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Überlingen Schreibwaren Feyel schließt nach 141 Jahren

In Überlingen endet eine Ära: Nach 141 Jahren muss die Druckerei und das Schreibwarengeschäft Feyel im Juli schließen. Das Haus an der Münsterstraße wurde an einen Investor aus Konstanz verkauft. Er will das denkmalgeschützte Gebäude sanieren.

Eine 141 Jahre lange Unternehmensgeschichte geht im Juli zu Ende. Für die 1876 gegründete Buchdruckerei Aug. Feyel und den angeschlossenen Schreibwarenhandel gibt es keine Zukunft. Die Erbengemeinschaft des 2011 verstorbenen Inhabers Reinhard Feyel verkaufte das Gebäude, das die Münsterstraße prägt, an einen Investor. Der neue Inhaber der Immobilie, Timo Doser von der Konstanzer Baugesellschaft Doser und Partner, sagt dazu: „Ich freue mich, das reizvolle Objekt in Überlingen ab Sommer sanieren zu können. Wir rechnen mit einer etwa einjährigen Bauzeit. Geplant sind ein neues Dachgeschoss, Wohnungen sowie im Erdgeschoss eine Gewerbeeinheit, alles in enger Absprache mit dem Denkmalamt, denn das Haus steht ja unter Denkmalschutz."

In Konstanz habe man bereits einige denkmalgeschützte Immobilien saniert und daher Erfahrung auf diesem Gebiet, sagt Timo Doser. Erste Gespräche mit dem Denkmalamt Tübingen und dem Architekten hätten bereits stattgefunden. Das Gebäude bliebe erhalten, geplant sei jedoch, den Dachstuhl auszubauen und mit dieser Maßnahme eine zusätzliche Wohneinheit zu schaffen, so Doser. Es befinden sich bisher zwei große Wohnungen im Gebäude, die als Wohnraum erhalten bleiben sollen. In der ehemaligen Druckerei, einem Anbau, könnte sich Doser ein Loft vorstellen, möchte sich dazu aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht festlegen. Eine Gewerbeeinheit im Erdgeschoss sei ebenfalls geplant. Auf Nachfrage, ob denn die bisherigen Mieter des Ladengeschäftes, der Schreibwarenhandel Feyel, um eine weitere Nutzung ersucht hätten, erklärt Timo Doser: „Ja, sie haben gefragt, aber ich kann doch zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts Konkretes zur Größe oder zum Mietpreis sagen und wir brauchen auch etwa ein Jahr Bauzeit, daher wäre das schlecht möglich gewesen." Im Sommer sollen die Bauarbeiten starten, beginnend mit den Wohnungen, da diese relativ einfach zu sanieren seien. 

Inhaberin Margot Feyel sagt, bei den heute in der Innenstadt erwarteten Gewerbemieten und der Stadtentwicklung lohne sich ein Weiterführen ihres Geschäfts nicht mehr. Die 64-Jährige leitet den Bereich Schreibwaren seit über 33 Jahren und kümmerte sich nach dem Tod Reinhard Feyels auch um die Drucksachen. Sie hat andere Pläne, wie sie erzählt: "In meinem Alter möchte ich nicht an einem anderen Standort in Überlingen neu starten, das ist doch verständlich. Ich hätte das Geschäft jedoch gerne noch weiter betrieben und dann an meine Mitarbeiterin Andrea Broeski übergeben. Sie ist seit 31 Jahren hier bei uns und wird nun arbeitslos. Das ist doch sehr bedauerlich, aber was soll ich machen", resümiert Feyel.

Die Druckaufträge habe man bereits seit 2012 außer Haus gegeben, aber für die Kunden sei man vor Ort der Ansprechpartner gewesen, erklärt Margot Feyel. Geschäft wie Inhaberin sind in Überlingen eine Art Institution. Wer war nicht schon auf der Suche nach dem Besonderen, einer ausgefallenen Geschenkverpackung, einem edlen Schreibgerät, Schulbedarf für die Kinder. Noch heute, nach 14 Jahren, entdecke sie Ware, die sie nie zuvor gesehen habe, berichtet Elisabeth Weihe. "Kein Wunder, unsere Inventurliste beträgt über 170 Seiten, und da sind schon manche Artikel gebündelt", fügt die Inhaberin schmunzelnd hinzu.

Gabriele Bennewitz, langjährige Kundin, erzählt, bei Feyel sei sie immer fündig geworden, qualifizierte Beratung und ein nettes Gespräch inklusive. Sie bedauert: "Mein Lieblingsgeschäft hört nun auf, und wieder verliert Überlingen ein Stück seiner Seele. Was bleibt, sind Märkte und Ketten, nichts Individuelles mehr. Das halte ich für eine vollkommen ungute Entwicklung." Ein älterer Herr geht im Geschäft umher. Bitte, darf ich mich etwas umsehen, fragt er. Auch er sei ein Stammkunde und komme sich komisch vor auf der Suche nach einem Schnäppchen, erklärt er.

Komisch ist ein Wort, das Margot Feyel ebenfalls wählt. Blumen habe sie erhalten, fast wie zu einer Beerdigung, das sei ein komisches Gefühl. Aber das zeige ihr auch, wie gern die Menschen in das Geschäft gekommen seien, sagt sie und zeigt auf mehrere Blumen in Vasen auf einem Tisch.

Ein Blick in die Geschichte

Dass er in der Stadt eine Buchdruckerei errichtet habe, die auf das Beste eingerichtet ist, teilte Friedrich Amolsch, Schwiegervater von August Feyel, in einer Anzeige des Überlinger Seeboten, Vorläufer des SÜDKURIER, am 26. Juni 1876 zur Geschäftsgründung mit. Im selben Jahr übernahm August Feyel die Leitung der Firma, die dann in seinen Besitz überging. Das Geschäftslokal befand sich ursprünglich in der Christophstraße.

Zum 100. Geburtstag gratulierten viele Geschäftsleute, wie Friedrich Breinlinger, damals Geschäftsführender Gesellschafter des SÜDKURIER, sowie der Kulturreferent der Stadt Überlingen, Guntram Brummer. Die Liste der Gratulanten liest sich wie ein Who is Who der Branche Druck und Papier.

Nach 1888 weitete sich das Angebot der Druckerei ständig aus. Schon damals wurden Bücher und Zeitschriften, später auch Spielwaren geführt. 1899 verstarb August Feyel im Alter von 48 Jahren. Sein 20-jähriger Sohn Fritz übernahm den Betrieb. Im Jahr 1906 war das Angebot an amtlichen Vordrucken auf 700 angewachsen.

Mit Prospekten der Druckerei Feyel warb Überlingen bereits 1906 als Luftkur- und Badeort. Bis zum Ersten Weltkrieg erlebte die Druckerei einen bedeutenden Aufschwung. Über die Kriegsjahre wurde sie von Anna Feyel weitergeführt, da ihr Mann Fritz und zwei Schriftsetzer eingezogen wurden. Die Aufträge waren während der Kriegsjahre auch aufgrund der Inflation merklich zurückgegangen. 1924 fing man quasi von vorn an und schaffte in wenigen Jahren den Anschluss an den früheren Erfolg.

1933 wurden Betriebe boykottiert, die sich nicht der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) anschlossen. Feyel gehörte dazu und die Auswirkungen waren für das Unternehmen geradezu dramatisch. Die Behörden wurden damals angewiesen, ihre Vordrucke nur von linientreuen Verlagen zu beziehen. Während des Zweiten Weltkriegs ging der Betrieb eingeschränkt weiter, da von den acht Mitarbeitern der Druckerei fünf als Soldaten eingezogen wurden. 1941 fiel der älteste Sohn, Buchdruckermeister Norbert Feyel, in Russland.

Mit der französischen Besatzungszone 1945 verbesserte sich die Auftragslage, kam aber mit der Währungsreform 1948 wieder fast zum Erliegen. Mit Beginn des Wirtschaftswunders 1955 erfolgte erneut der Aufschwung bei Feyel und setzte sich mit mehreren Renovierungen und der Anschaffung neuer Druckmaschinen bis in die heutige Zeit fort. Parallel dazu entwickelte sich auch der Bereich Schreibwaren.

Quelle: Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum, Herausgeber Reinhard Feyel

 


 

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