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Überlingen Wirbel um Nakba-Ausstellung in Überlingen

Eine jüdische Mitbürgerin hält die Ausstellung in der Stadtbücherei für einseitig. Die Stadt will dennoch an der provozierenden Schau festhalten.

Wirbel um die Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“, die seit gestern in der Stadtbücherei gezeigt wird: Die Wanderausstellung, die schon in verschiedenen deutschen Städten und im vergangenen Jahr beim Kirchentag in Überlingen zu sehen war, ist umstritten, denn sie stellt die Gründung des Staates Israel ausschließlich aus der Perspektive der Palästinenser dar. Die Schau berichtet laut einer Pressemitteilung der Stadt über Flucht und Vertreibung und zeigt die Situation palästinensischer Flüchtlinge im Nahen Osten. Insgesamt 14 Tafeln zeigen laut Mitteilung die Geschichte des Konflikts zwischen Israel und Palästinensern aus der Sichtweise der Palästinenser. Die einseitige Darstellung in der Ausstellung biete Anlass zur Diskussion.

Kritik: Ausstellung „einseitig und geschichtsverfälschend“

Minia Joneck, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Konstanz bis 2012, hat sich in einem Schreiben an die Stadt bereits im Vorfeld kritisch über die Schau geäußert. Sie bezeichnete die Ausstellung als „einseitig und geschichtsverfälschend“. Sie sprach sich dafür aus, die Ausstellung abzusetzen. Ähnlich hätten sich zum Beispiel in der Vergangenheit auch schon die Israelische Religionsgemeinschaft Württemberg und andere Organisationen geäußert.

„Es hätte die Möglichkeit gegeben, die Ausstellung so zu konzipieren, dass palästinensische und jüdisch-israelische Positionen Platz gefunden hätten“, sagt Minia Joneck, die sich schon 2012 kritisch geäußert hatte, auf Anfrage des SÜDKURIER. Dies hätte man über ein Begleitprogramm erreichen können, das beiden Seiten gerecht werde. Es hätte eine fruchtbare Zusammenarbeit geben können, allerdings habe man die Jüdische Gemeinde in die Planung nicht einbezogen. „Ich kann darin nichts Gutes sehen, wir kreieren damit einen Konflikt, der nicht sein muss“, betont sie. Der für die Ausstellung gewählte Zeitpunkt ließe aufgrund der anstehenden jüdischen Feiertage auch zeitlich keine Beteiligung zu.

Stadt will an provozierender Ausstellung festhalten

Die Stadt Überlingen geht auf Distanz, möchte an der provozierenden Ausstellung aber festhalten, um eine Diskussion zu ermöglichen. Einen Abbruch lehne sie ab. Die Stadtbücherei wünsche sich einen regen Meinungsaustausch. Die Ausstellung könne Anstöße geben, so dass sich Besucher mit dem Thema auseinandersetzen und sich eine eigene Meinung bilden. Oberbürgermeisterin Sabine Becker weist darauf hin, dass der Stadt Einseitigkeit oder gar Antisemitismus trotz der aktuellen einseitigen Ausstellung in der Stadtbücherei nicht vorzuwerfen sei.

Annelie Müller-Franken, Leiterin der Volkshochschule Bodenseekreis, betont: „Ich bin überrascht über den heftigen Gegenwind.“ 2009 habe man die Ausstellung in Friedrichshafen gezeigt und keinen Widerstand erfahren. Man habe durchaus Interesse daran, gegensätzliche Meinungen zu diskutieren. Jeder sei eingeladen, auch seinen Protest zu äußern. Es gebe auch immer wieder Veranstaltungen, bei denen nur die jüdische Seite dargestellt werde. „Ich sehe das Angebot als ausgewogen an“, sagt Müller-Franken. Ausschlaggebend dafür, die Ausstellung zu zeigen, sei gewesen, dass sie durch öffentliche Gelder der Stiftung „Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg“ und des „Evangelischen Entwicklungsdienstes“ gefördert wurde. Diese Gelder würden nur in Projekte fließen, die für förderungswürdig erachtet werden. Den Einwand der Kölner Erklärung, dass die Ausstellung lückenhaft sei, könne sie nicht nachvollziehen. Dennoch nehme man die Kritik ernst. „Wir führen Gespräche, um andere Positionen verstehen zu können.“

Renate Khurdok von der Initiative „Salem Salam Shalom Salem“, welche die Ausstellung initiiert hat, betont: „Ich denke, man muss die Empfindsamkeiten der Jüdischen Gemeinde ernst nehmen. Man darf aber nicht immer nur das eigene Leid sehen, sondern muss auch das der anderen Seite ernst nehmen. Daher müssen wir es auch nicht so weit treiben, gleich die ganze Ausstellung abzusagen.“

 

Informationen zur Ausstellung

Die Stadtbücherei zeigt bis 27. September die Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“. Konzipiert wurde die Ausstellung vom Verein „Flüchtlingskinder im Libanon“. Begleitet wird sie von zwei Vorträgen. Der Islamwissenschaftler und Politologe Michael Lüders spricht am 20. September über den „Krisenherd Naher Osten“. Am 27. September steht ein Vortrag von Peter Vonnahme auf dem Programm. Die beiden Vorträge hat die Initiative „Salem Salam Shalom Salem“ organisiert. (wie)

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