Die grundsätzlichen Ziele engagierter Sängerfreunde beiderlei Geschlechts sollten Wohlklang und Harmonie sein. Doch in der Überlinger Chorgemeinschaft ist es damit vorbei. Nicht etwa stimmlich. Erst am Wochenende wurde der Männerchor noch für "Oper in Concert" stürmisch gefeiert. Vielmehr sind es menschliche Disharmonien, die für schräge Töne unter den Sängerinnen und Sängern sorgen. Dabei sei hier ganz bewusst zwischen den Geschlechtern unterschieden, denn sie scheinen im Sängerstreit unter den gut 160 Aktiven in fünf Chören eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen.
Bernhard Schäuble, mächtiger Übervater der Chorgemeinschaft, im vergangenen März von einer neuen Vorstandriege abgelöst, teilt mit, dass der Männerchor zum Ende des Jahres aus der Chorvereinigung austritt und als neuer Verein eigene Wege geht. Das hätten die rund 30 aktiven Sänger "nach langer und eingehender Diskussion nahezu einstimmig beschlossen, nachdem eine Einigung mit der neuen Vorstandschaft der Chorgemeinschaft nicht möglich war".
Wie pikant diese Abspaltung ist, eröffnet sich erst im Blick auf die Geschichte. Der 1861 gegründete Männerchor nämlich war der Boden, auf dem in den vergangenen Jahrzehnten alle anderen Chöre der Gemeinschaft wuchsen. Noch als Frauen längst Sopran und Alt einbrachten, hieß er weiterhin Männerchor. Bis Schäuble, der von 1970 bis 1976 schon einmal Vorsitzender gewesen war, 1990 wieder die Führung übernahm und die "Chorgemeinschaft" als Dach für einen Männer- und einen Frauenchor schuf, wie er erzählt. Seither sprossen aus dem aktiven Klangkörper noch Gospelchor, Madrigalchor und der Jugendchor "I Giovani Cantanti".
Nun beenden die singenden Herren dieses Kapitel Vereinsgeschichte und kehren mit einer symbolträchtigen Geste zu ihren Wurzeln zurück. Schäuble, von seinen Mannen offensichtlich bereits zum Vorsitzenden auserkoren, lädt auf Freitag, 23. November, 20 Uhr, ins Café Mokkas zur Gründungsversammlung des "Männerchor Überlingen" ein. Exakt an den Ort, damals hieß es noch "Gasthaus zur Rose", an dem sich der Chor vor 146 Jahren erstmals konstituierte.
"Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende", meint Schäuble. Darin immerhin scheint er sich mit der neuen Vorsitzenden der Chorgemeinschaft einig. "Es ist gut, dass sie gehen", sagt Susanna Zimmer, "wir hätten nie mehr Ruhe gehabt".
Nachdem Schäuble von 1990 bis 1995 erneut Chorchef gewesen war, übernahm er das Amt 2002 zum dritten Mal und kündigte - eigenem Bekunden nach - im vergangenen Herbst an, er wolle nicht mehr kandidieren. Aus dem Verein heraus hingegen heißt es, er habe das lediglich als Drohung benutzt, um Veränderungen durchzusetzen. "Als wir dann tatsächlich einen neuen Vorstand zusammenbrachten, empfand er das als Demontage", glaubt ein ungenanntes Mitglied. Im vergangenen März bekam die Chorgemeinschaft drei Frauen an ihre Spitze, die sich, wie weiter zu hören ist, von vorneherein ganz dem Teamwork verpflichteten, von dem Schäuble nie allzu viel gehalten habe. Dass die Sprecher aller Chöre nun im Vorstand mitreden sollten, damit hätten Schäuble und seinen Männerchor ebenso ein Problem gehabt wie mit der Übermacht dreier junger Frauen als erste, zweite und dritte Vorsitzende. "Im Grunde existierte die Chorgemeinschaft für ihn nur als Männerchor", ist zu hören, "der Rest interessierte ihn nicht." In den vergangenen Monaten sei der Umgang dann aggressiver geworden, manchmal schon menschenverachtend. Dennoch bleibt der Jubel in der Chorgemeinschaft verhalten. Viele schmerze der Verlust, meint eine Sängerin. "Wenn Herr Schäuble nicht dazwischen funkte, hatten wir eigentlich ein gutes Verhältnis zu den Männern."
Von Streit oder Problemen mit seiner Person weiß Schäuble selbst nichts. "Es gab zunehmend Meinungsverschiedenheiten zwischen Männerchor und der neuen Vereinsführung - der Männerchor wollte sich selber organisieren und finanzieren, das war der eigentliche Knackpunkt."
Ob es gelingt, wie Schäuble hofft, "auch in Zukunft in guter Nachbarschaft miteinander zu leben"? Misstöne klingen im Ohr ja oft viel länger nach als angenehme Harmonien.