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Überlingen Wie die „Überlingen“ auf der grünen Wiese landete

Einst durchpflügte die MS Überlingen den Bodensee, mit der Ende der Dampfschiffära war sie in Dienst gestellt worden. Jetzt dient das Schiff als Restaurant im österreichischen Gaißau.

Das österreichische Städtchen Gaißau unweit der Schweizer Grenzstadt St. Margrethen liegt etwa fünf Kilometer vom Bodensee entfernt. Dort steht, mitten auf der grünen Wiese, ein altes Bodensee-Kursschiff. Es beherbergt heute ein chinesisches Restaurant, in dem Chef Yongsai Hu im breitesten Bregenzer Dialekt die Geschichte seines Restaurants und die des Schiffes erzählt – Letztere führt nach Überlingen.

Ende der 30er Jahre war das Ende der Dampfschifffahrt auf dem Bodensee gekommen, zu unwirtschaftlich war ihr Betrieb geworden. 1927 wurde das 38 Meter lange und 6,80 Meter breite Motorschiff Höri in Dienst gestellt. Statt Schaufelräder trieben moderne Doppelschrauben das neue Schiff an. Die „Höri“ ersetzte, sehr zum Leidwesen der Überlinger, den alten Dampfer „Stadt Überlingen“.

Zunächst fuhr die „Höri“ alleine auf dem Untersee, wurde nach der Fertigstellung ihres Schwesterschiffes „Mainau“ im Jahre 1928 dann aber in den Überlinger See verlegt. Von 1930 an bedienten die beiden Schiffe zusammen den Kurs von Konstanz nach Überlingen und zurück. Um 6 Uhr fuhr das eine Schiff von Konstanz nach Überlingen, das andere um 6.20 Uhr im Gegenkurs von Überlingen nach Konstanz. So ging das den ganzen Tag, bis 22.35 Uhr.

Den Krieg hätte die „Höri“ beinahe nicht überlebt, 1944 sank sie in Ludwigshafen nach einem Tieffliegerangriff. Jedoch wurde sie gehoben, renoviert und kam anschließend wieder in Dienst. Noch 1960 wurde die „Höri“ grundlegend renoviert und erweitert, sie wurde schneller und konnte statt 300 nunmehr 400 Passagiere befördern.

Im Krieg gesunken

Die größte Ehre kam ihr 1964 zuteil: Sie wurde umbenannt in „Überlingen“. Nicht jeder Überlinger teilte damals die Freude, denn eigentlich war das Schiff nicht würdig für solch einen stolzen Namen, es war schlichtweg zu klein und schon viel zu alt. Die Tage der „Überlingen“ waren auch tatsächlich schon gezählt. Der aufkommende Massentourismus auf dem Bodensee machte neue und größere Schiffe notwendig. Den Namen Überlingen trug sie nur fünf Jahre und fünf Tage, dann wurde sie ausgemustert.

Das Schicksal ihres Schwesterschiffes hat sie jedoch nicht ereilt: Während Motorschiff „Mainau“ verschrottet wurde, blieb die Überlingen noch einige Zeit auf dem Wasser, sie wurde an den Lindauer Segelclub verkauft und diente dort als Vereinsheim. 1978 fand sich ein neuer Besitzer für das Schiff.

Ein altes, undatiertes Foto der „Überlingen“ in Gaißau. Das Foto muss nach 1978, als das Schiff nach Gaißau überführt wurde, und vor 1980 entstanden sein, als Familie Hu das Restaurant eröffnete.
Ein altes, undatiertes Foto der „Überlingen“ in Gaißau. Das Foto muss nach 1978, als das Schiff nach Gaißau überführt wurde, und vor 1980 entstanden sein, als Familie Hu das Restaurant eröffnete. | Bild: Privat

Der neue private Eigner überführte die „Überlingen“ nach Österreich. Hinter dem schweizerischen Flugplatz St. Gallen-Altenrhein mündet der Alte Rhein, von dort aus ging es durch das ehemalige alte Flussbett des Rheines flussaufwärts bis Gaißau. Schließlich wurde die „Überlingen“ gleich neben dem Alten Rhein auf Land gesetzt. Und dort steht sie noch heute, inmitten einer grünen Wiese. Den stolzen Namen Überlingen trägt sie schon lange nicht mehr, „Hu Bin“ ist ihr neuer Name, der steht auf ihr in Deutsch und Chinesisch: „Das schwimmende Restaurant“. Aber so ganz stimmt das ja nicht, denn das Restaurant schwimmt nicht und „Hu Bin“ heißt übersetzt auch nicht schwimmendes Restaurant, sondern Seeufer. Der Name „Hu Bin“ ist eine Anspielung auf die Familie Hu, die das Chinarestaurant auf der „Überlingen“ seitdem betreibt. Ursprünglich stammte Familie Hu aus der chinesischen Provinz Zhejiang südlich von Shanghai, seit über 30 Jahren ist sie schon in Österreich und bewirten ihre Gäste auf dem Schiff.

Das Personal (von links): Lili Hu (Leiterin Service), Chefkoch Shilling Luo und Yongsai Hu (Wirt und Chef).
Das Personal (von links): Lili Hu (Leiterin Service), Chefkoch Shilling Luo und Yongsai Hu (Wirt und Chef).

„Als Erstes habe ich eine Heizung eingebaut“, erwähnt Yongsai Hu voller Stolz: „Kein Gast muss frieren wie in alten Zeiten auf dem See.“ Später habe er dann das ehemalige Freideck überbaut, somit stehen ihm jetzt drei Salons zur Verfügung. Lediglich auf dem Vorderdeck gibt es im Sommer noch ein paar Freiluftplätze.

„Nein, Buffet gibt es bei uns nicht“, betont Yongsai Hu, jedes Essen wird individuell zubereitet. Dafür sind Chefkoch Shiming Luo und seine Küchenmannschaft zuständig. Rind nach Art des Hauses oder Kalbfleisch Sezuan Art sind die Empfehlungen des Chefs, glücksbringende Drachen und Phönix die des Autors. Es ist in der Tat eine außergewöhnlich authentisch chinesische Küche und ein ebenso außergewöhnlicher Ort für ein Restaurant: Eigentlich schade, dass die alte „Überlingen“ auf der grünen Wiese in Gaißau steht und nicht mehr schwimmt. „Doch!“, sagt Yongsai Hu, einmal im Jahr schwimmt die Überlingen wieder, so wie in alten Zeiten. Das passiert jährlich beim Hochwasser im Frühjahr, wenn die Wiese überflutet wird und die „Überlingen“ wieder Wasser unter dem Kiel hat. Beim Jahrhunderthochwasser 1999 wäre sie sogar beinahe davongeschwommen. „Seitdem haben wir sie gut angebunden.“ Irgendwie verständlich, dass die „Überlingen“ wieder auf den See möchte.

Drei Mal MS Überlingen

Nachdem von 1895 bis 1963 bereits zwei Dampfschiffe unter dem Namen Stadt Überlingen auf dem Bodensee unterwegs waren, gab es drei weitere Schiffe mit dem Namen MS Überlingen: 1964 wurde die 1927 in Dienst gestellte MS Höri in MS Überlingen umbenannt. Mit dem Freiwerden des Namens durch Ausmusterung der alten Überlingen 1969 erhielt die MS Deutschland im Mai 1970 den Traditionsnamen Überlingen. 2005 wurde das Schiff im österreichischen Fußach verschrottet. Es dauerte fünf Jahre, bis es wieder eine MS Überlingen gab. Auf großen Wunsch der Überlinger Bürger wurde ein neues Passagierschiff am 19. Juni 2010 auf MS Überlingen getauft. (sk)

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