhanden sind und an den Randbefestigungen der Parkplätze. „Jeder versucht, sich noch irgendwo hinzudrücken.“ Auf Nord-Süd-Verbindungen sei das Problem der vollen Parkplätze geringer als auf den Ost-West-Verbindungen in Europa. Bedenklich stimmt ihn die A2. „Jeden Morgen um vier Uhr gibt es dort einen Unfall mit einem Lastwagen, weil die Fahrer übermüdet sind.“ Übermüdung durch Lenkzeitüberschreitung, die es nur deshalb gebe, weil die Fahrer angesichts nicht vorhandener Parkplätze immer weiter fahren. Fahren müssen.

Von Lenkzeitüberschreitungen ist bei der Polizei im Präsidium Konstanz wenig bekannt. „Die Fahrerkarte ist unbestechlich“, sagt Fritz Bezikofer, Polizei-Sprecher. Die Zahl der Verstöße halte sich in Grenzen. Problem sieht er im Ausweichen in angrenzende Gewerbegebiete. Aus Mangel an Parkplätzen irrten abends zunehmend viele Fahrer durch fremdes Gebiet entlang der Bundesstraße und verstoßen zwangsläufig gegen Parkverbote.

Nach den „Empfehlungen für Rastanlagen an Straßen“ sollen entlang von Bundesstraßen nur dort Rastanlagen entstehen, wo Strecken von mehr als 50 Kilometern ohne Ortsdurchfahrten überbrückt werden. „Und nur an autobahnähnlich ausgebauten Bundesstraßen sind Rastanlagen standardmäßig mit einem WC-Gebäude auszustatten.“ Das teilte das RP Tübingen mit. Der Regelabstand betrage 25 bis 30 Kilometer. Demnach seien Rastanlagen entlang der B 31 als „Ausnahme“ anzusehen. Die 1986 bei Meersburg angelegte Rastanlage mit sechs regulären Lkw-Stellplätzen sei seinerzeit „unterschätzt“ worden, räumt das RP Tübingen ein. „Dementsprechend werden von den Lastwagenfahrern auch die eigentlich dem touristischen Straßenverkehr zugedachten kleineren Parkplätze entlang der B 31 insbesondere nachts voll belegt.“ Die Anlage bei Meersburg solle deshalb vergrößert werden.

Andrea Marongiu, Geschäftsführer beim Landesverband der Spediteure VSL in Stuttgart: "Das ist kein Bodenseethema, sondern bundesweit ein Problem." 50 000 Parkplätze bei Millionen von Fahrzeugen sei einfach zu wenig, wobei mit der Grenzöffnung nach Osten jedem klar gewesen sei, "dass es hinten und vorne nicht reicht". Marongiu: "Der Bund gibt Geld für den Bau von Parkplätzen, doch die Kommunen sehen keinen Grund, sie auf ihrer Gemarkung zu bauen."

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