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Überlingen Überlinger Shanty-Chor und Bodensee Shantymen begraben ihren alten Streit

Die beiden Chöre, die sich 2002 nach dem Waschen von viel schmutziger Wäsche getrennt hatte und seither spinnefeind waren, reichen sich die Hände. Nach einjähriger Vorbereitung geben sie am 7. Oktober ein erstes gemeinsames Konzert. Dieser "Shanty-Gipfel" im Kursaal soll einen Neuanfang markieren.

Wer die Vergangenheit der zwei Chöre kennt, hätte diesen Handschlag noch vor kurzem für völlig unmöglich gehalten. Stellvertretend für die Bodensee-Shantymen und den Überlinger Shanty-Chor reichen sich die beiden Vorsitzenden Harald Schopp und Chris von Bennigsen symbolisch die Hände. Damit beenden sie öffentlich einen langen Streit, der 2002 mit der Abspaltung der Shantymen aus dem Shanty-Chor heraus begonnen hatte und später teils groteske Züge annahm. "In beiden Vereinen sind die hauptverwantwortlichen Personen nicht mehr aktiv und da sollten wir doch versuchen, wieder miteinander auszukommen", sagt Schopp. Und von Bennigsen fasst es sachlich zusammen: "Wir haben 15 Jahre nicht mehr miteinander gesprochen, jetzt reden wir wieder miteinander."

Mehr noch, sie singen wieder gemeinsam: Am Samstag, 7. Oktober, 19 Uhr, kommt es im Kursaal zum "Überlinger Shanty-Gipfel", wie die "Bodensee Shantymen" und der Shanty-Chor ihr Gemeinschaftskonzert nennen. "Wir wollen das auch als Signal sehen, dass wir auf dem Weg sind, wieder normal miteinander umzugehen", sagt Schopp. Von Bennigsen sieht darin "ein wunderschönes Zeichen nach außen, dass die Chöre nicht mehr verfeindet sind". So soll der Shantygipfel aus drei Blöcken bestehen. Zuerst singt der Shanty-Chor, dann präsentieren sich die Shantymen. Schließlich gehen beide gemeinsam auf die Kursaalbühne.

Rund 14 Jahre lang befanden sich beide Chöre auf direktem Konfrontationskurs. Vor ziemlich genau einem Jahr, beim Konzert des Shanty-Chores auf der Hofstatt am 26. Mai 2016, läuteten die beiden Vorsitzenden den Kurswechsel ein. "Wir haben uns mehr oder weniger zufällig kennen gelernt", sagt Schopp. Der Kontakt sei an jenem Abend über Werner Wolf, den Chorleiter des Shantychores, zustande gekommen. "Wir hatten gleich das Gefühl, wir können miteinander", meint von Bennigsen. Die beiden verständigten sich schnell auf eine Reihe von Treffen, bei denen von jedem Chor drei Mitglieder dabei sein sollten: Jeweils der Vorsitzende, der musikalische Leiter und je einer aus der alten Garde, der noch die Zeit vor der Spaltung miterlebt hatte. "Und es war, als ob die Chöre nie auseinander gewesen wären", beschreibt Schopp.

Die Bodensee-Shantymen bringen derzeit 25 aktive Sänger sowie Musikerinnen und Musiker auf die Bühne. Bild: Bodensee-Shantymen
Die Bodensee-Shantymen bringen derzeit 25 aktive Sänger sowie Musikerinnen und Musiker auf die Bühne. Bild: Bodensee-Shantymen

Nach wenigen Sätzen hätten man gemeinsame Erlebnisse von einst ausgetauscht, Erinnerungen hervorgekramt. "Man muss bedenken, das sind ja auch Leute, die sich privat kannten", meint von Bennigsen. Schopp beschreibt: "Das war eine ganz bizarre Situation – alte Freunde, die viele Jahre kein Wort miteinander geredet haben und sich aus dem Weg gingen, treffen sich wieder." Bei der letzten Zusammenkunft im März seien dann bereits konkrete Aufgaben verteilt worden und beide Chöre bildeten je eine Arbeitsgruppe. Und man verständigte sich auf den Namen "Shanty-Gipfel" für das erste gemeinsame Konzert.

Gab es Einwände aus dem Kreis der Sänger, Skeptiker? "Bei 25 Personen können nicht alle Meinungen gleich sein", meint Schopp. Wo es Bedarf gegeben habe, habe man mit dem Kameraden gesprochen. Ähnlich ging man im Shanty-Chor vor. "Aber insgesamt war die Resonanz positiv", fasst von Bennigsen zusammen. Nun geht der Blick der beiden Vorsitzenden nur noch nach vorne. Sie sind sich einig: "Wir möchten neu anfangen und keine alten Sachen mehr aufrollen." Dass es einzelne Kameraden gibt, die den neuen Kurs für falsch halten, das müsse man akzeptieren. "Quertreiber wird es immer geben!", meint Schopp.

Der Überlinger Shantychor beseht derzeit aus 29 Aktiven Sängern und Musikern. Bild: Shantychor
Der Überlinger Shantychor beseht derzeit aus 29 Aktiven Sängern und Musikern. Bild: Shantychor

Ist der Shanty-Gipfel der erste Ruderschlag in Richtung einer Wiedervereinigung beider Chöre? "Im Moment reden wir darüber nicht", verneint Schopp. "Wir wollen erst mal wieder miteinander auskommen", sagt von Bennigsen, "ein Zusammenschluss ist sowieso kein Thema, solange da personell keine Notwendigkeit besteht". Und Schopp: "Alles andere zeigt die Zukunft."

Jetzt gehe es darum, aus der Annäherung künstlerische Kraft zu schöpfen, machen die Vorsitzenden deutlich. Denn die beiden Chöre haben sich in 15 Jahren in verschiedene Richtungen entwickelt. Als GbR, als Gewerbe, sind die Shantymen laut Schopp darauf angewiesen, sich selbst durch Auftritte zu finanzieren. Der Shanty-Chor indes habe mehr Kurzauftritte, etwa in Altenheimen, und singe lediglich zwei, drei eigene Konzerte pro Jahr wie die "Haifischbar" – und Benefizkonzerte. Übrigens: Zur nächsten Haifischbar lädt der Shanty-Chor an Samstag, 10. Juni, 19.30 Uhr, in den Kursaal ein.

Extrem sind die Unterschiede bei den Instrumenten. Während der Shanty-Chor mit ihrem Akkordeonisten Werner Wolff und einer kleinen Combo auskommt, können die Shantymen volle Klangbreitseiten abfeuern: Sie bringen neben Akkordeon und Gitarre auch Hawaii-Gitarre, Flöte, Geige, Dudelsack, Mundharmonika, E-Bass und Schlagzeug auf die Bühne. "Instrumental sind die Shantymen wesentlich besser aufgestellt als wir", sagt von Bennigsen.


Die lange Geschichte einer Trennung

Entstanden ist der Überlinger Shanty-Chor im Jahr 1999 unter dem Dach der Überlinger Chorgemeinschaft. Nach drei Jahren kam es im Juli 2002 in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zum offenen Bruch. Mit der Trennung zogen die Freunde maritimen Liedgutes den Schlussstrich unter monatelange Streitereien. Beim Shanty-Chor blieben damals 22 Aktive. 16 weitere Mitglieder schlossen sich dem Chorleiter Paul Häseler an und bildeten mit ihm die neuen Bodensee-Shantymen GbR. Aus dem Shanty-Chor heraus wurde Häseler als Ursache für die Spaltung gesehen. Er setzte damals seine eigenen Vorstellungen von Sangesqualität durch und wie er das tat, darüber herrschten in den beiden Lagern höchst gegensätzliche Meinungen. Er habe eben auch mal deutlich gesagt, wenn einer zu laut oder zu unsauber sang, meinten seine Anhänger. Wer seinen Ansprüchen nicht gerecht geworden sei, den habe er regelrecht gemobbt, meinten die vom Chor. Unstrittig war, dass Häseler die Freizeitsänger zu neuen Höhen führte.

Im Laufe der Jahre eskalierte der Streit zwischen den beiden Chören immer mehr und erreichte Ende 2011 neuen Höhen. Im Shantychor gab es welche, die felsenfest davon überzeugt waren, dass Häselers Truppe ihre Konzerte bewusst vor Termine des Shantychors legt, um dem das Publikum zu nehmen. Und die Shantymen glaubten, die anderen würden ihre Plakate abreißen. Nur zwei Beispiele. Aktuell ist aus den Shantymen zu hören, man habe man sich von Paul Häseler, der damals auf seinen 80. Geburtstag zuging, vor zwei Jahren "einvernehmlich getrennt".

Beide Chöre sind heute gut aufgestellt und haben im Gegensatz zu so manchem anderen – klassischen – Gesangsverein keine Personalprobleme. Der Shanty-Chor hat aktuelle 29 Sänger und Musikerinnen und Musiker. Die Shantymen bestehen momentan aus 25 Aktiven.

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