Schule muss rein gar nichts mehr mit dem zu tun haben, was man von seiner eigenen Schulzeit her noch kennt. Das wird deutlich bei einem Blick in die Sipplinger Grund- und Hauptschule, wo die Schüler selbst bestimmen, wann sie in welchem Tempo sich mit welchem Themenfeld beschäftigen.
Jeder Schüler macht hier im Klassenzimmer sein eigenes Ding, und trotzdem gehören sie zu einer Schulklasse: Kevin lernt die Grundrechenarten. Sein Nebensitzer Patric grübelt über geometrische Figuren nach. Gleichzeitig paukt Leon Kopfrechnen. Tobias und Kevin informieren sich gemeinsam über die Steinzeit. Felix lernt, mit Geld zu rechnen. Fabian macht sich in Erdkunde schlau. Simon studiert die alten Römer. Leona und Sonia bringen sich in Biologie gegenseitig bei, wie man richtig sitzt. Und alles zur gleichen Zeit in einem Zimmer.
Wer einen Blick in die Sipplinger Grund- und Hauptschule wirft, lernt sofort das eine: Schule muss rein gar nichts mehr mit dem zu tun haben, was man von seiner eigenen Schulzeit her noch kennt. Rektor Thomas Randecker spricht von einem Paradigmenwechsel, den er an der Burkhard-von-Hohenfels-Schule eingeleitet habe. Mit einem Satz ausgedrückt, um was es geht: „Die Kinder werden bei uns nicht mehr unterrichtet, sie lernen nicht mehr das, was ihnen der Lehrer vorgibt, sondern das, was sie sich selbständig erarbeiten.“
Selbstorganisiertes Lernen (SOL) nennen die Pädagogen diese Form der Schule. Und warum diesen völlig neuen Ansatz? „Weil die Schüler fähig sind dazu“, sagt Randecker. Weil die Eltern Gefallen daran fänden und die Schüler sowieso. „Mein Kind geht plötzlich wieder gerne in die Schule“, lauteten die Kommentare der Eltern, die ihre Kinder hier angemeldet haben. Bisher schwierige Kinder kämen plötzlich zur Ruhe, „sie sehen in der Schule keine Anstalt mehr, die sie zu etwas zwingt“.
Zurück ins Klassenzimmer: Kevin sitzt angestrengt über Matheaufgaben. Er rechnet eine Übung nach der anderen durch, kontrolliert sie mit dem Taschenrechner auf Richtigkeit. Ab und zu wirft er den Bleistift verärgert in eine Ecke, arbeitet dann aber wieder konzentriert weiter. Daran, dass Besucher im Raum stehen und seine Mitschüler mit völlig anderen Aufgaben beschäftigt sind, stört er sich nicht im Geringsten.
„Bisher“, sagt Rektor Randecker, „hat man in der Schule so getan, als ob alle Kinder zur gleichen Zeit dasselbe lernen könnten – bei allen unterschiedlichen Voraussetzungen, die die Kinder mitbringen“. Nicht so an seiner Schule. Während Kevin Mathe macht, beschäftigen sich Leona und Sonia gemeinsam mit Biologie, speziell mit der Wirbelsäule. Material dazu gab ihnen ihr Lehrer. Die Informationen ausgewertet, gewichtet und für sich in einen verständlichen Zusammenhang gebracht, haben sie selbst. Auf einem Plakat fassten sie in Bildern und Texten die wichtigsten Inhalte zusammen. Nun geht es darum zu beweisen, dass sie das Gelernte kapiert haben. Das demonstrieren sie anhand eines kleinen Rollenspiels. Dafür setzen sie drei Schüler auf unterschiedliche Weise auf Stühle. Aufrecht, fläzend oder vorne übergebeugt nehmen die Kinder Platz. Leona und Sonia erklären nun, welche Folgen aus den Sitzhaltungen für die Wirbelsäule erwachsen können. Ihr Lehrer Karl Niedermann, der den Lern-Prozess im Hintergrund begleitet hat, nickt zufrieden.
Randecker lernte das Modell des selbstorganisierten Lernens an der Grund- und Hauptschule in Bergatreute bei Ravensburg kennen und kopierte es vor zweieinhalb Jahren für Sipplingen. Derzeit werden an der Sipplinger Schule noch beide Arten des Unterrichts angeboten. Eltern, die ihren Kindern das freie Arbeiten nicht zutrauen oder denen das Vertrauen in die Wirksamkeit des neuen Modells fehlt, können ihren Nachwuchs in einer herkömmlichen Klasse anmelden. Für das neue Modell haben sich derzeit insgesamt 16 Schüler entschieden, Schüler der Jahrgangsstufen fünf, sechs und sieben. Sie sitzen alle gemeinsam in einem Klassenzimmer und helfen sich gegenseitig. Siebtklässler wiederholen auf diese Weise ganz automatisch den Stoff aus den Vorjahren.
Das Konzept funktioniert nur, wenn die Vorbereitung stimmt. „Wir brauchen gute Materialien, die selbsterklärend sind“, sagt Lehrer Karl Niedermann. Dabei geht er grundsätzlich von einem hohen Niveau aus. „Wenn ich Schülern etwas zutraue, dann schaffen sie es auch.“ Er werfe, bildlich gesprochen, die Schüler ins Wasser, auch wenn er wisse, dass sie noch nicht schwimmen können. Seine Aufgabe als Lehrer verstehe er hierin: „Loslassen, ohne den Schüler allein zu lassen, ihn begleiten, in Beziehung zu ihm bleiben.“ Er habe „nichts gegen guten Frontalunterricht“. Bei bestimmten Themen funktioniere er gut, nur nicht immer.
Ihr Modell sei nichts Abgehobenes, betont Rektor Randecker. SOL sei als fertig ausgearbeitetes Konzept im Kultusministerium bekannt. Man müsse es nur umsetzen. Die Inhalte, die die Schüler lernen, entsprächen zu hundert Prozent dem Bildungsplan, den jede andere Schule auch abarbeitet. Die Aufgabe des Lehrers bestehe darin, die Schüler dahingehend zu überwachen und zu motivieren, im Laufe der Schuljahre alle Themenfelder zu beackern und alle Leistungsstufen zu erklimmen.
Klassenarbeiten werden auch beim selbstorganisierten Lernen. So sieht es das Kultusministerium vor. Wobei Thomas Randecker die Arbeiten unter einer völlig anderen Perspektive betrachtet: „Die Note lehrt einen Lehrer, ob er seinen Job gut gemacht hat.“